Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (33)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

So such­te Ma­ri­nas Mann nach ei­nem ab­schlie­ßen­den Hin und Her von Dro­hun­gen und Ge­gendro­hun­gen dann end­lich das Wei­te. Der Idi­ot hat­te sei­ne Frau um ih­ren Job ge­bracht. Aber was für mich noch schwe­rer wog - sehr viel schwe­rer: Ich wür­de sie wahr­schein­lich nie wie­der­se­hen.

Als die Ru­he im Lo­kal wie­der­her­ge­stellt war, kam Di­mi­tri­os an mei­nen Tisch und setz­te sich. Er bat um Ent­schul­di­gung für die Stö­rung und sag­te, mein Es­sen gin­ge dies­mal aufs Haus, doch als ich ihn zu über­re­den ver­such­te, Ma­ri­na nicht raus­zu­schmei­ßen, blieb er hart. Die Num­mer mit der Ket­te in der Kas­se ha­be er gern mit­ge­macht, aber Ge­schäft sei Ge­schäft, sag­te er, und ob­wohl er „ver­dammt viel“von Ma­ri­na hal­te, sei ihm die Sa­che mit ih­rem durch­ge­knall­ten Ehe­mann zu brenz­lig. Dann sag­te er et­was, das mich traf wie ein Brand­ei­sen. „Ma­chen Sie sich kei­ne Ge­dan­ken“, sag­te er. „Das ist nicht Ih­re Schuld.“

Aber es war mei­ne Schuld. Die

Ver­ant­wor­tung für die­se Schwei­ne­rei lag bei mir, und ich konn­te für das, was ich der ar­men Ma­ri­na an­ge­tan hat­te, nur Ab­scheu vor mir selbst emp­fin­den. Sie hat­te das Ge­schenk in­stink­tiv nicht an­neh­men wol­len. Sie kann­te ih­ren Mann, aber statt mir ih­re Wor­te zu Her­zen zu neh­men, hat­te ich sie ge­zwun­gen, die Ket­te zu be­hal­ten, und die­se Dumm­heit, die­se rie­sen­gro­ße Dumm­heit hat­te den gan­zen Är­ger her­auf­be­schwo­ren. Der Teu­fel soll mich ho­len, dach­te ich, er soll mich in die Höl­le sto­ßen und tau­send Jah­re schmo­ren las­sen.

Das war mei­ne letz­te Mahlzeit im Cos­mic Di­ner. Bei mei­nen Spa­zier­gän­gen auf der Seventh Ave­nue kom­me ich im­mer noch täg­lich dar­an vor­bei, aber bis heu­te ha­be ich nicht den Mut ge­fun­den, wie­der dort ein­zu­keh­ren.

