Ver­liebt, ver­lobt, ver­hasst

Die­ser Na­me scheint für die Ewig­keit ge­macht: Bran­ge­li­na. Trotz­dem ist es wahr. An­ge­lina Jo­lie und Brad Pitt las­sen sich schei­den. Der Welt steht ein wei­te­rer Ro­sen­krieg be­vor. Ein Psy­cho­lo­ge er­klärt, war­um wir mit­lei­den – und auch ein biss­chen er­leich­ter

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON SA­RAH RIT­SCHEL

Augs­burg Es gibt Na­men, die ge­hö­ren ein­fach zu­sam­men. Die sagt man im­mer in ei­nem Satz. Sieg­fried und Roy. Son­ny und Cher. Bo­ris und Babs. Man­che trennt erst der Tod. Die an­de­ren tren­nen sich selbst.

Und dann gibt es die­sen Na­men, der gar nicht trenn­bar scheint: Bran­ge­li­na. Zwei Na­men ei­gent­lich, zu ei­nem ver­schmol­zen. Zwei Per­so­nen, al­lein schon welt­be­rühmt, doch seit 2004 das schöns­te Paar der Welt. Und schein­bar auch das per­fek­tes­te. Sie ad­op­tie­ren drei Kin­der, be­kom­men eben­so vie­le selbst, grün­den Stif­tun­gen. Al­les scheint ma­kel­los. So­gar der Ro­sé von ih­rem ge­mein­sa­men Wein­gut in der Pro­vence, der die strengs­ten Wein­kri­ti­ker schwär­men lässt.

Jetzt prangt über ih­ren Na­men in der Bou­le­vard­pres­se das Wort, das schon vie­le Trau­me­hen ent­zau­ber­te: Ro­sen­krieg. Das Wort, das Tren­nun­gen be­son­ders häss­lich macht. Da­bei ist die Ro­se so schön. Ro­sen­krie­ge gibt es hier­zu­lan­de erst seit 1990 – zu­min­dest un­ter die­ser Be­zeich­nung. Nicht, weil im bis 1989 ge­teil­ten Deutsch­land al­le Ehen glück­lich und al­le Fa­mi­li­en har­mo­nisch sind. Zu­fäl­lig nur zer­flei­schen sich im Jahr nach der Wen­de Kath­le­en Tur­ner und Micha­el Dou­glas auf der Ki­n­o­lein­wand. Sie spie­len das Ehe­paar Ro­se. Nach au­ßen hin tur­telnd wie am ers­ten Tag, reicht Ehe­frau Bar­ba­ra die Schei­dung ein. Lie­be, Mo­bi­li­ar, das ei­ge­ne Le­ben – am En­de liegt al­les in Trüm­mern. Der Film heißt im Ori­gi­nal „The War of the Ro­ses“, in Deutsch­land läuft er un­ter dem Ti­tel „Der Ro­sen­krieg“. Mehr als vier Mil­lio­nen Be­su­cher se­hen ihn – und sie schei­nen da­von zu er­zäh­len: Der Be­griff „Ro­sen­krieg“setzt sich in der All­tags­spra­che fest.

Dan­ny DeVi­to, im Film der Schei­dungs­an­walt, sagt im Ori­gi­nal ver­ein­facht über­setzt ei­nen Satz, der im Ge­dächt­nis bleibt: „Haus, Au­to, Jun­ge, Mäd­chen, Hund, Kat­ze – die ar­men Schwei­ne hat­ten kei­ne Chan­ce.“Sind Be­zie­hun­gen an­fäl­li­ger für Tren­nung und Ro­sen­krieg, je per­fek­ter sie wir­ken?

Roland Rai­b­le, Di­plom-Psy­cho­lo­ge und Schei­dungs­gut­ach­ter aus Wan­gen im All­gäu (Ba­den-Würt­tem­berg), hat schon oft ana­ly­siert, was von Ehen üb­rig bleibt. „Men­schen, die ein Ide­al zu ver­kör­pern schei­nen, set­zen Maß­stä­be“, sagt er, „so was kann ei­nen un­ter Druck brin­gen.“Und zwar so­wohl die Ehe­part­ner selbst als auch Men­schen, die sich an sol­chen Idea­len mes­sen müs­sen – al­so theo­re­tisch je­den von uns.

