Drei stür­zen in den Tod

Schick­sal­haf­ter Berg­un­fall oder heim­tü­cki­scher Mord? In „Him­mel­horn“hat der Kemp­te­ner Kom­mis­sar mehr als nur ei­nen All­gäu-Fall zu lö­sen. Heu­te Buch­pre­mie­re

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON HANS KREBS

Dass Ro­man­fi­gu­ren das Al­ter Ego des Au­tors dar­stel­len, ist nicht sel­ten; wohl aber, dass ein Au­tor als sol­cher in sei­nem Ro­man in Er­schei­nung tritt. Im vor­lie­gen­den Fall sind es so­gar zwei Au­to­ren. Ei­ner al­lein scheint kaum in der La­ge zu sein, in re­la­tiv kur­zer Zeit ein sol­ches Er­zähl­ge­we­be zu spin­nen, in dem ein kom­ple­xer Kri­mi­nal­fall und ihn be­glei­ten­de Per­so­nen-, Zeit-, Welt­und Na­tur­be­ob­ach­tung ein so bun­tes Mus­ter ab­ge­ben. Der Fall ob­liegt wie­der ein­mal dem Kemp­te­ner Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Kluf­tin­ger. Und der er­fährt auf die Fra­ge, wer denn „die­se bei­den Kas­per­le da“sei­en, die ihm mit­samt ei­ner auf sie ge­rich­te­ten TV-Ka­mera in die Que­re kom­men: „Das sind die Au­to­ren die­ser All­gäu­kri­mis, die müs­sen Sie doch ei­gent­lich ken­nen.“Kluf­tin­ger, der Grant­ler, kennt sie nicht und lässt aus­rich­ten: „Sie sol­len bloß kei­nen Blöd­sinn über un­se­re Po­li­zei­ar­beit schrei­ben.“

Die­se Iro­nie ge­gen­über sich selbst und über­haupt ge­hört zu den Zu­ta­ten, mit de­nen die bei­den All­gäu­er Au­to­ren Vol­ker Klüp­fel und Micha­el Kobr ihr li­te­ra­ri­sches Gericht wür­zen. Die nach bis­her acht Kri­mis in die Mil­lio­nen ge­hen­de Kluf­tin­ger-Ge­mein­de ver­bin­det mit Gericht zwangs­läu­fig Käs­s­pat­zen, die mon­tags da­heim in Al­tus­ried zu er­war­ten­de, aber im­mer ge­fähr­de­te Leib­spei­se des be­leib­ten Kom­mis­sars.

Die Ho­me­sto­rys mit Frau Eri­ka, Sohn Mar­kus (kurz vor dem Ex­amen), Schwie­ger­toch­ter Mi­ki (kurz vor der Nie­der­kunft) und dem be­nach­bar­ten Ehe­paar (Ge­mein­de­arzt Dok­tor Martin Lang­ham­mer mit An­ne­gret) sind längst zur Le­se­ge­wohn­heit ge­wor­den wie die Bü­ro­s­to­rys mit Kluf­tin­ger und sei­nen Män­nern, zu­züg­lich säch­si­scher Se­kre­tä­rin und (neu­er­dings) nord­deut­scher Prä­si­den­tin. Die­se Bir­te Dom­brow­ski tut sich schwer, ih­ren nie­der­baye­ri­schen Vor­gän­ger Lo­den­ba­cher ver­ges­sen zu ma­chen. Des­sen Kemp­te­ner Kurz­be­such als jet­zi­ger Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor aus München macht den Ver­lust sei­nes def­ti­gen Idi­oms schmerz­haft be­wusst.

Das Ka­ba­ret­tis­ti­sche, mit­un­ter Va­len­tines­ke durch­zieht auch die­sen neun­ten Kri­mi wie Wölk­lein den Him­mel – wo­bei hier so­gleich Kluf­tin­gers Kern­flü­che „Him­mel­ze­fix“, „Him­mel­sack­ze­ment“, „Him­melkru­zi­fix­dreck­noch­mal“oder kurz „Him­mel­arsch“und na­tür­lich der Buch­ti­tel „Him­mel­horn“an­ge­spro- chen sind. Mit wech­seln­den Rol­len vor­ge­tra­gen, wä­ren Kluf­tin­ger beim Wert­pa­pier­be­ra­ter oder Kluf­tin­ger bei der „Ak­ti­on Ei­fer­sucht“büh­nen­rei­fe Sze­nen. Das er­klärt auch den Er­folg der Klüp­fel/Kobr-Le­se­tou­ren, die mit „Him­mel­horn“nach der heu­ti­gen Buch­pre­mie­re am 5. Ok­to­ber in Vöh­rin­gen be­gin­nen und schon jetzt bis Ok­to­ber 2017 an die 40 Sta­tio­nen vor­se­hen.

