Drit­te Start­bahn: See­ho­fer gibt Wi­der­stand auf

Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent galt bis­her eher als Skep­ti­ker des Neu­baus. Nun be­grün­det er, über­ra­schend für vie­le, war­um er sei­ne Mei­nung ge­än­dert hat. Die CSU klatscht Bei­fall. Die Land­tags­op­po­si­ti­on ist em­pört

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman - VON ULI BACHMEIER

München Was war das jetzt? So rich­tig schlau wur­den die CSU-Ab­ge­ord­ne­ten im Land­tag aus Horst See­ho­fer ges­tern nicht. Der Auf­tritt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in der Frak­ti­ons­sit­zung am Vor­mit­tag, bei dem er die Eck­punk­te sei­ner Re­gie­rungs­er­klä­rung schon mal hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren er­läu­ter­te, wur­de völ­lig ge­gen­sätz­lich kom­men­tiert. „Das hör­te sich an wie ei­ne ge­fühl­te Be­wer­bungs­re­de für ei­ne wei­te­re Amts­zeit“, stän­ker­te ei­ner. „Hier geht es heu­te schon um sein Ver­mächt­nis“, läs­ter­te ein an­de­rer. Es kann al­so nur spe­ku­liert wer­den, wo­für sie ihm dann St­un­den spä­ter im Plenum des Land­tags mi­nu­ten­lang ap­plau­dier­ten. Fürs Wei­ter­ma­chen über 2018 hin­aus? Oder für das, was er er­reicht hat?

Kei­nen Zwei­fel ließ der Ap­plaus al­ler­dings zur Über­ra­schung des Ta­ges: See­ho­fer hat – sehr zur Er­leich­te­rung der CSU-Land­tags­frak­ti­on – sei­nen hin­hal­ten­den Wi­der­stand ge­gen den Bau ei­ner drit­ten Start-und-Lan­de-Bahn am Flug­ha­fen München auf­ge­ge­ben. Nie in sei­ner Amts­zeit hat­te er aus den ei­ge­nen Rei­hen so viel Wi­der­spruch er­fah­ren. So­gar Un­ter­schrif­ten wa­ren ge­gen sein vor­läu­fi­ges Nein zu dem hef­tig um­strit­te­nen Me­ga-Pro­jekt ge­sam­melt wor­den. Wort­füh­rer war Ex-CSU-Chef Er­win Hu­ber. 66 der 101 CSU-Ab­ge­ord­ne­ten hat­ten auf sei­ne Initia­ti­ve hin mit ih­rer Un­ter­schrift spon­tan ih­ren Wi­der­wil­len do­ku­men­tiert. Ges­tern lenk­te See­ho­fer ein und ern­te­te da­für be­geis­ter­te Zu­stim­mung in den ei­ge­nen Rei­hen, gleich­zei­tig aber hel­le Em­pö­rung bei SPD, Frei­en Wäh­lern und Grü­nen.

Sei­ne Wor­te wähl­te der Re­gie­rungs­chef mit Be­dacht: Er ha­be zur drit­ten Start­bahn ei­nen um­fas­sen­den Dia­log­pro­zess ge­führt. Dies sei von al­len Be­tei­lig­ten ein­hel­lig be­grüßt wor­den. Nun aber ha­be sich die La­ge ge­än­dert. „Im Ge­gen­satz zu den letz­ten Jahr­zehn­ten“, so See­ho­fer, „ha­ben wir nun ei­nen neu­en Trend und da­mit ei­ne neue Si­tua­ti­on.“Die Zahl der Flug­be­we­gun­gen stei­ge wie­der und dies wer­de sich nach der Pro­gno­se auch in Zu­kunft fort­set­zen. „Wir se­hen des­halb den Zeit­punkt ge­kom­men, jetzt in ei­ne neue De­bat­te ein­zu­tre­ten über den Weg für ei­ne Ent­schei­dung zum Bau der drit­ten Start­bahn.“Wie die­ser Weg aus­se­hen soll, sag­te See­ho­fer auch. „Ich blei­be bei mei­ner Über­zeu­gung, dass die­se Ent­schei­dung zu­sam­men mit den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der Lan­des­haupt­stadt München ge­trof­fen wer­den muss. Wir stre­ben die Ein­lei­tung ei­nes Rats­be­geh­rens an und wol­len da­zu mit der Lan­des­haupt­stadt München ei­ne Über­ein­kunft tref­fen.“

SPD-Frak­ti­ons­chef Mar­kus Rin­der­spa­cher wer­te­te See­ho­fers Sin- nes­wan­del als „Wort­bruch“. Die Zahl der Flug­be­we­gun­gen ha­be sich „nicht dra­ma­tisch ver­än­dert“. Viel­mehr sei See­ho­fer vor der Frak­ti­on „ein­ge­knickt“. Es nun mit ei­nem neu­er­li­chen Bür­ger­ent­scheid in München zu ver­su­chen, sei ein „ab­stru­ser Weg“. Die Um­fra­gen, so Rin­der­spa­cher, sei­en al­le­samt ein­deu­tig. Die Münch­ner Be­völ­ke­rung wol­le die Start­bahn nicht. Auch in an­de­ren Re­gie­rungs­be­zir­ken Bay­erns wer­de sie mehr­heit­lich ab­ge- lehnt. „Und in Fran­ken ist die Ab­leh­nung so­gar be­son­ders hoch“, sag­te der SPD-Po­li­ti­ker.

