„Oh­ne Zu­cker füh­le ich mich viel woh­ler“

Han­nah Frey hat ein er­folg­rei­ches, tren­di­ges Koch­buch über den Ver­zicht auf Zu­cker ge­schrie­ben. Die 28-Jäh­ri­ge spricht über ih­ren Kampf ge­gen Heiß­hun­ger­at­ta­cken, die „Su­per­food“-Mo­de und ih­ren Durch­bruch als Pro­fi-Food­blog­ge­rin

Mittelschwaebische Nachrichten - - Magazin -

Frau Frey, Sie ha­ben Ih­rem Zu­cker­kon­sum den Kampf an­ge­sagt und in Ih­rem In­ter­net-Blog vie­le tau­sen­de Le­ser an Ih­rer Her­aus­for­de­rung teil­ha­ben las­sen, 40 Ta­ge lang ganz auf Zu­cker und zu­cker­hal­ti­ge Pro­duk­te zu ver­zich­ten. Wel­che Ve­rän­de­run­gen ha­ben Sie bei sich fest­ge­stellt? Han­nah Frey: Ich ha­be durch den Ver­zicht auf Haus­halts­zu­cker ein paar Ki­lo ab­ge­nom­men und gleich­zei­tig Ener­gie ge­won­nen. Ich füh­le mich woh­ler, bin viel fit­ter und den gan­zen Tag über leis­tungs­fä­hig. Frü­her hat­te ich oft ein Mit­tags­oder Nach­mit­tags­tief und mich oft schlapp ge­fühlt. Au­ßer­dem hat mei­ne Haut sich ver­bes­sert, was ge­ra­de für Frau­en ja oft wich­tig ist.

Was wa­ren Ih­re größ­ten Pro­ble­me beim Zu­cker­ver­zicht? Ge­ra­de die In­dus­trie macht es ei­nem oft nicht leicht zu er­ken­nen, wie viel Zu­cker wirk­lich ei­nem Pro­dukt zu­ge­setzt ist. Frey: Das stimmt. Ich ko­che des­halb fast al­les selbst und ver­wen­de fri­sche Zu­ta­ten. Am schwie­rigs­ten fin­de ich, aus­wärts Es­sen zu fin­den, dem kein Zu­cker zu­ge­setzt wur­de, aber auch da gibt es im­mer We­ge und Mög­lich­kei­ten.

Sie hat­ten öf­ter mit ei­ner Heiß­hun­ger­at­ta­cke und Sucht nach Sü­ßem zu kämp­fen. Was hat Ih­nen ge­hol­fen? Frey: Ich hat­te meist abends Heiß­hun­ger­at­ta­cken und ha­be dann ent­we­der et­was Fet­ti­ges ge­ges­sen, bei­spiels­wei­se ei­ne Hand­voll Nüs­se oder ein Stück Kä­se. Oder ich ha­be die Zäh­ne ge­putzt – durch den min­zi­gen Ge­schmack ver­geht die Lust auf Sü­ßes und für mich war auch der psy­cho­lo­gi­sche Ef­fekt ent­schei­dend: Nach­dem ich mei­ne Zäh­ne ge­putzt ha­be, es­se ich nichts mehr. Je län­ger ich mich zu­cker­re­du­ziert er­nährt ha­be, des­to sel­te­ner wur­den die Heiß­hun­ger­at­ta­cken. Heu­te ha­be ich gar kei­ne mehr.

Sie ha­ben aus Ih­rer Er­fah­rung ein er­folg­rei­ches Koch­buch „Zu­cker­frei – Die 40-Ta­ge-Chal­len­ge“mit tren­di­gen, oft ve­ga­nen Re­zep­ten ge­schrie­ben. Ge­ra­de bei sü­ßen Re­zep­ten, et­wa Ih­rer Nus­sNu­gat-Cre­me aus Tro­cken­pflau­men und Ha­sel­nüs­sen oder selbst ge­mach­ter Scho­ko­la­de, er­set­zen Sie den Zu­cker durch Frucht­sü­ße. War­um hal­ten Sie Zu­cker im Obst für bes­ser als nor­ma­len? Frey: Haus­halts­zu­cker ist ein stark ver­ar­bei­te­tes Pro­dukt und ent­hält kei­ner­lei Nähr­stof­fe mehr. Fri­sche Früch­te und Tro­cken­obst hin­ge­gen ent­hal­ten Bal­last­stof­fe, Vit­ami­ne und Mi­ne­ral­stof­fe und ist so­mit weit­aus ge­sün­der.

