Der ver­stor­be­ne Mu­se­ums­di­rek­tor Mar­tin Roth hin­ter­lässt ein streit­lus­ti­ges Buch Ei­ne Fa­mi­lie wi­der­spricht

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - Kultur -

Aus dem Le­ben förm­lich her­aus­ge­ris­sen wur­de Mar­tin Roth, vor­ma­li­ger Ge­ne­ral­di­rek­tor der Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den (SKD), als er An­fang Au­gust nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit 62-jäh­rig starb. Hin­ter­las­sen hat er ein Buch.

„Wi­der­re­de!“heißt der Band, der mit nicht­mal ein­hun­dert Sei­ten mehr Büch­lein als Buch ist und doch ein gro­ßes The­ma ver­han­delt. Der Un­ter­ti­tel er­klärt, was Sa­che ist: „Ei­ne Fa­mi­lie dis­ku­tiert über Po­pu­lis­mus, Wer­te und po­li­ti­sches En­ga­ge­ment“. Die Fa­mi­lie, das sind Va­ter Mar­tin, Sohn Ro­man (27), die Töch­ter Ma­scha (28) und Cla­ra (20).

Er sei angst­frei, so soll sich Mar­tin Roth sei­nen Mit­ar­bei­tern vor­ge­stellt ha­ben, als er 2001 in Dres­den das Amt des Ge­ne­ral­di­rek­tors der SKD an­trat. Was er da­mit mein­te, ver­stan­den sei­ne Kol­le­gen und die Öf­fent­lich­keit recht bald, denn zu­guns­ten der Zie­le, die er sich für die SKD ge­setzt hat­te, war Roth be­reit, sich mit al­len an­zu­le­gen, die er als im We­ge ste­hend ver­stand. Ein Mann, der oft wi­der­sprach, ger­ne deut­lich, wie es das Aus­ru­fungs­zei­chen im Buch­ti­tel aus­drückt. Be­son­ders galt das in der Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Di­enst­herrn, der Säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung. Da­bei ver­stand Roth sein Amt im­mer po­li­tisch, in­nen­po­li­tisch und auch au­ßen­po­li­tisch, als er et­wa ei­ne gro­ße Aus­stel­lung über die Auf­klä­rung nach Chi­na schick­te.

Auf­klä­rung, De­mo­kra­tie, Welt­of­fen­heit, die Eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung wa­ren The­men, für die er in all sei­nen Funk­tio­nen er­bit­tert stritt. Als Groß­bri­tan­ni­en 2016 den Br­ex­it be­schloss, leg­te er sein Amt als Di­rek­tor des Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­ums (V&A) in Lon­don, das er seit 2011 be­klei­de­te, ent- täuscht nie­der und ver­ließ En­g­land.

Als Ge­ne­ral­di­rek­tor der SKD, wie vor­her als Ku­ra­tor der Ex­po in Han­no­ver und noch da­vor als Di­rek­tor des Deut­schen Hy­gie­ne-Mu­se­ums in Dres­den so­wieie spä­ter als Dir­rek­tor des V&A in Lon­don, war Roth ein ewig Rei­sen­der, ein Vief­lie­ger, manch­mal von in­ne­rer Rast­lo­sig­keit. SSei­ne Fa­mi­lie, EheEhe­frau und die drei Kin­der, se­he er zu sel­ten, stell­te er man­ches Mal selbst­kri­tisch fest. Roths Buch „Wi­der­re­de!“ist ei­ne Hin­ter­las­sen­schaft für das in­ter­es­sier­te Pu­bli­kum und wohl eben­so für sei­ne Kin­der, denn es schweißt sie und den Va­ter an des­sen Le­bens­en­de noch ein­mal fest zu­sam­men.

Das Buch han­delt von der Welt, von Eu­ro­pa, von Deutsch­land, es dreht sich um das welt­wei­te Wie­de­rer- wa­chen von Na­tio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und Au­to­kra­tie, hier und da geht es um Per­sön­li­ches.

Die in­halt­li­che For­de­rung ist schon durch den Buch­ti­tel klar. Die Fa­mi­lie Roth als Gan­zes steht ge­gen die ge­nann­te Ent­wick­lung. Das Buch ist ei­ne Streit­schrift für Welt­of­fen­heit, doch führt es da­bei ei­ne viel­schich­ti­ge Dis­kus­si­on, die auch Un­ter­schie­de in den Mei­nun­gen deut­lich wer­den lässt.

„Mir war es wich­tig, et­was über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg zu de­bat­tie­ren“, schreibt Roth im Ka­pi­tel „Des­halb muss ich re­den“.

Dis­kus­sio­nen wie die­se fin­den der­zeit in vie­len Fa­mi­li­en statt, das be­son­ders macht den Reiz die­ses Bu­ches aus. So man­cher Le­ser wird sich und die Sei­nen da­rin ge­spie­gelt se­hen. gg

Mar­tin Roth nach­denk­lich im Rah­men ei­ner ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung im De­zem­ber 2016 im Klei­nen Haus. Es war sein letz­ter Auf­tritt in Dres­den.

Mar­tin Roth im Jahr 2001. Da­mals wur­de er zum Ge­ne­ral­di­rek­tor der Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen er­nannt.

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