Ein stei­ner­nes Stück Hei­mat

Ar­chi­tek­tur Jahr­hun­der­te­lang präg­ten Ju­rahäu­ser das Ge­sicht des Alt­mühl­tals. Sie wa­ren fast ver­schwun­den, jetzt wer­den sie wie­der­ent­deckt – auf sehr ver­schie­de­ne Art und Wei­se

Mittelschwaebische Nachrichten - - Bayern - VON LUZIA GRASSER

Eich­stätt Das Haus sieht aus wie die Land­schaft rings­um. Mäch­tig und doch be­schei­den, karg und doch reiz­voll. In den mehr als ei­nen hal­ben Me­ter di­cken Mau­ern wur­de ge­bo­ren und ge­stor­ben, das Haus hat Krie­ge über­lebt und zahl­lo­se An- und Um­bau­ten. Seit An­fang des 18. Jahr­hun­derts steht es in dem klei­nen Dorf auf ei­ner An­hö­he über dem Alt­mühl­tal. Dort, wo seit al­ters her die Land­schaft schroff, rau und schnör­kel­los ist. So wie das Haus. So wie fast al­le Häu­ser, die frü­her dort ge­baut wur­den und von de­nen es jetzt nur noch ein paar gibt. Die jetzt aber wie­der ei­ne Re­nais­sance er­le­ben – auf ganz un­ter­schied­li­che Art und Wei­se.

Die so­ge­nann­ten Ju­rahäu­ser gibt es nur in ei­nem Strei­fen ent­lang der Alt­mühl. Sie wur­den jahr­hun­der­te­lang nur dort er­baut, wo­hin die St­ei­ne aus den St­ein­brü­chen des Ju­ra an ei­nem Tag mit ei­nem Och­sen­wa­gen ge­karrt und ab­ge­la­den wer­den konn­ten. Das war ein Ra­di­us von rund 25 Ki­lo­me­tern um ei­nen St­ein­bruch.

Der St­ein prägt das Haus. Die Mau­ern sind dick, der Grund­riss meist qua­dra­tisch, das Dach ist mit Leg­schie­fer ein­ge­deckt und des­halb eu­ro­pa­weit ein­zig­ar­tig. Schich­ten­wei­se liegt der Kalk­stein auf dem wuch­ti­gen Dach­stuhl – im­mer­hin muss der ein Ge­wicht von gut 250 Ki­lo pro Qua­drat­me­ter aus­hal­ten. Roland Klöt­zel, der zu­sam­men mit sei­ner Frau Chris­ta und den Kin­dern in dem ocker­far­be­nen Ju­ra­haus mit den grü­nen Fens­ter­lä­den aus dem Jahr 1719 in Gram­pers­dorf (Ge­mein­de Beiln­gries, Kreis Eich­stätt) wohnt, hat es ein­mal aus­ge­rech­net: 35 Ton­nen wiegt das gan­ze Dach. Vier Wo­chen lang ha­ben die er­fah­re­nen Dach­de­cker, von de­nen es nur we­ni­ge gibt, bei der Sa­nie­rung ge­ar­bei­tet.

Da­bei sah es vie­le Jahr­zehn­te nicht so aus, als wür­de die­ses Haus noch lan­ge be­ste­hen. Es galt als Schand­fleck des Dorfs. Alt, her­un­ter­ge­kom­men, mod­rig, feucht und kalt, ka­put­tre­no­viert. Ju­rahäu­ser hat­ten in den Jahr­zehn­ten nach dem Krieg ei­nen schlech­ten Ruf. „Das al­te Glump kommt weg“, hieß es oft. Die neu­en Häu­ser soll­ten „mo­dern“sein. Die Klöt­zels ha­ben ge­nau die­ses „al­te Glump“ge­kauft und es zum Schmuck­stück des Or­tes ge­macht. Das Haus hat all die Merk­ma­le, wie sie ty­pisch sind für Ju­rahäu­ser: schmuck­los, oh­ne Dach­über­stand, mit klei­nen Fens­tern und ei­ner Dach­nei­gung von um die 25 Grad. Was es aber längst nicht mehr ist: kalt, feucht und mod­rig. In den Mau­ern steckt mo­der­ne Hei­zungs­tech­nik. Sie le­ben in ei­nem „ehr­li­chen Haus“, sa­gen die Klöt­zels. Dass es im Win­ter ziem­lich dun­kel wer­den kann, neh­men sie in Kauf. Dann zün­den sie Ker­zen an, wie die Men­schen, die frü­her drin leb­ten.

