Ab­grün­de deut­scher Schuld

Bun­des­prä­si­dent Gauck be­kennt sich zur Ver­ant­wor­tung für die Er­mor­dung zig­tau­sen­der Ju­den durch SS und Wehr­macht in Kiew im Jahr 1941. Und geht ei­nen Schritt wei­ter

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik - VON DETLEF DREWES

Kiew Es ist ei­ne Rei­se zu den bei­na­he ver­ges­se­nen Ab­grün­den deut­scher Schuld. Am 29. und 30. Sep­tem­ber 1941 lö­schen die deut­schen Be­sat­zer in der Schlucht Ba­bi Jar fast die gan­ze zu­rück­ge­blie­be­ne jü­di­sche Be­völ­ke­rung von Kiew aus. Mit Bei­hil­fe der Wehr­macht er­mor­den Män­ner ei­ner SS-Son­der­ein­heit 33 771 Ju­den. Vor al­lem Frau­en, Kin­der und Grei­se. Mit Ge­nick­schuss. In im­mer neu­en Zeh­ner­grup­pen wer­den die Op­fer in die Schlucht ge­führt. Sie müs­sen sich auf die Lei­chen der zu­vor Er­schos­se­nen le­gen. Dann wer­den sie selbst mas­sa­kriert.

Und nun sucht Joachim Gauck nach den rich­ti­gen Wor­ten für die­ses ein­zig­ar­ti­ge Ver­bre­chen. Nach Sät­zen, die ver­söh­nen kön­nen und in die Zu­kunft wei­sen. Der Bun­des­prä­si­dent will an die­sem Sep­tem­ber­tag ein wei­te­res Zei­chen set­zen ge­gen das Ver­ges­sen. Sei­ne Teil­nah­me an den Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen der Ukrai­ne zu den Mas­sa­kern der Deut­schen vor ge­nau 75 Jah­ren soll auch so et­was wie ein Schluss­stein in ei­ner gan­zen Be­geg­nungs­ket­te des Prä­si­den­ten in Län­dern sein, in de­nen die Deut­schen in der Na­zi­zeit ge­wü­tet ha­ben. Schon ganz zu Be­ginn sei­nes Wir­kens als Bun­des­prä- si­dent war dem im Krieg ge­bo­re­nen Gauck klar: Die The­men Schuld und Ver­ant­wor­tung der Deut­schen wür­den sei­ne Amts­zeit durch­zie­hen. Wie bei­spiels­wei­se im März 2014, als er im nord­west­grie­chi­schen Dorf Lin­gia­des in ei­ner be­we­gen­den Ze­re­mo­nie deut­lich wie kei­ner sei­ner Vor­gän­ger um Ver­ge­bung für deut­sche Kriegs­ver­bre­chen bat. Am 3. Ok­to­ber 1943 hat­te die Wehr­macht dort mehr als 80 Men­schen er­mor­det, un­ter ihnen mehr als 30 Kin­der.

Und nun Ba­bi Jar. Der Bun­des­prä­si­dent hat in sei­ne De­le­ga­ti­on die in Ber­lin le­ben­de 46 Jah­re al­te Schrift­stel­le­rin Kat­ja Pe­trow­ska­ja ein­ge­la­den. Für ei­nen Aus­zug aus ih­rer Er­zäh­lung „Vi­el­leicht Es­t­her“hat sie 2013 den In­ge­borg-Bach­mann-Preis er­hal­ten. Dar­in be­schreibt die ge­bür­ti­ge Kie­we­rin, wie ih­re Ur­groß­mut­ter ei­nem Auf­ruf der Be­sat­zungs­be­hör­den folgt, nach dem al­le Ju­den sich mit Do­ku­men­ten, Geld- und Wert­sa­chen um 8Uhr an den Fried­hö­fen am Stadt­rand ein­fin­den soll­ten. Ein deut­scher Sol­dat er­schießt Pe­trow­ska­jas Ur­groß­mut­ter am 29. Sep­tem­ber vor 75 Jah­ren auf of­fe­ner Stra­ße. Gauck dient die Er­zäh­lung als Pa­ra­bel für die Mon­stro­si­tät der deut- schen Ta­ten. „Et­was Be­son­de­res, et­was Kost­ba­res“nennt er Pe­trow­ska­jas Schil­de­run­gen in sei­ner Re­de bei der Ge­denk­fei­er am Abend. Weil sie den Op­fern Ge­sicht, Na­men und Gestalt zu­rück­ge­be. „Aus ei­ner Zif­fer in ei­ner To­des­sta­tis­tik wird Es­t­her“, sagt der Bun­des­prä­si­dent, der nach Ba­bi Jar ge­kom­men ist, um sein Haupt zu beu­gen vor den Op­fern. Die Li­te­ra­tur ha­be er­reicht, was der Ge­schichts­schrei­bung in Deutsch­land, Russ­land und der Ukrai­ne bis heu­te oft nur müh­sam ge­lin­gen wol­le, sagt Gauck: „Raum für ein ge­mein­sa­mes Er­in­nern.“

