Kreuz­fahrt in die Frei­heit

Wie DDR-Bür­ger von den Ur­laubs­schif­fen flo­hen

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - VORDERSEITE - Von Ant­je Ull­rich

Ent­spannt übers wei­te Meer schip­pern, da­bei frem­de Län­der se­hen: Kreuz­fahr­ten lie­gen voll im Trend. Für DDR-Bür­ger war das nur ein Traum – möch­te man mei­nen. Doch der so­zia­lis­ti­sche Staat be­saß so­gar drei Kreuz­fahrt­schif­fe. Ei­ne Kampf­an­sa­ge an den Wes­ten und ein Si­gnal an die Be­völ­ke­rung: Es geht vor­an! Mit dem Mau­er­bau wur­den die FDGB-Luxus-Li­ner je­doch zum Fluchtfahrzeug. „Früher sind die Ka­pi­ta­lis­ten, die rei­chen Geld­sä­cke auf sol­chen Schif­fen ge­fah­ren. Heu­te sol­len die Ar­bei­ter auf sol­chen Schif­fen fah­ren“, ver­kün­de­te ein Ab- ge­sand­ter der Wis­ma­rer Ma­thi­as-The­sen-Werft im Som­mer 1958 auf dem V. Par­tei­tag der SED in Ber­lin. Der Bau ei­nes Kreuz­fahrt­schif­fes wur­de an­ge­kün­digt.

Die gro­ße Frei­heit lock­te. Fuh­ren die Schif­fe doch nicht nur durch west­li­che Ho­heits­ge­wäs­ser, son­dern leg­ten auch in Hä­fen des „nicht­so­zia­lis­ti­schen Aus­lands“an. Vor al­lem ver­dien­te Ar­bei­ter soll­ten in den Ge­nuss ei­ner sol­chen Kreuz­fahrt kom­men – die nach Ku­ba, zu den nor­we­gi­schen Fjor­den, durch die Nord- und Ost­see, bis ins Mit­tel- und Schwar­ze Meer führ­te.

Als ers­tes von drei Lu­xus­schif­fen wur­de die „Völ­ker­freund­schaft“1960 in den Di­enst der DDR ge­stellt. Zu­vor fuhr der Kreu­zer als „Stock­holm“für ei­ne schwe-

di­sche Ree­de­rei. Mit dem ers­ten Ur­lau­ber­schiff wur­de auch die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie an­ge­wor­fen. So zeig­ten Zei­tun­gen ver­dien­te Ar­bei­ter auf dem Son­nen­deck, vor Py­ra­mi­den oder im Olym­pia­sta­di­on in Helsinki.

Be­reits 1959 wur­de im Sie­ben­jah­res­plan der Bau zwei­er wei­te­rer Kreuz­fahrt­schif­fe fest­ge­schrie­ben. Am 1. Mai 1961 lief schließ­lich die in Wis­mar ge­bau­te „Fritz He­ckert“zur Jung­fern­fahrt aus.

Nur drei­ein­halb Mo­na­te später wur­de die Ber­li­ner Mau­er er­rich­tet. Kreuz­fahr­ten wur­den da­mit zu ei­ner der we­ni­gen Mög­lich­kei­ten, aus der DDR zu flie­hen. Im­mer wie­der spran­gen Pas­sa­gie­re bei Feh­marn über Bord – in der Hoff­nung, der Bun­des­grenz­schutz wür­de sie aus der Ost­see fi­schen. Vor al­lem jun­ge Män­ner wag­ten den ris­kan­ten Sprung. An­de­re ver­such­ten ihr Glück beim Land­gang. So kehr­ten zahl­rei­che Pas­sa­gie­re, aber auch Schiffs­an­ge­stell­te, von Aus­flü­gen nicht zu

rück, such­ten statt­des­sen die Bot­schaft der BRD auf. Die größ­te Mas­sen­flucht ge­lang da­bei in Cas­ablan­ca und Tu­nis, als am 9., 10. und 14. Ja­nu­ar 1962 ins­ge­samt 25 Pas­sa­gie­re und 2 Schiffs­be­diens­te­te von der „Fritz He­ckert“ent­ka­men.

Die SED-Füh­rung re­agier­te. West­li­che Hä­fen wur­den vom Rou­ten­plan ge­stri­chen. Erst ab 1986 steu­er­te das letz­te DDR-Ur­lau­ber­schiff „Ar­ko­na“wie­der Hä­fen in Al­gier, Helsinki oder auf den Azo­ren an. Des Wei­te­ren wur­den die Pas­sa­gie­re vor Rei­se­be­ginn noch gründ­li­cher von der Staats­si­cher­heit kon­trol­liert. Un­ter­wegs misch­ten sich Stasi-Mit­ar­bei­ter un­ter die Rei­sen­den und die Be­sat­zung. Doch die Men­schen flo­hen wei­ter. Ins­ge­samt ge­lang min­des­tens 225 meist gut aus­ge­bil­de­ten DDR-Bür­gern die Flucht von den Ur­lau­ber­schif­fen.

Dass es nicht mehr wa­ren, lag ver­mut­lich da­ran, dass meist nur be­son­ders sys­tem­treue Bür­ger in den Ge­nuss ei­ner Kreuz­fahrt ka­men. Für vie­le wa­ren die Rei­sen auch schier un­er­schwing­lich. In den 80er-Jah­ren et­wa zahl­te man für ei­ne Ku­ba-Rei­se mehr als 5000 Mark. So konn­te in den et­wa 30 Jah­ren nur et­wa ei­ne Vier­tel­mil­li­on Ost­deut­scher in

See ste­chen.

Aus­ge­wähl­te DDR-Bür­ger ge­nie­ßen 1960 die ers­te Kreuz­fahrt des FDGB-Ur­lau­ber­schif­fes „Völ­ker­freund­schaft“am Mit­tel- und Schwar­zen Meer. „Traum­schif­fe des So­zia­lis­mus“er­zählt von Träu­men und Schäu­men der DDR-Ur­lau­ber­schif­fe.

SED-Par­tei­chef Wal­ter Ul­bricht be­für­wor­te­te den Plan ei­ner FDGB-Ur­laubs­flot­te. Er selbst reis­te 1965 mit der „Völ­ker­freund­schaft“nach Ägyp­ten.

Im Ja­nu­ar 1962 steu­er­te die „Fritz He­ckert“Gui­nea an, um die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen zu stär­ken. Bei ei­nem Zwi­schen­stopp in Cas­ablan­ca fehl­ten plötz­lich 23 Pas­sa­gie­re. Zu gu­ter Letzt muss­te auch noch die Rou­te ge­än­dert wer­den. Denn Bun­des­prä­si­dent Lüb­ke hat­te sich in Gui­nea an­ge­kün­digt, der DDR-Kreu­zer war nicht mehr will­kom­men. In Cas­ablan­ca ge­lang im Ja­nu­ar 1962 die größ­te Mas­sen­flucht vom Ur­lau­ber­schiff „Fritz He­ckert“. Nicht nur Pas­sa­gie­re nutz­ten die Chan­ce zur Flucht. Auch jun­ge Ma­tro­sen gin­gen frei­wil­lig von Bord.

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