Das Smart­pho­ne wird zum Lebensretter

Ei­ne App soll in der Re­gi­on Neu­burg Erst­hel­fer schnel­ler an den Ein­satz­ort brin­gen. Wie das funk­tio­niert

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman - VON GLO­RIA GEISS­LER

Neu­burg an der Do­nau Der Kol­le­ge am Schreib­tisch ge­gen­über greift sich an die Brust und bricht plötz­lich be­wusst­los zu­sam­men. Herz­in­farkt. Der Not­arzt wird so­fort alar­miert, doch weil sich das Bü­ro im Ge­wer­be­ge­biet et­was au­ßer­halb der Stadt be­fin­det, kann es ei­ni­ge Mi­nu­ten dau­ern, bis die Sa­ni­tä­ter vor Ort sind. Wert­vol­le Mi­nu­ten ver­strei­chen. Je­de bringt den Pa­ti­en­ten dem Tod ein Stück­chen nä­her. Pro 60 Se­kun­den sinkt sta­tis­tisch die Wahr­schein­lich­keit, dass der Mann den In­farkt über­lebt um zehn Pro­zent. „Nach zehn Mi­nu­ten wird’s schon recht knapp“, sagt Not­arzt Dr. Alex­an­der Hatz. Er ver­sorgt seit vie­len Jah­ren die Not­fäl­le im Raum Neu­burg, wo es in dünn be­sie­del­ten Ge­bie­ten mit­un­ter rei­ne Fahr­zei­ten von zwölf Mi­nu­ten ge­ben kann. „Da kön­nen wir dann nicht mehr re­ani­mie­ren.“

Ein neu­es Sys­tem soll hel­fen, dass es sol­che Fäl­le in Zu­kunft nicht mehr all­zu häu­fig gibt. Dem Smart­pho­ne sei Dank. „Mo­bi­le Ret­ter“heißt die Han­dy-App, die ab 1. Ok­to­ber in der ge­sam­ten Re­gi­on, al­so den Land­krei­sen Neu­burg-Schro­ben­hau­sen, Eich­stätt, Pfaf­fen­ho­fen an der Ilm so­wie der Stadt In­gol­stadt, wert­vol­le Hil­fe leis­ten soll.

Die Idee ist nicht neu, doch die GPS-ge­stütz­te Lo­ka­li­sa­ti­on mit­hil­fe ei­nes Smart­pho­nes hat den Durch­bruch be­schert: Men­schen, die be­rufs­be­dingt fit sind in Herz-Lun­genWie­der­be­le­bung, sol­len zu Erst­hel­fern vor Ort wer­den. Und das funk­tio­niert so: Et­wa ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung hat ei­ne Aus­bil­dung, dank de­rer ei­ne wirk­sa­me Wie­der­be­le­bung mög­lich wä­re. Kran­ken­schwes­tern, Arzt­hel­fe­rin­nen, Feu­er­wehr­leu­te oder Ärz­te zum Bei­spiel. Sie al­le kön­nen sich bei den „Mo­bi­len Ret­tern“re­gis­trie­ren las­sen. Über das Han­dy und die App wer­den die­se re­gis­trier­ten Erst­hel­fer bei ei­nem Not­fall lo­ka­li­siert und au­to­ma­tisch der­je­ni­ge alar­miert, der dem Not­fall am nächs­ten ist. Bei dem Kol­le­gen, der im Ge­wer­be­ge­biet am Schreib­tisch zu­sam­men­ge­bro­chen ist, könn­te dies et­wa ei­ne Kran­ken­schwes­ter sein, die ne­ben­an ge­ra­de beim Bä­cker ein­kauft oder ein Arzt im Fei­er­abend, der in der Stra­ße ge­gen­über beim Steu­er­be­ra­ter sitzt. Sie sind in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten vor Ort und kön­nen so­fort mit den Wie­der­be­le­bungs­maß­nah­men be­gin­nen, bis der Ret­tungs­dienst ein­trifft und den Pa­ti­en­ten über­nimmt. Über­le­bens­zeit wird da­mit ge­won­nen.

„Das ist ei­ne ech­te Chan­ce, die be­schä­mend nied­ri­ge Über­le­bens­ra­te von fünf bis zehn Pro­zent zu er­hö­hen“, sagt Hatz. Er ist be­reits vor über ei­nem Jahr auf die Neu­ent­wick­lung von Dr. Ralf St­ro­op auf­merk­sam ge­wor­den und hat seit­dem die In­stal­la­ti­on des Sys­tems in der Re­gi­on vor­an­ge­trie­ben. Die Kos­ten von 25 000 Eu­ro im ers­ten Jahr so­wie die 10 000 Eu­ro in den fol­gen­den trägt der Zweck­ver­band. Die Re­gi­on ist laut Hatz die ers­te in Bay­ern, die die Mo­bi­le Ret­ter-App ein­führt.

150 Teil­neh­mer ha­ben der Neu­bur­ger Not­arzt und sei­ne Kol­le­gen be­reits fort­ge­bil­det, 150 wei­te­re fol­gen in den nächs­ten Wo­chen. In den Schu­lun­gen geht es um ei­ne Auf­fri­schung des me­di­zi­ni­schen Wis­sens, aber auch um tech­ni­sche De­tails des Sys­tems, wie ei­ne De­ak­ti­vie­rung der App, wenn man in Ur­laub ist oder Nacht­schicht hat­te und im Schlaf nicht ge­stört wer­den will. Die Re­so­nanz sei rie­sig ge­we­sen, be­rich­tet Hatz: „Die In­ter­es­sen­ten ha­ben uns die Bu­de ein­ge­rannt.“Um flä­chen­de­ckend die Re­gi­on mit Mo­bi­len Ret­tern ver­sor­gen zu kön­nen, sei­en zwi­schen 600 und 800 re­gis­trier­te Erst­hel­fer nö­tig. Der Neu­bur­ger ist zu­ver­sicht­lich, dass die­se Zahl bald er­reicht ist. »Kom­men­tar

Fo­to: Ste­phan Jan­sen, dpa

Ei­ne App, die un­ter Um­stän­den über­le­bens­wich­tig ist.

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