Frau soll Ex Freund ge­fes­selt und be­droht ha­ben

Ei­ne 53-Jäh­ri­ge hat ih­rem Ver­flos­se­nen an­geb­lich ei­ne Hor­ror-Nacht be­rei­tet. Doch vor Ge­richt blei­ben Zwei­fel an der Ge­schich­te

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Nachbarschaft - VON MICHA­EL PE­TER BLUHM

Ulm We­gen Men­schen­raubs, Gei­sel­nah­me, schwe­rer räu­be­ri­scher Er­pres­sung und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung hat der Staats­an­walt in ei­nem Land­ge­richts­pro­zess in Ulm für ei­ne 53-jäh­ri­ge Frau ei­ne Frei­heits­stra­fe von fünf Jah­ren und sechs Mo­na­ten ge­for­dert. Er sah es als er­wie­sen an, dass die An­ge­klag­te ih­ren Ex-Freund in der Nacht vom 24. auf den 25. April 2013 in des­sen Woh­nung ge­fes­selt, ge­kne­belt und mit dem Mes­ser be­droht und ver­letzt ha­be. Die ers­te Gro­ße Straf­kam­mer gab je­doch nach dem ei­gent­li­chen Ab­schluss der Be­weis­auf­nah­me und den Plä­doy­ers ei­nem Hilfs­an­trag des Ver­tei­di­gers statt, noch ein­mal ei­nen me­di­zi­ni­schen Gut­ach­ter zu la­den. Da­her wird die Ver­hand­lung fort­ge­führt und die Plä­doy­ers müs­sen neu ge­hal­ten wer­den.

Mit ei­nem fa­cet­ten­rei­chen wie un­ge­wöhn­li­chen Fall müs­sen sich die Rich­ter seit An­fang Ju­li be­schäf­ti­gen. Er wur­de erst jetzt auf­ge­rollt. Der lei­ten­de Ober­staats­an­walt hat­te da­mals trotz der er­heb­li­chen Straf­vor­wür­fe kei­ne Un­ter­su­chungs­haft an­ge­ord­net, weil er kei­ne Flucht­ge­fahr bei der Frau er­kann­te. Weil aber Haft­sachen Vor­rang ha­ben und die Ge­rich­te an ih­re Ka­pa­zi­täts­gren­zen ge­sto­ßen sind, kam es so spät zur Ver­hand­lung. Das mach­te die Sa­che nicht ein­fa­cher, weil sich der Ge­schä­dig­te im Ver­lauf des Ver­fah­rens im Zeu­gen­stand zu­nächst nur müh­sam er­in­ner­te, weil er die­sen „Akt des Wahn­sinns“aus pu­rer Angst in­ner­lich ver­drängt ha­be.

Doch sei­ne Aus­sa­gen da­mals bei der Kri­mi­nal­po­li­zei spre­chen Bän­de über den Vor­gang. Wenn die An­ga­ben stim­men, hat­te ein 59-jäh­ri­ger Ul­mer vor ei­ni­gen Jah­ren die 53-jäh­ri­ge Frau ken­nen­ge­lernt, was er heu­te be­reut. Of­fen­sicht­lich war der ver­mö­gen­de Mann in die Frau so ver­liebt, dass er sie mit Ge­schen­ken und Geld über­häuf­te und ihr auch noch ei­ne Woh­nung fi­nan­zier­te.

Vor Ge­richt sag­te der Mann, die An­ge­klag­te ha­be ihn aus­ge­nom­men wie ei­ne Weih­nachts­gans. „Ich war die Melk­kuh.“Als er 2013 die mehr­jäh­ri­ge Be­zie­hung be­en­de­te und ihr den Geld­hahn zu­dreh­te, ha­be sie auf Ra­che ge­son­nen, mut­maßt er heu­te. Un­ter dem Vor­wand, ein Ver­söh­nungs­ge­spräch füh­ren zu wol­len, be­such­te die Frau den ExPart­ner am Abend des 24. April. Das be­stä­tigt die An­ge­klag­te vor Ge­richt. Was sich dann wei­ter ab­spiel­te, wa­ren aus der Sicht der Be­schul­dig­ten harm­lo­se An­ge­le­gen­hei­ten, aus Sicht der Staats­an­walt­schaft aber schwe­re Straf­ta­ten.

So ha­be die Frau den 59-Jäh­ri­gen in des­sen Woh­nung ein­ge­sperrt, den Mann mit Kle­be­band ge­fes­selt und ihn un­ter an­de­rem mit ei­nem Ge­schirr­tuch ge­kne­belt. Dann ha­be sie mit ei­nem 30 Zen­ti­me­ter lan­gen Brot­mes­ser vor sei­nen Au­gen her­um­ge­fuch­telt und das Op­fer nicht nur be­droht, son­dern auch ver­letzt. Da­bei ha­be sie ihm an­ge­kün­digt, er wer­de die­se Nacht nicht über­le­ben. Un­ter Zwang ha­be er Kün­di­gungs­schrei­ben sei­ner Ar­beits­stel­lung und sei­ner bei­den Woh­nun­gen ver­fas­sen müs­sen. Die kör­per­li­che wie see­li­sche Tor­tur sei die gan­ze Nacht ge­gan­gen. Auch früh­mor­gens war kein En­de der „Psy­ch­oh­öl­le“in Sicht. Da ha­be die Frau, die nicht ein­schlä­gig vor­be­straft ist, den Ex-Part­ner als Gei­sel ge­nom­men und ihn mit ge­zück­tem Mes­ser zu sei­nem Wa­gen bug­siert. Der stand in der Ga­ra­ge, die so klein war, dass zwei Per­so­nen nicht gleich­zei­tig ein­stei­gen konn­ten. So ließ die An­ge­klag­te den Mann zu­erst ein­stei­gen und war­te­te vor dem Ga­ra­gen­tor auf ihn. Doch der ver­rie­gel­te die Au­to­tü­ren und fuhr an sei­ner mut­maß­li­chen Pei­ni­ge­rin vor­bei – di­rekt zur Po­li­zei.

Wäh­rend der Staats­an­walt die An­kla­ge­schrift durch die Be­weis­auf­nah­me in je­dem Punkt für er­wie­sen an­sah, zer­pflück­te der Ver­tei­di­ger die Ar­gu­men­te re­gel­recht. Ei­nen sol­chen Fall ha­be er in 20 Be­rufs­jah­ren noch nicht er­lebt, sag­te der Ver­tei­di­ger und be­leg­te mit De­tails sei­ne Zwei­fel an den An­ga­ben des Ge­schä­dig­ten.

„Das Ge­samt­ge­sche­hen ist nicht er­klär­bar“, sag­te er. Man müss­te wei­te­re Sach­auf­klä­rung be­trei­ben. Er plä­dier­te für Frei­spruch sei­ner Man­dan­tin man­gels stich­hal­ti­ger Be­wei­se. Ein me­di­zi­ni­scher Gut­ach­ter soll nun her­aus­fin­den, ob der Ge­schä­dig­te wirk­lich in die­ser Nacht durch ein Mes­ser ver­letzt wur­de oder – wie der Ver­tei­di­ger glaubt – kei­ne Spu­ren dar­auf hin­wei­sen.

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