Wenn schein­bar mus­ter­gül­ti­ge Paa­re sich tren­nen, emp­fin­den wir Rai­b­le zu­fol­ge zwei­er­lei: „Wir iden­ti­fi­zie­ren uns mit den Men­schen, die wir an­him­meln kön­nen. Das Idol lebt ei­nen Teil der ei­ge­nen Sehn­süch­te, viel­leicht auch der heim­li­chen Sehn­süch­te und Träu­me.“Das ver­bin­det. An­de­rer­seits stellt der Psy­cho­lo­ge ei­ne „be­son­de­re Form von Scha­den­freu­de“fest. Sei­ner An­sicht nach emp­fin­den wir das Schei­tern ei­nes ide­al­ty­pi­schen Paars als Ent­las­tung. Kurz: Wenn es bei Bran­ge­li­na nicht klappt, kön­nen wir uns sa­gen: „Auch ich muss kein so ed­ler Mensch sein.“

Die wohl lei­den­schaft­lichs­te Lie­be des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts pen­del­te zwi­schen sieb­tem Him­mel und Welt­un­ter­gang wie kei­ne an­de­re: die der Schau­spie­ler Eliz­a­beth Tay­lor und Richard Bur­ton. Es „war die ers­te Rea­li­ty-Show, die ers­te Ehe mit Pu­bli­kum“, zi­tiert der Spie­gel die Au­to­ren des Buchs „Fu­rious Lo­ve“, das den Brief­wech­sel des Paars ver­öf­fent­licht. In al­ko­ho­lund lie­bes­trun­ke­nen Brie­fen schwärmt Bur­ton von der „rei­zends­ten Frau der Welt“. Sie wie- der­um ver­gleicht ihn mit ei­ner „klei­nen Atom­bom­be“, die beim Streit „ex­plo­diert“. Dem Pu­bli­kum gön­nen Tay­lor/Bur­ton gleich zwei­mal das teuf­li­sche Ver­gnü­gen ei­nes Ro­sen­kriegs. Ih­re ers­te Ehe hält zehn Jah­re, von 1964 bis 1974, die zwei­te we­nig spä­ter zer­birst nach rund zehn Mo­na­ten, vor­her ha­ben sie sich vor je­dem Mi­kro­fon und je­der Ka­mera gez­offt.

Ste­fan Pfalz­graf, Augs­bur­ger An­walt für Fa­mi­li­en­recht, ver­bringt 60 Pro­zent sei­ner Ar­beits­zeit mit Tren­nun­gen. Sel­ten sind sie so film­reif dra­ma­tisch wie bei Hol­ly­wood­stars. Doch auch Pfalz­graf weiß, wie ge­fähr­lich Emo­tio­nen sind, wenn die Be­zie­hung erst ein­mal zer­rüt­tet ist. „Die Leu­te fan­gen an, sich kör­per­lich an­zu­ge­hen, um ih­re Ent­täu­schung nach au­ßen zu do­ku­men­tie­ren. Sie se­hen den Ehe­part­ner als Feind.“Auf dem Pa­pier ist für Ge­füh­le kein Platz, ver­ba­le Feld­zü­ge ge­gen den Part­ner gip­feln in zwei Wör­tern: un­über­brück­ba­re Dif­fe­ren­zen. Auch An­ge­lina Jo­lie nennt sie als Grund, als sie Mit­te Sep­tem­ber die Schei­dung ein­reicht. „Kurz ge­sagt“, er­klärt Pfalz­graf, „sind un­über­brück­ba­re Dif­fe­ren­zen der Ver­lust der Le­bens­pla­nung zwei­er Ehe­leu­te, wo­her die­ser auch im­mer rührt.“Und wenn man sich oh­ne­hin schon aus­ein­an­der­ge­lebt ha­be, sei „na­tür­lich die Emp­fäng­lich­keit für ei­ne neue Be­zie­hung da. Das ist dann der End­punkt, der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen bringt.“Und oft der Auf­takt zu den bit­ters­ten Ro­sen­krie­gen. Die­ter Boh­len und Nad­ja abd el Far­rag, Nad­del ge­nannt, sind nur ein Bei­spiel da­für. Zwölf Jah­re sind sie ein Paar, von 1989 bis 2001, von der vier­wö­chi­gen Blit­ze­he da­zwi­schen mit Ve­ro­na Feld­busch mal ab­ge­se­hen. Da­mals geht er fremd, heu­te geht sie ins Dschun­gel­camp und zu „Big Bro­ther“. Be­krie­gen tun sie sich im­mer noch. Boh­len schreibt in sei­nem Buch „Nichts als die Wahr­heit“aus­führ­lichst über Nad­dels Al­ko­hol­sucht, die­se selbst sag­te erst kürz­lich in ei­nem In­ter­view: „Boh­len war der Feh­ler mei­nes Le­bens.“

Ein Ex­trem­bei­spiel, na­tür­lich. Doch Schei­dungs­an­walt Pfalz­graf kon­sta­tiert auch bei Tren­nun­gen ab­seits des Ram­pen­lichts: „Dass die Hemm­schwel­le ge­gen­über dem Part­ner sinkt bis auf die Mi­nus­gra­de, das pas­siert öf­ter. Die emo­tio­na­len Ent­täu­schun­gen, die ei­ge­nen Be­find­lich­kei­ten, spie­len da­bei ei­ne sehr, sehr gro­ße Rol­le.“Dass Dis­kre­pan­zen der­art öf­fent­lich aus­ge­tra­gen wer­den, sei sel­ten, sagt Pfalz­graf. „Wenn ich nam­haf­te Kli­en­ten ver­tre­te, Po­li­ti­ker et­wa, bleibt al­les un­ter der Hand. Es ist ein­fach nicht ziel­füh­rend, sol­che Din­ge in die Öf­fent­lich­keit zu tra­gen.“

