Er schreibt, was Tau­sen­de sin­gen

Die Vo­kal­wer­ke, die der All­gäu­er Wolf­ram Bu­chen­berg kom­po­niert, ste­hen auf den Pro­gram­men un­ge­zähl­ter Chö­re. Die nächs­te Urauf­füh­rung ist schon in Sicht

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON KLAUS PE­TER MAYR

Ret­ten­berg/Markt­ober­dorf Ge­spannt wird Wolf­ram Bu­chen­berg am Pfingst­sams­tag im Mo­de­on sit­zen. Im Markt­ober­dor­fer Kon­zert­saal hört er Mu­sik, die er kom­po­niert – aber bis da­hin noch nie ge­hört hat. Der 54-Jäh­ri­ge schrieb das Pflicht­stück für den Kam­mer­chor-Wett­be­werb in der Ka­te­go­rie „ge­misch­te Chö­re“. Al­ler­dings will Bu­chen­berg gar nicht so ge­nau wis­sen, wie das Werk, dem er den Ti­tel „The Emi­grant“gab, klingt. Das kann er sich sehr gut im Kopf vor­stel­len. „Für mich ist viel span­nen­der, wie die Chö­re das Stück in­ter­pre­tie­ren.“

Auch die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Chor­ver­bän­de als Ver­an­stal­ter des vo­ka­len Kräf­te­mes­sens kennt das Stück noch nicht. Ein Ri­si­ko gin­gen die Wett­be­werbs-Ver­an­stal­ter frei­lich nicht ein, als sie den Auf­trag an Wolf­ram Bu­chen­berg ver­ga­ben. Der Kom­po­nist aus dem Dörf­chen En­gel­polz bei Kran­zegg (Ober­all­gäu) ge­hört seit vie­len Jah­ren zu den Her­aus­ra­gen­den sei­ner Zunft. Schon 2015 steu­er­te er ein Pflicht­stück für den re­nom­mier­ten Markt­ober­dor­fer Wett­be­werb bei. Sei­ne Wer­ke ste­hen auf den Pro­gram­men vie­ler Ama­teur- und Pro­fi-Chö­re. Bei deut­schen ChorWett­be­wer­ben sei er der meist­auf­ge­führ­te le­ben­de Kom­po­nist, sagt er. Als Papst Be­ne­dikt 2006 zu Be­such in Deutsch­land war, er­klang bei ei­ner Mes­se auch ei­ne Bu­chen­berg-Mo­tet­te. Er schreibt aber nicht nur Vo­kal­wer­ke, son­dern auch für Orches­ter und an­de­re Be­set­zun­gen. Die ge­naue Opus­zahl kennt er selbst nicht, er führt nicht Buch. Sie liegt ir­gend­wo zwi­schen 100 und 200.

Die acht in­ter­na­tio­na­len TopC­hö­re, die in Markt­ober­dorf um Prei­se kämp­fen, wer­den vier Mi­nu­ten lang die Sor­gen und Nö­te ei­nes iri­schen Aus­wan­de­rers be­sin­gen. „Der Kar­ren vor der Tür ist an­ge­spannt, und uns bleibt kei­ne Zeit zum Tan­zen mehr“, lau­ten die ers­ten Zei­len. Bu­chen­berg hat das vier­stro­phi­ge Ge­dicht „The Emi­grant“des Iren Jo­seph Camp­bell. Schon vor vie­len Jah­ren ent­deck­te er den Text in ei­nem Ir­land-Le­se­buch. Dass er gera­de jetzt dar­auf zu­rück­griff, hat auch mit der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik zu tun. „Das be­rührt mich sehr“, sagt Bu­chen­berg. Als ihn die Ge­ma-Stif­tung im Herbst 2015 aus­zeich­ne­te, ließ er das Preis­geld von 12 000 Eu­ro in ein In­te­gra­ti­ons­pro­jekt mit ge­flüch­te­ten und ein­hei­mi­schen Kin­dern im Ober­all­gäu flie­ßen.