Auch Hu­bert Ai­wan­ger, der Chef der Frei­en Wäh­ler, ging mit dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten hart ins Gericht. Es sei klar zu se­hen, „dass die Frak­ti­on sie beim The­ma drit­te Start­bahn ein­ge­sackt und den Sack zu­ge­schnürt hat.“Grü­nen-Frak­ti­ons­chef Lud­wig Hart­mann be­schimpf­te den CSU-Chef und sei­ne Par­tei als „Hei­mat­zer­stö­rer“. Au­ßer­dem nann­te er es „er­bärm­lich“, dass der mäch­ti­gen CSU zur drit­ten Start­bahn nichts an­de­res ein­fal­le, als die Lan­des­haupt­stadt München um ein neu­es Rats­be­geh­ren zu bit­ten.

CSU-Frak­ti­ons­chef Tho­mas Kreu­zer ver­tei­dig­te See­ho­fer und ging da­bei vor al­lem auf sei­nen Kol­le­gen Rin­der­spa­cher von der SPD los. „Wenn Sie hier be­haup­ten, dass er sein Wort ge­bro­chen hat, dann ist das ei­ne Lü­ge, ei­ne knall­har­te Lü­ge“, pol­ter­te Kreu­zer. See­ho­fer ha­be stets nur ver­spro­chen, die Fak­ten zu prü­fen. Die CSU-Frak­ti­on sei da­von über­zeugt, dass ein Aus­bau des Flug­ha­fens München „für die Wirt­schaft in ganz Bay­ern von fun­da­men­ta­ler Be­deu­tung ist“. Dass die Zahl der Flug­be­we­gun­gen zu­neh­me und wei­ter zu­neh­men wer­de, sei nicht zu be­strei­ten. Der Trend sei ein­deu­tig.

Dass See­ho­fer den Weg über ein Rats­be­geh­ren in München und ei­nen neu­en Bür­ger­ent­scheid sucht, liegt an der kom­pli­zier­ten Vor­ge­schich­te des Streits. Zwar konn­te sich die Flug­ha­fen München Gm­bH für das Mil­li­ar­den­pro­jekt durch al­le ge­richt­li­chen In­stan­zen hin­durch Bau­recht er­strei­ten. Um tat­säch­lich bau­en zu kön­nen, braucht es aber ei­nen ein­stim­mi­gen Be­schluss der

CSU-Frak­ti­on ging auf Dis­tanz zum Par­tei­chef Auch die Stadt München muss zu­stim­men

Ge­sell­schaf­ter­ver­samm­lung. Und die Stadt München als drit­te Ge­sell­schaf­te­rin ne­ben Bund und Frei­staat sieht sich an das ab­leh­nen­de Vo­tum der Münch­ner in dem Bür­ger­ent­scheid 2012 ge­bun­den.

Noch am Nach­mit­tag mel­de­te sich der Münch­ner Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter (SPD) zu Wort. Er stimm­te See­ho­fer nur in ei­nem Punkt zu: „Die Aus­sa­gen des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten zur drit­ten Start-und-Lan­de-Bahn un­ter­strei­chen, was ich im­mer ge­sagt ha­be: Ei­ne drit­te Start-und-Lan­de-Bahn wird es nur ge­ben, wenn sich die Münch­ne­rin­nen und Münch­ner in ei­nem neu­em Bür­ger­ent­scheid da­für ent­schei­den.“An­sons­ten will er sich aber of­fen­bar nicht rein­re­den las­sen. „Ob und wann es ei­nen neu­en Bür­ger­ent­scheid ge­ben wird, ent­schei­det der Münch­ner Stadt­rat“, teil­te Rei­ter nur tro­cken mit.

Der Zeit­punkt für ei­ne mög­li­che Ent­schei­dung liegt al­so in der Zu­kunft. Ob See­ho­fer dann noch im Amt ist, weiß nie­mand – nicht die CSU-Ab­ge­ord­ne­ten im Land­tag und ver­mut­lich auch er nicht.

Fo­to: Andre­as Ge­bert, dpa

Elf Mo­na­te ist es her, dass sich Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer in Atta­ching, ei­nem Stadt­teil von Frei­sing, die Fra­gen und Aus­sa­gen be­trof­fe­ner Bür­ger an­hör­te. Die­se wol­len we­gen der Lärm­be­las­tung kei­ne drit­te Start­bahn.

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