Dass pro­mi­nen­te Paa­re wie John­ny Depp und Am­ber He­ard, Paul Mc­Cart­ney und Hea­ther Mills, Ra­fa­el van der Vaart und Syl­vie Meis zwangs­läu­fig mehr Pu­bli­kum ha­ben als die Mei­ers, Hu­bers oder Mül­lers von ne­ben­an, ist klar. Und sie nut­zen es, qua­si als Bo­nus zum Auf­tritt vor Gericht: Um mehr Ab­fin­dung zu kas­sie­ren, um die Un­ter­halts­zah­lun­gen zu er­hö­hen, um sich selbst als aus­er­wählt für die Er­zie­hung der Kin­der dar­zu­stel­len.

„Wenn El­tern sich be­krie­gen“, sagt Psy­cho­lo­ge Roland Rai­b­le, „ver­lie­ren sie oft das Kind aus dem Blick. Sie ar­gu­men­tie­ren zwar dann, al­les sei zum Wohl des Kin­des. Aber sie kön­nen kei­ne Dis­tanz her­stel­len zu ih­rer ei­ge­nen Per­son und zum Kampf ge­gen den frü­he­ren Part­ner.“An­walt Pfalz­graf for­mu­liert es noch dras­ti­scher: „Kin­der wer­den zu Waf­fen um­ge­schmie­det.“

Rai­b­le ist ei­ner der Gut­ach­ter, die in die Fa­mi­li­en ge­hen, mit den Kin­dern spre­chen und ein letz­tes Mal ver­su­chen, die El­tern, wenn schon nicht zu ei­nem zwei­ten Ver­such mit­ein­an­der, dann we­nigs­tens zur Ver­nunft zu brin­gen. Ge­lingt das nicht, schreibt er dem Gericht ei­ne Emp­feh­lung zum Kin­des­wohl. Bis al­les ge­re­gelt ist, dau­ert es oft Jah­re.

Was ewig zer­rüt­tet blei­ben kann, ist der Ruf. Ge­ra­de bei An­ge­lina Jo­lie und Brad Pitt. Die Zeit schreibt,

„Wir iden­ti­fi­zie­ren uns mit den Men­schen, die wir an­him­meln kön­nen.“Di­plom-Psy­cho­lo­ge Roland Rai­b­le „Kin­der wer­den zu Waf­fen um­ge­schmie­det.“Schei­dungs­an­walt Ste­fan Pfalz­graf

sie hät­ten sich ge­gen­sei­tig zu bes­se­ren Men­schen ge­macht – vor der Schei­dung. Den meis­ten Men­schen ge­lingt das – wenn über­haupt – erst da­nach. Denn: Aus ei­ner Tren­nung kann man ler­nen. Man kann sich fra­gen: Wie kam es so weit, was war mein An­teil da­bei? „Das kann ein Ent­wick­lungs­schritt sein, aus dem man grö­ßer her­vor­geht“, sagt Rai­b­le. „Er setzt aber vor­aus, dass man re­flek­tiert und von Schuld­zu­wei­sun­gen weg­kommt.“

Fritz Wep­per und Ehe­frau An­ge­la ha­ben es ge­schafft, fei­er­ten an­geb­lich so­gar Wep­pers 75. Ge­burts­tag mit Su­san­ne Kel­ler­mann – frü­her Wep­pers Ge­lieb­te, heu­te wohl ei­ne gu­te Freun­din. Phil Col­lins will nach zehn Jah­ren Tren­nung sei­ne Frau Ori­an­ne ein zwei­tes Mal hei­ra­ten. So­gar Clau­dia und Ste­fan Ef­fen­berg sind wie­der zu­sam­men.

Wenn das kei­ne Hoff­nung macht.

Fo­tos: WDR, dpa

Herr und Frau Ro­se – Micha­el Dou­glas und Kath­le­en Tur­ner: Mit dem Ki­no­film „Der Ro­sen­krieg“aus dem Jahr 1990 wur­de der Be­griff bei uns ein­ge­führt.

Da ist al­les wie­der gut: Fritz und An­ge­la Wep­per.

Syl­vie und Ra­fa­el van der Vaart wa­ren lan­ge Zeit ein hüb­sches Traum­paar.

Da war al­les noch gut bei An­ge­lina Jo­lie und Brad Pitt.

Eliz­a­beth Tay­lor und Richard Bur­ton pen­del­ten zwi­schen Him­mel und Höl­le.

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