Sie zäh­len zu den be­kann­ten Na­men der deut­schen Food­blog­ger-Sze­ne und pro­pa­gie­ren das „Cle­an-Ea­ting“. Was ver­ste­hen Sie un­ter die­sem Be­griff? Frey: Cle­an Ea­ting ist ei­ne mo­der­ne Form der Voll­wert­kost. Ich mag die Be­grif­fe Voll­wert­kost und Voll­wert­er­näh­rung aber nicht. Bei­des klingt so alt­ba­cken und ziem­lich un­se­xy. Beim Cle­an Ea­ting geht es dar­um, sich so na­tür­lich wie mög­lich zu er­näh­ren. Statt Fer­tig­pro­duk­ten, Fast Food und Co. wer­den fri­sche Le­bens­mit­tel ver­ar­bei­tet und ge­ges­sen.

Für ei­ni­ge Ih­rer Re­zep­te ver­wen­den Sie fast schon un­ver­meid­li­che Su­per­foo­dZu­ta­ten wie Chia-Sa­men oder Qui­noa. Was schät­zen Sie an die­sen Pro­duk­ten? Frey: Ich ex­pe­ri­men­tie­re ger­ne mit Le­bens­mit­teln, die für mich neu sind. Exo­ti­sche Su­per­foods sind auf kei­nen Fall ein „Muss“, aber mir macht es ein­fach Spaß, da­mit zu ko­chen. Es gibt auch vie­le hei­mi­sche Le­bens­mit­tel, die das La­bel „Su­per­food“ver­dient ha­ben. Statt Chia-Sa­men kann man auch Lein­sa­men ver­wen­den, aber aus Chia-Sa­men kann man bei­spiels­wei­se ei­nen Chia-Pud­ding zu­be­rei­ten, was mit Lein­sa­men nicht so gut funk­tio­niert.

Vie­le hal­ten Su­per­food nur für ei­ne Mo­de­er­schei­nung, an­de­re spot­ten, dass Zu­cker zum „neu­en He­ro­in“ver­teu­felt wird und be­kla­gen den Mis­sio­nie­rungs­ei­fer von Ve­gan- und Food­pre­di­gern ... Frey: Ich schrei­be auch über Su­per­foods, Cle­an Ea­ting, zu­cker­re­du­zier­te Er­näh­rung und an­de­re Themen, die seit meh­re­ren Jah­ren ak­tu­ell sind – bin aber weit da­von ent­fernt, an­de­re zu mis­sio­nie­ren. All­ge- ha­be ich ei­ne sehr ent­spann­te Ein­stel­lung und neh­me das al­les nicht zu ernst. Ich freue mich über je­den, den ich da­zu be­we­gen kann, sich ge­sün­der zu er­näh­ren oder all­ge­mein ge­sün­der zu le­ben. Das Le­ben soll aber Spaß ma­chen.

Wie hat sich für Sie Ih­re Art zu er­näh­ren ver­än­dert? Grei­fen Sie noch zu In­dus­trie­pro­duk­ten oder Fast Food? Frey: In­dus­trie­pro­duk­te es­se ich sehr sel­ten und wenn, dann sind es wel­che aus dem Bio-La­den, bei de­nen die Zu­ta­ten­lis­te für mich ver­tret­bar ist. Ab und an ge­he ich in Bur­gerRe­stau­rants, aber zu den klas­si­schen Fast-Food-Ket­ten nicht. Bur­ger se­he ich auch nicht als Er­näh­rungs­sün­de. Wenn ich mir am An­fang mei­ner Er­näh­rungs­um­stel­lung ver­bo­ten hät­te, je­mals wie­der Fast Food zu es­sen, hät­te ich kei­ne zwei Wo­chen durch­ge­hal­ten.

Sie be­vor­zu­gen die 80/20 Re­gel. Wie funk­tio­niert das? Frey: Da­mit ist ge­meint, dass ich mich nicht hun­dert Pro­zent ge­sund er­näh­re, son­dern durch­aus auch Aus­nah­men ma­che. Ich be­stel­le Piz­za beim Lie­fer­dienst und es­se Ku­chen im Ca­fé. Mal er­näh­re ich mich zu 80 Pro­zent ge­sund und ma­che 20 Pro­zent Aus­nah­men, mal ist das Ver­hält­nis aber auch 70:30 oder 90:10. Das ist aber nur ein gro­ber Richt­wert, ich tra­cke mei­ne Mahl­zei­ten nicht und rech­ne auch kei­ne Nähr­wer­te aus. Ich ko­che in der Re­gel selbst und er­näh­re mich ge­sund – da ist et­was Un­ge­sun­des ab und an für mich voll­kom­men in Ord­nung.