Krum­me Tou­ren

A m Abend die­ses Don­ners­tags traf ich mich mit Har­ry in Mi­ke & To­ny’s Steak Hou­se an der Kreu­zung Fifth Ave­nue und Car­roll Street. In die­sem Re­stau­rant hat­te er Tom zwei Mo­na­te zu­vor sei­ne be­un­ru­hi­gen­den Ge­ständ­nis­se ge­macht, und er schlug es wohl des­we­gen vor, weil er sich dort wohl fühl­te. Die vor­de­re Hälf­te des Lo­kals war ei­ne ein­fa­che Kn­ei­pe, wo man ge­ra­de­zu ak­tiv zum Rau­chen von Zi­ga­ret­ten und Zi­gar­ren er­mun­tert wur­de und auf ei­nem gro­ßen, an der Wand ne­ben dem Ein­gang an­ge­brach­ten Fern­se­her Sport­über­tra­gun­gen ver­fol­gen konn­te. Durch­quer­te man die­sen Raum und öff­ne­te die mit di­cken Schei­ben ver­glas­te Dop­pel­tür, fand man sich in ei­ner voll­kom­men an­de­ren Um­ge­bung wie­der. Das Re­stau­rant bei Mi­ke & To­ny’s war ein klei­nes Zim­mer, mit Tep­pi­chen auf dem Bo­den, Bü­cher­re­ga­len, ein paar Schwarz­weiß­fo­tos an der Wand und acht bis zehn Ti­schen. Mit an­de­ren Wor­ten: ein stil­les, in­ti­mes Plätz­chen, das noch den zu­sätz­li­chen Vor­teil ei­ner leid­li­chen Akus­tik bot, die ei­nem er­laub­te, sich selbst mit ge­dämpf­ter Stim­me ver­nehm­lich zu ma­chen. Für Har­ry war die­ses ge­müt­li­che Zim­mer of­fen­bar so et­was wie ein Beicht­stuhl. Auf al­le Fäl­le schüt­te­te er hier gern sein Herz aus – erst Tom und jetzt mir. Er konn­te nicht wis­sen, dass mir von sei­nem Le­ben in der Zeit vor Brook­lyn mehr als ein paar gro­be Fak­ten be­kannt wa­ren: ge­bo­ren in Buf­fa­lo, Ex­mann von Bet­te, Va­ter von Flo­ra, Ge­fäng­nis­stra­fe. Er wuss­te nichts da­von, dass ich von Tom be­reits ei­ne Men­ge Ein­zel­hei­ten er­fah­ren hat­te, und ich hat­te nicht vor, ihm das mit­zu­tei­len. Al­so stell­te ich mich ah­nungs­los, als Har­ry mir von der längst be­kann­ten Gau­ne­rei mit den Alec-Smith-Bil­dern und sei­nem Zer­würf­nis mit Gor­don Dry­er er­zähl­te. An­fangs be­griff ich gar nicht, war­um er mir das al­les an­ver­trau­te. Was hat­te das mit sei­nem ak­tu­el­len Ge­schäft zu tun? Ich grü­bel­te hin und her, und als ich zu kei­nem Er­geb­nis kam, frag­te ich Har­ry schließ­lich ganz di­rekt da­nach. „Nur Ge­duld“, sag­te er. „Das wird dir schon noch klar wer­den.“Zu Be­ginn un­se­rer Mahlzeit sag­te ich nicht viel. Der Eklat am Mit­tag im Cos­mic Di­ner hat­te mich schwer er­schüt­tert, und wäh­rend Har­ry mit sei­ner Ge­schich­te vor­an­kam, schweif­ten mei­ne Ge­dan­ken im­mer wie­der zu Ma­ri­na, ih­rem schwach­sin­ni­gen Ehe­mann und der Ket­te von Er­eig­nis­sen ab, die mich da­zu ge­bracht hat­ten, der S. p. M. die­sen ver­fluch­ten Tin­nef ab­zu­kau­fen. Aber Toms Boss war an die­sem Abend gut in Form, und un­ter­stützt von ei­nem Scotch vor dem Es­sen und dem Wein, den ich zu mei­nen Blue-Po­int-Aus­tern trank, kam ich all­mäh­lich aus mei­ner fins­te­ren Lau­ne her­aus und kon­zen­trier­te mich auf die Ge­gen­wart. Har­rys Be­richt von sei­nen Chi­ca­go­er Ver­bre­chen deck­te sich mit dem, was Tom mir er­zählt hat­te, von ei­ner denk­wür­di­gen und amü­san­ten Aus­nah­me ein­mal ab­ge­se­hen. Bei Tom war Har­ry wei­nend zu­sam­men­ge­bro­chen; von Reue über­wäl­tigt, hat­te er mit sich ge­ha­dert, weil er sei­ne Ehe, sei­ne Exis­tenz, sei­nen Na­men rui­niert hat­te. Bei mir hin­ge­gen zeig­te er kei­ne Spur von Reue, prahl­te viel­mehr mit dem groß­ar­ti­gen Coup, den er vol­le zwei Jah­re lang durch­ge­zo­gen hat­te, und be­trach­te­te sein Aben­teu­er in der Welt der Kunst­fäl­scher rück­bli­ckend als ei­ne der schöns­ten Pha­sen sei­nes Le­bens. Wie war die­ser ra­di­ka­le Wan­del zu er­klä­ren? Hat­te er Tom et­was vor­ge­macht, um sein Mit­ge­fühl und Ver­ständ­nis zu ge­win­nen? Oder war die­se ers­te Beich­te, un­mit­tel­bar nach Flo­ras un­heil­vol­lem Be­such in Brook­lyn, ei­ne ech­te Her­zen­ser­gie­ßung ge­we­sen? Schon mög­lich. Je­der Mann hat meh­re­re See­len in sei­ner Brust, und die meis­ten von uns fah­ren stän­dig von ei­ner in die an­de­re, oh­ne je ge­nau zu wis­sen, wo sie gera­de sind. Am ei­nen Tag him­mel­hoch jauch­zend, am nächs­ten zu To­de be­trübt; mür­risch und wort­karg am Mor­gen, mun­ter Witze rei­ßend am Abend. Als er mit Tom ge­spro­chen hat­te, war Har­ry nie­der­ge­schla­gen, und jetzt bei mir, be­lebt von sei­nen ge­schäft­li­chen Plä­nen, spru­del­te er vor Ta­ten­drang. Un­se­re T-Bo­ne-Steaks wur­den ge­bracht, wir gin­gen zu ei­ner Fla­sche Ro­ten über, und dann mach­te Har­ry der Span­nung end­lich ein En­de. Er hat­te mich ja schon auf ei­ne Über­ra­schung vor­be­rei­tet, aber selbst wenn ich hun­dert­mal hät­te ra­ten dür­fen, wä­re ich nie­mals auf die ver­blüf­fen­de Neu­ig­keit ge­kom­men, die er jetzt in al­ler See­len­ru­he ver­kün­de­te. „Gor­don ist wie­der da“, sag­te er. „Gor­don“, wie­der­hol­te ich, so per­plex, dass mir nichts an­de­res ein­fiel. „Du meinst Gor­don Dry­er?“„Gor­don Dry­er. Mein al­ter Ge­fähr­te in Sün­de und Über­mut.“„Wie hat er dich denn bloß auf­ge­spürt?“„Du sagst das, als sei das et­was Schlech­tes, Nat­han. Ist es aber nicht. Ich bin sehr, sehr glück­lich.“„Nach dem, was du ihm an­ge­tan hast, wür­de ich an­neh­men, dass er dich um­brin­gen will.“„Das ha­be ich zu­erst auch ge­dacht, aber das al­les ist längst aus­ge­stan­den. Der Groll, die Ver­bit­te­rung. Der ar­me Kerl hat sich in mei­ne Ar­me ge­wor­fen und mich um Ver­ge­bung an­ge­fleht. Kannst du dir das vor­stel­len? Er woll­te, dass ich ihm ver­ge­be.“»34. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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