In der Re­gi­on um Eich­stätt ist wie­der ein In­ter­es­se an den Ju­rahäu­sern zu spü­ren. Zwar fal­len noch denk­mal­ge­schütz­ten Ge­bäu­den – vom Aus­trags­häusl bis zum gro­ßen Ge­höft – ha­ben die För­de­rung bis­lang ge­nutzt. Da­ne­ben setzt sich seit 1984 der Ju­ra­haus­ver­ein für den Er­halt ein. Und die Men­schen mer­ken: Mit Ju­rahäu­sern kann man Geld ver­die­nen. Der Land­kreis Eich­stätt und der Na­tur­park Alt­mühl­tal wer­ben mit re­no­vier­ten Ge­bäu­den of­fen­siv um Tou­ris­ten, Ei­gen­tü­mer ver­mie­ten die Häu­ser als Fe­ri­en­woh­nun­gen, die Klöt­zels ha­ben ei­nen Hof­la­den und ver­an­stal­ten Märk­te auf ih­rem Grund­stück.

Ivon­ne und Chris­ti­an Miehling woh­nen auch in ei­nem Ju­ra­haus. Wenn sie auf der Ter­ras­se sit­zen, geht ihr Blick di­rekt hin­über zum na­hen St­ein­bruch in Kal­dorf (Ge­mein­de Tit­ting, Kreis Eich­stätt). Von dort kommt der be­kann­te Jur­amar­mor, frü­her wur­den dort die St­ei­ne für die Häu­ser rings­um ge­bro­chen. Doch ihr Haus ist nicht aus Bruch­stei­nen, son­dern aus di­cken Zie­geln ge­baut. Es ist knapp 300 Jah­re jün­ger als das der Klöt­zels und doch hat es die ty­pi­schen Merk­ma­le ei­nes Ju­ra­hau­ses: klei­ne Fens­ter, flach ge­neig­tes Dach, pu­ris­tisch, oh­ne Schnör­kel. Frü­her aus der Not ge­bo­ren, ma­chen die­se De­tails den Stil des Ju­ra­hau­ses heu­te mo­dern. Doch das Ju­ra­haus des 21. Jahr­hun­derts soll kei­ne Ko­pie des al­ten sein, be­tont Ar­chi­tekt Pau­lus Ecker­le. Viel­mehr sol­le man „die Tra­di­ti­on im Hin­ter­kopf be­hal­ten und neu über­set­zen“. Das be­deu­tet: „Oh­ne Gau­ben, oh­ne Rück­sprün­ge, oh­ne Fir­le­fanz.“Aber mit vie­len Din­gen, die Bau­her­ren heu­te wich­tig sind: gro­ße Fens­ter an der Süd­sei­te, ei­ne op­ti­ma­le Wär­me­däm­mung, of­fe­ne Räu­me mit ho­hen De­cken. In der Eich­stät­ter Ge­gend er­laubt der Be­bau­ungs­plan in man­chen Neu­bau­ge­bie­ten gar nur „Ju­rahäu­ser“, al­so Häu­ser mit ei­ner Dach­nei­gung von 22 Grad. Die Miehlings sa­gen, sie woll­ten sich ein „zeit­lo­ses, lang­le­bi­ges Haus“bau­en. Ein Haus, wie es schon vor Jahr­hun­der­ten ge­baut wur­de.

In­for­ma­tio­nen Der Ju­ra­haus-Ver­ein Eich­stätt setzt sich für den Er­halt der Ge­bäu­de ein und in­for­miert in ei­nem ei­ge­nen Mu­se­um über die Ge­schich­te des Ju­ra­hau­ses. Wei­te­re In­for­ma­tio­nen un­ter www.ju­ra­haus-ver­ein.de

im­mer al­te Häu­ser ein oder wer­den ab­ge­ris­sen, weil die Re­no­vie­rung zu teu­er ist oder weil ein Nut­zungs­kon­zept fehlt. Doch es wer­den wie­der mehr der fast ver­fal­le­nen Häu­ser re­no­viert, ge­ra­de auch von jun­gen Leu­ten. Im Jahr 1980 hat der Land­kreis Eich­stätt ein Pro­gramm zur Ret­tung der Ju­rahäu­ser aus­ge­ru­fen und bis­lang fünf Mil­lio­nen Eu­ro aus­be­zahlt. Da­bei wird den Bau­her­ren die Dif­fe­renz zwi­schen ei­ner Dach­ein­de­ckung mit Bi­ber­schwanz und ei­ner Ein­de­ckung mit Leg­schie­fer be­zahlt. Die Ei­gen­tü­mer von 195 Klei­ne Fens­ter und ein flach ge­neig­tes Dach

Fo­tos: Luzia Grasser

Das Haus von Fa­mi­lie Klöt­zel – der Stof­fel­bau­ern­hof – stammt aus dem Jahr 1719 und steht im Beiln­g­rie­ser Orts­teil Gram­pers­dorf.

Qu­el­le: Ju­ra­haus­ver­ein/Kon­rad Be­dal

Ju­rahäu­ser gibt es in den Krei­sen Eich­stätt und Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen so­wie an den Rän­dern der Land­krei­se Do­nau-Ries, Neu­burg-Schro­ben­hau­sen, Roth, Ne­u­markt, Re­gens­burg und Kel­heim. So kann ein Ju­ra­haus aus­se­hen (Bild rechts), wenn sei­ne Stil­merk­ma­le in die Mo­der­ne über­setzt wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.