Mos­kau am Pran­ger

Un­ter­su­chung Zwei Jah­re nach dem Ab­schuss von Flug MH 17 über der Ost­ukrai­ne stel­len die Er­mitt­ler fest: Es war ei­ne Ra­ke­te pro-rus­si­scher Re­bel­len

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik - VON DET­LEF DREWES

Ut­recht Es ist der Mo­ment der Ge­wiss­heit. Nicht nur für Hen­dryk, 48, der seit mehr als zwei­ein­halb Jah­ren auf die Ant­wort war­tet, wer für den Tod sei­ner Frau Ma­rei­jke, 45, ver­ant­wort­lich ist. Sie war an Bord der Bo­eing 777-200 des Ma­lay­sia-Air­lines-Flu­ges MH 17, der am 14. Ju­li 2014 um 12.30 Uhr von Ams­ter­dam Rich­tung Kua­la Lum­pur star­te­te – aber nie dort an­kam.

An die­sem Mitt­woch steht Hen­dryk drau­ßen vor der Tür der nie­der­län­di­schen Luft­auf­sichts­be­hör­de OVV in ei­nem Vo­r­ort von Ut­recht. „Ich will, dass die Tä­ter zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den“, sagt der Leh­rer lei­se, als drin­nen der ent­schei­den­de Satz der Staats­an­wäl­te und Er­mitt­ler fällt: „Die Ma­schi­ne wur­de von ei­ner rus­si­schen Luft­ab­wehr-Ra­ke­te vom Typ Buk-M1 ge­trof­fen. Sie wur­de von pro-rus­si­schen Re­bel­len aus dem Ort Sni­sch­ne ab­ge­schos­sen. Das kön­nen wir be­wei­sen.“

Jah­re­lang ha­ben sich die Staats­an­wäl­te und Er­mitt­ler der Staa­ten, aus de­nen die 298 Flug­gäs­te und Be­sat­zungs­mit­glie­der ka­men, mit Trüm­mer­tei­len, Sa­tel­li­ten­bil­dern und Ge­heim­dienst­in­for­ma­tio­nen be­schäf­tigt. Dem­nach wur­de der ma­lay­si­sche Jet an die­sem Schick­sals­tag von der in­ter­na­tio­na­len Flug­kon­trol­le auf die Luft­tras­se L 980 ge­schickt – di­rekt über die um­kämpf­te Ost­ukrai­ne. Ge­gen 15.20 Uhr ex­plo­dier­te „ei­nen Me­ter ne­ben dem Cock­pit“ei­ne Ra­ke­te. Es han­del­te sich um ein Buk-M1-Ge­schoss, be­stückt mit ei­nem 9N314M-Kopf, ei­nem so­ge­nann­ten Frag­men­tier­spreng­satz, der nach der Zün­dung zig­tau­sen­de klei­ner Split­ter aus­streut und die Au­ßen­haut des Jets re­gel­recht per­fo­rier­te.

Die drei Pi­lo­ten wa­ren so­fort tot, die Spit­ze der Bo­eing 777-200 brach in ei­ner Flug­hö­he von elf Ki­lo­me­tern ab. Al­le In­sas­sen, die nicht durch die De­to­na­ti­on star­ben, ver­lo­ren in­ner­halb we­ni­ger Se­kun­den das Be­wusst­sein. Kurz dar­auf zer­riss ei­ne Ex­plo­si­on den Rest der Ma­schi­ne. Das be­le­gen die Trüm­mer­tei­le, die auf dem Bo­den in ei­nem Ra­di­us von bis zu 40 Ki­lo­me­tern auf­schlu­gen. Nach An­ga­ben der Er­mitt­ler wur­de die Ra­ke­te zu­vor von Russ­land aus in die Ost­ukrai­ne trans­por­tiert, die Ab­schuss­ram­pe ha­be man da­nach „ei­lig“ent­fernt und wie­der auf rus­si­sches Ge­biet zu­rück­ge­bracht. Auch das kön­ne man „über­zeu­gend be­wei­sen“, be­to­nen die fast 100 Er­mitt­ler aus Ma­lay­sia, der Ukrai­ne, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den.

Der Wi­der­spruch aus Mos­kau lag schon vor, be­vor der Be­richt der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den ver­öf­fent­licht wor­den war. Kreml­spre­cher Dmi­tri Pes­kow sprach ges­tern von „un­wi­der­leg­ba­ren Be­wei­sen“, dass das Flug­zeug nicht von pro­rus­si­schen Re­bel­len ab­ge­schos­sen wor­den sei. Doch die Glaub­wür­dig­keit der rus­si­schen Sei­te wird als nicht sehr hoch ein­ge­schätzt.

Die Un­ter­su­chun­gen sind noch nicht be­en­det: „Wir er­mit­teln wei­ter“, hieß es von of­fi­zi­el­ler Sei­te. Grund­le­gend neue Ent­wick­lun­gen sei­en aber nicht zu er­war­ten. Die Fahn­der ge­hen so­gar da­von aus, dass „ei­ne rea­lis­ti­sche Chan­ce“be­steht,

Er­mitt­ler se­hen ei­ne Chan­ce, die Schul­di­gen vor Gericht zu stel­len

die Schul­di­gen vor Gericht zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen.

Doch das Schick­sal von MH 17 wirft noch ei­ne Fra­ge auf, die der Chef des nie­der­län­di­schen Si­cher­heits­ra­tes, Tjib­be Jous­tra, schon vor ei­ni­ger Zeit of­fen an­sprach: „War­um flog MH17 über ein Ge­biet, von dem be­kannt war, dass dort ein mi­li­tä­ri­scher Kon­flikt statt­fand?“Auch die Air­lines müss­ten ih­re Ri­si­ko-Ana­ly­se ver­bes­sern.

In den Ta­gen vor dem Ab­schuss wur­den dort nach Er­kennt­nis­sen der Nie­der­län­der meh­re­re Hub­schrau­ber, Kampf­jets und an­de­re Flug­zeu­ge in Hö­he bis zu neun Ki­lo­me­tern ge­trof­fen. Trotz­dem, so Jous­tra wei­ter, „schick­ten 61 Air­lines aus 31 Län­dern ins­ge­samt 160 Jets di­rekt über das Kriegs­ge­biet“. Und: War­um hat­te die ukrai­ni­sche Re­gie­rung bis zum Ab­schuss von MH 17 kei­ne An­stal­ten ge­macht, das Ge­biet über der Kampf­zo­ne zu sper­ren? Das ge­schah erst we­ni­ge St­un­den nach der Ka­ta­stro­phe. Auch der Be­richt der Er­mitt­ler hin­ter­lässt noch of­fe­ne Fra­gen.

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