Der Ju­gend­knast als Chan­ce

Reich­lich Rausch­gift in der Blech­kis­te: War­um ein 20-Jäh­ri­ger hin­ter Git­ter muss

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON WOLF­GANG KAHLER Foto: Bern­hard Weiz­enegger

Günzburg Erst mit ein­stün­di­ger Ver­spä­tung hat ges­tern vor dem Günz­bur­ger Schöf­fen­ge­richt ein Pro­zess ge­gen ei­nen jun­gen Mann be­gon­nen. Der An­ge­klag­te war nicht ge­kom­men. Erst als be­reits ein Haft­be­fehl er­gan­gen war und die Po­li­zei ihn vor­füh­ren soll­te, tru­del­te er ein. Am En­de der Ver­hand­lung hat­te er sich ei­ne drei­jäh­ri­ge Ju­gend­stra­fe ein­ge­fan­gen.

Als der 20-Jäh­ri­ge ins Jus­tiz­ge­bäu­de kam, emp­fahl ihm die Pro­to­koll­füh­re­rin ein­dring­lich, er sol­le sich für sei­ne Ver­spä­tung ent­schul­di­gen. Das tat er dann auch ziem­lich klein­laut, „ich war so auf­ge­regt und hab’ den We­cker wohl falsch ge­stellt“. Hät­te er ge­ahnt, wel­che Stra­fe auf ihn zu­kommt, wä­re er viel­leicht gar nicht ge­kom­men. Wä­re die Ver­hand­lung aus­ge­fal­len, hät­te der An­ge­klag­te die Kos­ten tra­gen müs­sen. Da der jun­ge Mann aber völ­lig mit­tel­los ist, wur­den ihm die Ver­fah­rens­kos­ten er­las­sen.

An­fang März die­ses Jah­res hat­te die Neu-Ul­mer Kri­po den 20-Jäh­ri­gen im Haus sei­ner El­tern un­sanft mit ei­nem ge­richt­li­chen Durch­su­chungs­be­schluss ge­weckt. Die Fra­ge nach Dro­gen ver­nein­te der aus dem Ko­so­vo stam­men­de Ver­däch­ti­ge. In ei­nem Ver­steck ent­deck­ten die Fahn­der ei­ne Blech­do­se. Dar­in ei­ne fast 100 Gramm wie­gen­de Ha­schisch­plat­te, ei­nen Ha­schisch­klum­pen und ei­ne Rausch­gift­waa­ge. gilt dies als nicht ge­rin­ge Men­ge von Be­täu­bungs­mit­teln, da der Wirk­stoff­ge­halt den Grenz­wert um mehr als das Dop­pel­te über­schritt. Das war noch nicht al­les: In ei­nem wei­te­ren Ver­steck kam ei­ne Sof­tair­waf­fe zum Vor­schein, je­doch oh­ne Mu­ni­ti­on. „Was woll­ten Sie mit der Men­ge an Ha­schisch?“, frag­te Vor­sit­zen­der Rich­ter Da­ni­el Theu­rer. „Zum Ei­gen­be­darf“, ver­si­cher­te der 20-Jäh­ri­ge. Ei­ne Kri­mi­nal­kom­mis­sa­rin be­rich­te­te als Zeu­gin von der Durch­su­chung, bei der der An­ge­klag­te ko­ope­ra­tiv ge­we­sen sei. Die Fra­ge nach Dro­gen­be­sitz hat­te er al­ler­dings ver­neint. Erst bei der Ent­de­ckung gab der 20-Jäh­ri­ge zu, dass ihm al­les ge­hö­re. Die­ses Be­täu­bungs­mit­tel­de­likt al­lein gilt be­reits als Straf­tat, so Rich­ter Theu­rer, die bei Er­wach­se­nen mit ei­ner Min­dest­stra­fe von ei­nem Jahr ge­ahn­det wird.