Ent­stan­den ist „The Emi­grant“in Mün­chen und En­gel­polz. Zwi­schen die­sen bei­den Or­ten pen­delt Bu­chen­berg. Wäh­rend des Se­mes­ters wohnt er in Mün­chen – in ei­ner 20-Qua­drat­me­ter-Woh­nung. Bu­chen­berg un­ter­rich­tet halb­tags an der Mu­sik­hoch­schu­le, wo er an­ge­hen­den Gym­na­si­al­leh­rern zeigt, wie sie Lie­der be­glei­ten und im­pro­vi­sie­ren. In En­gel­polz hat sich der Sohn ei­nes Bau­ern ähn­lich be­schei­den ein­ge­rich­tet: Dort lebt er in ei­ner klei­nen Dach­woh­nung des Aus­trags­hau­ses. Der Wohn­raum mit klei­nem Ess­tisch ist zugleich Kü­che und Ar­beits­zim­mer.

Un­ter dem Dach­fens­ter, das ei­nen schö­nen Aus­blick auf den Grün­ten bie­tet, steht ein klei­ner Bö­sen­dor­fer-Flü­gel. Dort ar­bei­tet er so lan­ge an Me­lo­di­en, Har­mo­ni­en und Rhyth­men, bis in sei­nem Kopf ein paar Tak­te ste­hen. Dann wech­selt er zum Schreib­tisch, schreibt die Mu­sik mit Blei­stift aufs No­ten­pa­pier. Ei­nen Ra­dier­gum­mi nutzt er sel­ten.

Das Rüst­zeug hat Bu­chen­berg in Markt­ober­dorf am mu­si­schen Gym­na­si­um er­hal­ten. Wie so vie­le an­de­re wur­de er von Ar­thur Groß ge­prägt, dem cha­ris­ma­ti­schen Mu­sik­erzie­her und Chor­lei­ter. „In sei­nen Wir­kungs­kreis zu kom­men, rech­ne ich zu den Glücks­fäl­len mei­nes Le­bens.“Nach dem Abitur plan­te Bu­chen­berg, Mu­sik­leh­rer zu wer­den. Erst spät, am En­de des Stu­di­ums, be­gann er zu kom­po­nie­ren. Als der Ma­d­ri­gal­chor der Mu­sik­hoch­schu­le Mün­chen 1993 mit zwei sei­ner Kom­po­si­tio­nen beim BBC-Wett­be­werb in Lon­don den ers­ten Preis ge­wann, war das für ihn wie ein Pau­ken­schlag.

Seit­her hat sich Bu­chen­berg mit im­mer neu­en Wer­ken ei­nen ex­zel­len­ten Ruf in der Chor­welt er­ar­bei­tet. Ver­mut­lich, weil er es schafft, an­spruchs­vol­le zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik zu schrei­ben, die den­noch gut hör­bar ist. Auch re­nom­mier­te En­sem­bles wie der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks ha­ben sei­ne Wer­ke im Re­per­toire. Wenn sie dann, wie neu­lich im aus­ver­kauf­ten Münch­ner Prinz­re­gen­ten­thea­ter, er­klin­gen, sei dies ein Hö­he­punkt in sei­nem Kom­po­nis­ten­le­ben, sagt Bu­chen­berg. Beim Kom­po­nie­ren ori­en­tiert er sich ei­ner­seits am mit­tel­al­ter­li­chen Ton­set­zer Pe­ro­tin. Bei des­sen Mu­sik spü­re er „den Hauch der Ewig­keit“. An­de­rer­seits ist der Ro­man­ti­ker An­ton Bruck­ner ei­ne In­spi­ra­ti­ons­quel­le. „Ich bin ver­narrt in den Klang“, sagt er. Kom­po­si­ti­ons­tech­nisch hält er sich ger­ne an die mo­da­len Ska­len von Oli­vier Mes­sia­en, mit dem ihn er auch ei­ne tie­fe Re­li­gio­si­tät ver­bin­det.

Von über­all aus der Welt er­hält Bu­chen­berg An­fra­gen für Auf­trags­wer­ke. Al­ler­dings: „Ich sa­ge mehr ab als zu.“Der Mann mit den kur­zen grau­en Jah­ren und der rand­lo­sen Bril­le will kein Ar­beits­tier sein. Das be­wahrt ihn nicht vor Zeit­not. Der­zeit kom­po­niert er ein ZehnMi­nu­ten-Werk für ei­nen Frau­en­chor aus der Pfalz, im Herbst soll es auf­ge­führt wer­den. Bu­chen­berg muss sich spu­ten.

Fo­to: Mat­thi­as Be­cker

Als Kom­po­nist für neue Chor­mu­sik ist er so ge­fragt, dass er gar nicht al­le Wün­sche er­fül­len kann: Wolf­ram Bu­chen­berg.

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