Sie ha­ben Ge­sund­heits­wis­sen­schaf­ten stu­diert, bie­ten Er­näh­rungs­kur­se an, blog­gen pro­fes­sio­nell, schrei­ben Koch­bü­cher. Wie kam es da­zu? Frey: Das war ei­ne Ent­wick­lung über meh­re­re Jah­re und kam nicht von heu­te auf mor­gen. Ich war schon wäh­rend des Stu­di­ums selbst­stän­dig und ha­be ein­fach im­mer das ge­mein macht, was mir Spaß macht, an mich ge­glaubt und hart ge­ar­bei­tet. Mein Blog kam von An­fang an so gut an, dass ich nach ei­nem hal­ben Jahr mei­ne ers­ten bei­den Buch­ver­trä­ge un­ter­schrie­ben ha­be – so kam dann eins zum an­de­ren.

Sie sind, was man heu­te ei­nen „In­flu­en­cer“nennt und ver­mark­ten Ih­re Pro­mi­nenz in den so­zia­len Netz­wer­ken und als Blog­ge­rin, nen­nen aber auch trans­pa­rent Ih­re Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner von der AOK, Su­per­markt­ket­ten bis zu ka­li­for­ni­schen Tro­cken­pflau­men. Was sa­gen Sie zu ei­ner Ge­fahr wach­sen­der Schleich­wer­bung durch In­flu­en­cer-Mar­ke­ting im Netz? Frey: Schleich­wer­bung ist ak­tu­ell ein gro­ßes The­ma und es är­gert mich selbst sehr, wenn ich se­he, dass an­de­re Blog­ger Ko­ope­ra­tio­nen um­set­zen, die ich ab­ge­lehnt ha­be. Bei­spiels­wei­se, wenn ein Un­ter­neh­men ver­langt, dass die Zu­sam­men­ar­beit nicht ge­kenn­zeich­net wird. Ich sa­ge über 90 Pro­zent der An­fra­gen, die mich er­rei­chen, ab und ar­bei­te grund­sätz­lich nur mit Fir­men zu­sam­men, hin­ter de­nen ich ste­he. Ich kau­fe so­wohl bei Ede­ka als auch bei Kauf­land ein. Wenn ich ei­ne Ko­ope­ra­ti­on ein­ge­he, ist es mir ist wich­tig,

„Ich mag die Be­grif­fe Voll­wert­kost und Voll­wert er­näh­rung nicht. Das klingt so alt­ba­cken und un­se­xy.“Han­nah Frey

dass mein Le­ser er­kennt, dass ich für ei­nen Bei­trag be­zahlt wur­de.

Al­so Trans­pa­renz ist ent­schei­dend? Frey: Be­zahl­te Bei­trä­ge auf mei­nen Ka­nä­len zu ver­öf­fent­li­chen, fin­de ich ab­so­lut nicht ver­werf­lich. Denn nur da­durch, dass ich Geld mit mei­ner Ar­beit ver­die­ne, hat der Le­ser über­haupt die Mög­lich­keit, mei­ne Re­zep­te und In­hal­te kos­ten­los zu kon­su­mie­ren. Wür­de ich kein Geld da­mit ver­die­nen, hät­te ich nicht die Mög­lich­keit, so viel Ar­beit und Zeit in den Blog und mei­ne So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­le zu ste­cken.

In­ter­view: Micha­el Pohl

Zur Per­son Die 28 jäh­ri­ge Ham­bur ge­rin Han­nah Frey zählt mit ih­ren In ter­net­sei­ten pro­jekt ge­sund le­ben.de und han­nah­frey.de zu Deutsch­lands be kann­tes­ten Food­blog­ge­rin­nen und pro­pa giert ei­ne mo­der­ne ge­sun­de Er­näh rung. Die stu­dier­te Ge­sund­heits­wis­sen schaft­le­rin hat meh­re­re Koch­bü­cher Best­sel­ler ge­schrie­ben, zu­letzt „Zu­cker­frei: Die 40 Ta­ge Chal­len­ge“(GU Ver­lag, 144 Sei­ten, 15,99 Eu­ro) und „Cle­an Ea­ting Ba­sics“(GU Ver­lag, 144 Sei­ten, 16,99 Eu­ro). Die 28 Jäh­ri­ge gibt in meh­re­ren Städ­ten Er näh­rungs­kur­se.

Foto: Fo­to­lia

Fri­sche Früch­te ent­hal­ten zwar auch Zu­cker – aber auch vie­le Bal­last­stof­fe, Vit­ami­ne und Mi­ne­ral­stof­fe.

Foto: GU Ver­lag

Au­to­rin Han­nah Frey: „Un­ge­sun­des ab und an ist voll in Ord­nung.“

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