Für den An­ge­klag­ten lag der Fall aber noch we­sent­lich un­an­ge­neh­mer: Er ist mehr­fach, dar­un­ter auch ein­schlä­gig, vor­be­straft. Im­mer­hin vier Ein­trä­ge weist das Bun­des­zen­tral­re­gis­ter auf.

Die Kon­flik­te mit der Jus­tiz be­gan­nen be­reits 2013 we­gen Dieb­stahls und Sach­be­schä­di­gung. Im April ver­gan­ge­nen Jah­res wa­ren erst­mals Dro­gen im Spiel, was ihm ei­ne Ver­war­nung mit Geld­auf­la­ge ein­brach­te. Dann im Au­gust die ers­te Ju­gend­stra­fe mit Be­wäh­rung, weil er sei­ne ei­ge­ne Schwes­ter be­droht hat­te. Im April die­ses Jah­res stand er schon wie­der vor dem Rich­ter we­gen Nö­ti­gung, Kör­per­ver­let­zung und Be­dro­hung. Er­neut war sei­ne Schwes­ter das Op­fer. „Ex­or­bi­tan­te Rück­fall­ge­schwin­dig­keit“und er­heb­li­che Ver­let­zungs­fol­gen hieß es im Ur­teil, das mit zwei Jah­ren Ju­gend­stra­fe schon dras­ti­scher aus­fiel. Ei­ne Be­ru­fung da­ge­gen wur­de vom Land­ge­richt Mem­min­gen ver­wor­fen.

„Er hat nichts auf die Rei­he ge­kriegt“, be­schrieb Han­nes Klampfl von der Ju­gend­ge­richts­hil­fe den 20-Jäh­ri­gen, denn ein Schul­ab­schluss fehlt eben­so wie ei­ne be­ruf­li­che Aus­bil­dung. Der An­ge­klag­te hat­te bis­her nur kurz­fris­ti­ge Ar­beits­en­Ju­ris­tisch ga­ge­ments meis­tens bei Zeit­ar­beits­fir­men. Ob­wohl er bald 21 wird, „steht er in kei­ner Wei­se ei­nem Er­wach­se­nen gleich“. Schäd­li­che Nei­gun­gen lä­gen vor und da­mit die Ge­fahr wei­te­rer Straf­ta­ten. Ei­ne län­ge­re Be­treu­ung sei not­wen­dig.

Trotz der Vor­stra­fen sei kei­ne Bes­se­rung in Sicht, fand die Staats­an­wäl­tin und for­der­te in Ein­be­zie­hung der letz­ten Vor­stra­fe ei­nen Auf­ent­halt von drei Jah­ren und zwei Mo­na­ten im Ju­gend­knast. Rechts­an­walt Mar­kus Ne­u­mann (Günzburg) be­zeich­ne­te sei­nen Man­dan­ten als „per­spek­tiv­los“, plä­dier­te aber auf ei­ne Be­wäh­rungs­stra­fe. Die Erst­stra­fe von zwei Jah­ren soll­te der jun­ge Mann trotz­dem ab­sit­zen.

Das Schöf­fen­ge­richt war an­de­rer Mei­nung. Es ver­häng­te drei Jah­re Ju­gend­stra­fe, die nicht zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wer­den kön­ne. Mit sei­ner ver­spä­te­ten Teil­nah­me an der Ver­hand­lung ha­be der An­ge­klag­te be­wie­sen, dass er kein struk­tu­rier­tes Le­ben füh­ren kön­ne. In Haft ha­be er die Chan­ce auf ei­nen Schul­ab­schluss und ei­ne Aus­bil­dung. Der An­ge­klag­te nahm das Ur­teil an und er­klär­te, er wol­le jetzt ver­su­chen, sein Le­ben zu än­dern.

Dem 20-Jäh­ri­gen dro­hen durch die Ver­ur­tei­lung al­ler­dings noch wei­te­re un­an­ge­neh­me Fol­gen. Die Aus­län­der­be­hör­de wird dar­über in­for­miert und könn­te ei­ne Aus­wei­sung in die We­ge lei­ten.

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