Bei al­lem Hu­mo­res­ken und All­gäu­er Ge­müts­men­schen­tum muss die Span­nung ge­hal­ten wer­den. Sie liegt in der Kom­bi­na­to­rik der Tä­ter­su­che und gip­felt in zwei film­rei­fen Show­downs, bei de­nen der aus­ge­wie­se­ne An­tiheld Kluf­tin­ger zum He­ro­en wird: Zum ei­nen bei zwei ver­däch­ti­gen und ei­n­an­der ver­fein­de­ten Oy­ta­ler Berg­bau­ern-Fa­mi­li­en; zum an­dern und letz­ten bei Auf- klä­rung der wah­ren Tä­ter­schaft in ei­nem Un­wet­ter am Him­mel­horn.

„Egal wo du bist, ir­gend­wie stol­perst du im­mer über ein paar Lei­chen“, be­kommt Kluf­tin­ger an­fangs von ei­nem Kol­le­gen zu hö­ren. Dies­mal sind es bei ei­nem E-Bi­ke-Aus­flug mit dem über­spann­ten Dok­tor Lang­ham­mer gleich drei Lei­chen: Ab­ge­stürzt (oder ab­ge­stürzt wor­den) am be­rüch­tig­ten Räd­ler­gra­tAn­stieg zum Him­mel­horn, wo schon 1936 eben­falls drei Berg­stei­ger mit ähn­li­cher Oy­ta­ler Fa­mi­li­en­be­tei­li­gung zu To­de ge­kom­men wa­ren. Die Au­to­ren tun gut dar­an, ei­ne Dop­pel­sei­te mit Stamm­baum die­ser bei­den Fa­mi­li­en Schratt und Ka­ge­rer ein­zu­fü­gen. Der Le­ser braucht ihn, um ei­ni­ger­ma­ßen die Über­sicht zu be­wah­ren. Auf die ex­ak­te Darstel­lung der All­gäu­er Berg­welt kann er sich ver­las­sen. Je­dem Ka­pi­tel ist ein fak­si­mi­lier­ter Spruch aus ei­nem Gip­fel­buch vor­an­ge­stellt und dem ge­sam­ten Buch ei­ne In­schrift auf ei­nem Weg­kreuz na­he dem Him­mel­horn. Sie gibt die Ton­la­ge vor: Um ein Sträuß­chen Edel­weiß gab er hin den höchs­ten Preis. Er fiel nur drei­ßig Me­ter weit und doch bis in die Ewig­keit. Ei­nes ist noch an­zu­mer­ken: Be­kannt­lich sind heu­te Se­ri­en der Star. Über meh­re­re Epi­so­den fort­ge­schrie­be­ne Ge­schich­ten er­for­dern die viel ge­nann­te „ho­ri­zon­ta­le Er­zähl­struk­tur“. Neun Kluf­tin­gerRo­ma­ne in Fol­ge kön­nen nicht viel an­ders ver­fah­ren. Da­bei müs­sen sie sich der Ab­nut­zung er­weh­ren. Vol­ker Klüp­fel und Micha­el Kobr wis­sen das und las­sen – Iro­ni­ker, die sie sind – Kluf­tin­ger zum prak­ti­zie­ren­den Fan der Fern­seh-Adels­se­rie „Feu­er der Lei­den­schaft“wer­den. Das ist raf­fi­niert aus­ge­dacht.

Der aus­ge­wie­se­ne An­tiheld be­kommt Ge­le­gen­heit, ein He­roe zu sein

Vol­ker Klüp­fel & Micha­el Kobr: Him­mel­horn, Ver­lag Dro­emer, 496 Sei­ten, 19,99 Eu­ro

Fo­to: Dro­emer Ver­lag

Die seit Schul­zei­ten be­freun­de­ten Vol­ker Klüp­fel (links) und Micha­el Kobr sind in­zwi­schen ei­ne er­folg­rei­che Au­to­ren-Seil­schaft. Die­ses Wer­be­bild für ih­ren neun­ten Kluf­tin­ger-Kri­mi „Him­mel­horn“lässt dar­an kei­nen Zwei­fel.

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