Auch das ist et­was Be­son­de­res an die­ser Rei­se in die Ukrai­ne: Zwar lässt der Bun­des­prä­si­dent zwi­schen den Zei­len deut­li­che Kri­tik am rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin an­klin­gen. Da­bei hebt er die Be­deu­tung der ter­ri­to­ria­len In­te­gri­tät der Ukrai­ne her­vor und des Ein­sat­zes des Lan­des für Frei­heit, De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit – was die Ukrai­ne zum „Teil un­se­rer eu­ro­päi­schen Wer­te­ge­mein­schaft“ma­che. Die Wor­te sol­len ein Akt der So­li­da­ri­tät ge­gen­über Kiew sein. Der Bun­des­prä­si­dent scheint in Kiew auch an sei­nem Ver­mächt­nis zu ar­bei­ten – als Ver­söh­ner. Da­zu ge­hört für ihn das un­ein­ge­schränk­te Be­kennt­nis zur deut­schen Schuld und zu deut­scher Ver­ant­wor­tung für die Na­zi-Ver­bre­chen. Und als Kon­se­quenz dar­aus zur Ver­ant­wor­tung für Men­schen­rech­te welt­weit. Ba­bi Jar, so sagt es Gauck, kom­me da­bei als Er­in­ne­rungs­ort für den Mas­sen­mord an den Ju­den ein fes­ter Platz zu. So wie Au­schwitz als Sym­bol für das Tö­ten in Na­zi-Ver­nich­tungs­la­gern ste­he, ste­he die Schlucht in Kiew für das, „was dem in­dus­tri­el­len Mor­den vor­aus­ging: das aber­tau­send­fa­che Tö­ten durch Er­schie­ßen“.

Doch Gauck geht noch ei­nen Schritt wei­ter. Er mahnt ei­ne ge­mein­sa­me Er­in­ne­rungs­kul­tur der Deut­schen, Ju­den, Ukrai­ner, Rus­sen und Po­len an. Eben der Tä­ter und der Op­fer. „Wir, die wir ver­ste­hen wol­len, wie es da­zu kom­men konn­te, dass un­se­re Vä­ter und Groß­vä­ter zu Mör­dern oder zu Op­fern wur­den, sind heu­te auf­ein­an­der an­ge­wie­sen“, sagt Gauck an die­sem tief­schwar­zen Ort deut­scher Ge­schich­te.

Jörg Blank und Andre­as St­ein, dpa Brüs­sel Dass der Be­klag­te über die Er­öff­nung ei­nes Ver­fah­rens hoch­er­freut ist, pas­siert auch nicht al­le Ta­ge. Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) aber re­agier­te am Don­ners­tag ge­nau so: Die EU-Kom­mis­si­on ver­klagt Deutsch­land we­gen der Pkw-Maut vor dem höchs­ten Ge­richt der Ge­mein­schaft in Lu­xem­burg. Do­brindt nann­te das in ei­ner Er­klä­rung „ei­ne gu­te Nach­richt“. Denn: Die In­fra­struk­tur­ab­ga­be, wie die Pkw-Maut of­fi­zi­ell heißt, sei „eu­ro­pa­rechts­kon­form, das wird der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof be­stä­ti­gen“.

