Ein His­to­ri­en­ro­man und sei­ne rechts­na­tio­na­len Fans

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON MAR­TIN FREI

Au­to­rin Re­bec­ca Gable ist be­sorgt über An­hän­ger aus der rechts­na­tio­na­len Sze­ne. „Mir sind auf mei­ner Face­book-Sei­te Kom­men­ta­re auf­ge­fal­len, die über die frei­heit­lich­de­mo­kra­ti­sche Ord­nung hin­aus­gin­gen“, sag­te sie dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land. „Das hat mir Bauch­schmer­zen be­rei­tet. Es wä­re für mich ein Alp­traum, von die­ser Sei­te ver­ein­nahmt zu wer­den.“Kö­nig Ot­to, der in ih­rem His­to­ri­en­ro­man „Die frem­de Kö­ni­gin“ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt, wer­de in rechts­na­tio­na­len Krei­sen ver­ehrt, weil er im 10. Jahr­hun­dert das Deut­sche Reich ver­grö­ßert und die Un­garn be­zwun­gen hat­te, sag­te die Au­to­rin. Gable emp­fiehlt Na­tio­na­lis­ten, in ein Ge­schichts­buch zu schau­en, denn das Mit­tel­al­ter zei­ge, „wie blu­tig es en­det, wenn Völ­ker sich nicht mit­ein­an­der ver­stän­di­gen“. (kna) Ir­see Die­ses „nur“stört To­bi­as El­sä­ßer. Die­ses „nur“, das er im­mer wie­der hört, wenn es um Kin­de­r­und Ju­gend­li­te­ra­tur geht. Die­ses „nur“, das vie­le sei­ner Kol­le­gen da­zu ver­an­lasst, ih­re Bü­cher für das jün­ge­re Pu­bli­kum un­ter ei­nem Pseud­onym zu ver­öf­fent­li­chen, um im Be­reich der „Er­wach­se­nen­li­te­ra­tur“nicht an An­se­hen zu ver­lie­ren. El­sä­ßer, der eben­so viel­sei­ti­ge und er­folg­rei­che Au­tor, ge­rät da­ge­gen ins Schwär­men, wenn es um Bü­cher für jun­ge Men­schen geht. „Das ist sehr, sehr span­nen­de Li­te­ra­tur.“Des­halb gab er erst­mals in der in­zwi­schen 30-jäh­ri­gen Ge­schich­te des Schwä­bi­schen Kunst­som­mers ei­nen Pro­sa-Meis­ter­kurs mit ge­nau die­sem Schwer­punkt. Die Er­geb­nis­se des ein­wö­chi­gen Work­shops im Zu­ge der Som­mer­aka­de­mie der schö­nen Küns­te im Klos­ter Ir­see bei Kauf­beu­ren ga­ben ihm recht.

„Ganz nah dran“hat­te El­sä­ßer nicht nur sei­ne Kunst­som­merSchreib­werk­statt be­ti­telt. Es ist auch der Grund­satz, wenn der Au­tor sei­ne Ju­gend­bü­cher re­cher­chiert und schreibt. Aber geht das über­haupt, wenn man wie er Jahr­gang 1973 ist, al­so dem ju­gend­li­chen Al­ter doch deut­lich ent­wach­sen? Die Grund­pro­ble­me der Men­schen zwi­schen Kind­heit und Er­wach­sen­sein hät­ten sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten, ja Jahr­hun­der­ten gar nicht so groß ge­än­dert. Es geht laut El­sä­ßer vor al­lem um die Fra­ge: „Was be­deu­tet es, nor­mal zu sein?“In Zeiten des In­ter­nets und der so­zia­len Netz­wer­ke kön­ne man sich je­doch durch we­ni­ge Maus­klicks oder Fin­ger­tipps qua­si mit der gan­zen Welt ver­glei­chen. Dass es sich da­bei meist um ei­ne „pho­to­ge­shopp­te Schein­welt“hand­le, ver­stär­ke die Un­si­cher­heit bei der oh­ne­hin schon müh­sa­men Su­che nach der ei­ge­nen Per­sön­lich­keit noch.

Des­halb war es El­sä­ßer auch bei sei­nem Meis­ter­kurs in Ir­see ein Haupt­an­lie­gen, „dass der Mensch in den Vor­der­grund ge­stellt wird“. Glaub­wür­di­ge Fi­gu­ren, die sind für den Au­tor der Schlüs­sel zu gu­ter Ju­gend­li­te­ra­tur. Die jun­gen Le­ser müss­ten sich in den Prot­ago­nis­ten der Bü­cher er­ken­nen, sie schät­zen. „Im bes­ten Fall be­glei­ten sie uns ein Le­ben lang.“Dar­über hin­aus ist es El­sä­ßer in sei­nen Ro­ma­nen wich­tig, auch „har­te The­men“un­ver­blümt dar­zu­stel­len. Das Er­wa­chen der Se­xua­li­tät, ex­pli­zit the­ma­ti­siert in sei­nem Ro­man „Ab­sprin­gen“, oder die Selbst­mord­ge­dan­ken in „Für nie­mand“sei­en ein­fach The­men, die die Ju­gend­li­chen in die­ser „dras­ti­schen, sehr har­ten Zeit“um­trei­ben. Die­se müss­ten zwi­schen den Buch­de­ckeln, aber auch all­ge­mein in der Ge­sell­schaft ganz of­fen dis­ku­tiert wer­den. „Es ist doch klar, dass sich ein jun­ger Mensch an­ge­sichts von Mil­lio­nen von Por­nos im In­ter­net fragt: Händ­chen­hal­ten, macht man das noch?“Doch hier hat El­sä­ßer, der pro Jahr rund hun­dert Le­sun­gen an Schu­len ab­hält, die Er­fah­rung ge­macht, dass seit ei­ni­gen Jah­ren ei­ne „neue Moral“um sich grei­fe. Vie­le Päd­ago­gen und El­tern scheu­ten sich (wie­der), of­fen mit heik­len The­men um­zu­ge­hen. Des­halb wünscht sich der Au­tor ei­ne „klei­ne Re­bel­li­on“zwi­schen den sich heu­te doch sehr stark an­nä­hern­den Ge­ne­ra­tio­nen.

An­sons­ten un­ter­schei­de sich das Schrei­ben für ein jun­ges Pu­bli­kum hand­werk­lich nicht von der „Er­wach­se­nen­li­te­ra­tur“. Dass man für Ju­gend­li­che sti­lis­tisch sim­pler oder ein­fa­cher struk­tu­riert for­mu­lie­ren müs­se, hält El­sä­ßer für ein Kli­schee. Man müs­se nur ganz nah her­an an die Ge­dan­ken­welt der Le­ser­schaft – und über­haupt In­ter­es­se für das Me­di­um Buch we­cken. Ge­ra­de bei Ju­gend­li­chen, die kei­nen Zu­gang mehr zur Li­te­ra­tur ha­ben.

Des­halb greift der Au­tor bei Auf­trit­ten an Pro­blem­schu­len auch schon mal zur Gi­tar­re, wenn sei­ne Tex­te al­lein nicht aus­rei­chen, um Auf­merk­sam­keit zu er­zeu­gen. Das ist dann aber auch das ein­zi­ge „nur“, das El­sä­ßer im Zu­sam­men­hang mit Ju­gend­li­te­ra­tur ak­zep­tiert.

Fo­to: Ha­rald Lan­ger

To­bi­as El­sä­ßer mit Kurs­teil­neh­me­rin­nen wäh­rend sei­ner Schreib­werk­statt beim Schwä­bi­schen Kunst­som­mer in Ir­see.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.