Le­ben un­ter lau­ter Frem­den

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - Vorderseite - Von Uwe Blü­mel

Sie le­ben wie un­ter Frem­den, kön­nen sich kei­ne Ge­sich­ter mer­ken oder er­ken­nen Men­schen nicht an ih­rer Stim­me: Rund drei Pro­zent der Be­völ­ke­rung sind von Ge­burt an ge­sichts- oder stimm­blind. Freun­de und Kol­le­gen be­schrei­ben Be­trof­fe­ne häu­fig als lau­nisch und un­höf­lich, weil sie an ih­nen vor­bei­ge­hen, als wür­den sie sie nicht ken­nen. Doch da­hin­ter steckt kein bö­ser Wil­le, son­dern ei­ne un­heil­ba­re Hirn­stö­rung. In Leip­zig wer­den die sel­te­nen Hirn­schwä­chen wis­sen­schaft­lich er­forscht - mit ers­ten er­staun­li­chen Er­kennt­nis­sen.

Stel­len Sie sich vor, Sie wol­len ihr Kind aus dem Kin­der­gar­ten ab­ho­len und er­ken­nen es nicht. Erst als ein Stepp­ke schnur­stracks­su st ac auf­au SieSe zu­läuf­tu ut und Sie freu­dig­dig um­armt, mer­ken Sie: Das ist mein Soh­ne­mann!

Ur­sa­che istst ein sel­te­nes Syn­drom: Pro­so­pag-Pro­so­pa­gno­sie (Ge­sichts-esichts- blind­heit). Da­bei kön­nen sich Be­trof­fe­ne kei­ne Ge­sich­ter ter mer­ken, auch ch nicht die von on na­hen An­ge- ge­hö­ri­gen! Das as neu­ro­lo­gisch­ehe De­fi­zit trittritt manch­mal nach ach Schlag­an­fäl­len,en, Hirn-Ope­ra­tio­nen­o­nen oder Un­fäl­le­nen auf. „Doch bis zu drei Pro­zent der Be­völ­ke-Be­völ­ke­rung lei­den un­ter­un­ter ei­ner an­ge­bo­re­nenn Form der Ge­sichts­blind­heit“,nd­heit“, sagt Dok­to­ran­din Clau­dia Ros-Ros- wan­do­witz (30). Sie forscht am Leip­zi­ger Max-Planck-In­sti­tut für Ko­gni­ti­ons- und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten. „Ge­sichts­blind­heitcts­bdet„Ges istst keineee Krank-a heit,heit, son­dern ei­ne Leis­tungs­schwä­che des Ge­hirns - et­wa ver­gleich­bar mit ei­ner Le­se-Recht­schreib-Schwä­che“, er­klärt die Dok­to­ran­din. Be­trof­fe­ne ge­ra­ten oft in pein­li­che Si­tua­tio­nen: Sie grü­ßen FreuF­reun­de nicht, lau­fen an­schei­nend­schei­nend ar­ro­gar­ro­gant an ih­nen vor­bei, weil sie sie ein­fein­fach nicht er­ken­nen. Sie fra­gen nach LLeu­ten, die aber ge­ra­de­de vor ih­nen ste­hens­te oder stel­len sich auf Par­tys im­m­eim­mer wie­der den­sel­ben Leu­ten vor. Be­ruf­lich wird­wird’s ge­fähr­lich, wenn ge­sichts­blin­de ÄÄrz­te ih­re Pa­ti­en­ten falsch be­han­del­be­han­deln, weil sie den­ken, es wä­re ein an­dan­de­rer. Für die Po­li­zei ei­nen Hand­tasch Hand­ta­schen­dieb be­schrei­ben - schier un­mun­mög­lich! In be­son­ders schwe­ren FFäl­len sol­len Be­trof­fe­ne auf der Stra­ße so­gar schon Park­uh­re Park­uh­ren mit Kin­dern ver­wech­selt ha­ben. Ur­sa­che sind De­fi­zi­te in be­stimm­ten­stimm­ten Hirn­re­gio­nen und de­ren Ver­bin­dun­gVe mit an­de­ren Hirn­are­aHirn­area­len, die für die Ana­ly­se­ly­se vo­von Ge­sichts­merk­ma­len­len und die Zu­wei­sung von Na­men und Per­so­nen zu Ge­sich­tern wich­tig sind. „Im hin­ter dem rech­ten Ohr ge­le­ge­nen so ge­nann­ten rech­ten Gy­rus fu­si­for­mis wird das Ge­sicht er­kannt. Er ist bei Pro­so­pa­gno­si­kern meist nicht ak­tiv“, sagt Ros­wan­do­witz. Der Un­ter­schied zu Au­tis­ten: Ge­sichts­blin­de kön­nen durch­aus Emo­tio­nen in Ge­sich­tern er­ken­nen.

Heil­bar ist Ge­sichts­blind­heit nicht. Um ihr De­fi­zit im All­tag zu über­spie­len, be­hel­fen sich Pro­so­pa­gno­si­ker des­halb mit Tricks und Knif­fen: Sie ver­wi­ckeln ver­meint­lich Frem­de in kur­ze Ge­sprä­che, er­ken­nen sie dann an der Stim­me. Oder sie mer­ken sich Auf­fäl­lig­kei­ten wie Nar­ben, Haar­an­satz, Zahn­stel­lung, Ohr­form (üb­ri­gens so ein­ma­lig wie der Fin­ger­ab­druck) oder die Art, wie ei­ne Per­son geht. Ros­wan­do­witz: „Ganz schwie­rig wird‘s für sie je­doch, wenn je­mand sei­ne Fri­sur oder den Klei­dungs­stil oft wech­selt.“

So et­wa kann man es sich vor­stel­len, wie Ge­sichts­blin­de Pas­san­ten auf der Stra­ße se­hen: Al­le se­hen ir­gend­wie gleich aus. Hier wer­den Be­trof­fe­ne un­ter­sucht: Max-PlanckIn­sti­tut für Ko­gni­ti­ons- und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten in Leip­zig.

Dok­to­ran­din Clau­dia Ros­wan­do­witz (30) hat als Ur­sa­che für die Han­di­caps ei­ne Stö­rung des Schlä­fen­lap­pens im rech­ten Hirn­be­reich (oran­ge mar­kiert) aus­ge­macht.

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