Das sieht man in der Brüs­se­ler EU-Be­hör­de al­ler­dings ganz an­ders. „Wenn die Ge­set­ze des Bin­nen­mark­tes be­droht sind, muss die Kom­mis­si­on han­deln“, be­ton­te die Spre­che­rin des Hau­ses, An­na-Kai­sa It­ko­nen. „Wir sind be­sorgt, dass das deut­sche Sys­tem, wenn es in Kraft tritt, Fah­rer aus an­de­ren Mit­glied­staa­ten dis­kri­mi­niert.“Die Be­den­ken sind nicht neu, ge­nau ge­nom­men dräng­ten Ver­kehrs­kom­mis­sa­rin Vio­le­ta Bulc und ihr Vor­gän­ger Siim Kal­las schon seit zwei Jah­ren die Bun­des­re­gie­rung, das Ge­setz zur Ein­füh­rung der Ab­ga­be EU-kon­form zu än­dern. Sie stört sich an zwei Punk­ten: Deut­sche Au­to­fah­rer sol­len nach den Plä­nen Do­brindts die Pkw-Maut bis auf den letz­ten Cent er­stat­tet be­kom­men, in­dem die Kfz-Steu­er ent­spre­chend ge­senkt wird. Da­mit wür­den fak­tisch le­dig­lich aus­län­di­sche Fahr­zeug­hal­ter mit der Ab­ga­be be­legt. Die Ber­li­ner Re­gie­rungs­par­tei­en hat­ten in ih­rem Ko­ali­ti­ons­ver­trag aus­drück­lich ver­an­kert, dass die neue Maut deut­sche Au­to­fah­rer nicht zu­sätz­lich be­las­ten dür­fe. Ei­ne sol­che Dis­kri­mi­nie­rung lässt das EU-Recht aber nicht zu.

Zwar hat­te der Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter – üb­ri­gens auch erst auf mas­si­ven Druck Brüs­sels hin – ei­ne Kurz­zeit-Vi­g­net­te in sein Vor­ha­ben auf­ge­nom­men. Die­se sei aber „un­ver­hält­nis­mä­ßig teu­rer“, hieß es aus der Kom­mis­si­on – Brüs­sels zwei­ter Vor­wurf. Do­brindts Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nie ist be­reits er­kenn­bar: Ber­lin will sich vor al­lem dar­auf be­ru­fen, dass auch in an­de­ren Län­dern ver­gleich­ba­re Maut­sys­te­me in Kraft sei­en. Vor al­lem die bri­ti­sche Lk­wAb­ga­be scheint den Ju­ris­ten des Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums da­bei als Vor­la­ge ge­eig­net. Die 2014 ein­ge­führ­te Ab­ga­be sieht vor, dass hei­mi­sche Spe­di­teu­re und Lo­gis­ti­ker über ei­nen Steu­er­nach­lass für die Maut ent­schä­digt wer­den, die so­mit eben­falls nur von Nicht-Bri­ten zu zah­len ist. Kom­mis­sa­rin Bulc woll­te ei­gent­lich auch ge­gen Lon­don kla­gen – das Br­ex­it-Vo­tum kam ihr da­zwi­schen.

Ei­gent­lich woll­te Do­brindt die Maut schon An­fang 2016 in Kraft tre­ten las­sen. Doch dar­aus wur­de nichts. Und auch 2017 scheint als Start­da­tum un­rea­lis­tisch. Sol­che Pro­zes­se kön­nen sich durch­aus ei­ni­ge Jah­re hin­zie­hen. Die CSU wird ihr Wahl­ver­spre­chen, bis zur Bun­des­tags­wahl 2017 die Pkw-Maut um­ge­setzt zu ha­ben, kaum er­fül­len kön­nen.

Li­te­ra­tur schafft Raum für ge­mein­sa­mes Er­in­nern

Fo­to: Andre­as St­ein, dpa

Ein Denk­mal er­in­nert an die Op­fer, die in der Schlucht von Ba­bi Jar von An­ge­hö­ri­gen der SS und der Wehr­macht er­schos­sen wur­den.

Fo­to: dpa

Freut sich über die Kla­ge ge­gen die Pk­wMaut: Alex­an­der Do­brindt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.