So hart geht es an Sach­sens Schu­len zu

Der Lehrer­man­gel be­herrscht ge­gen­wär­tig die Dis­kus­sio­nen um die säch­si­sche Schul­po­li­tik. Die Not ist so groß, dass über an­de­re The­men wie Ge­walt, Dro­gen und ex­tre­mis­ti­sche Über­grif­fe an Schu­len kaum noch ge­spro­chen wird. Ei­ne fa­ta­le Ent­wick­lung! Sie ver­hi

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - Titel - Von Pia Luc­che­si

Die Be­rufs­schul­leh­re­rin Pe­tra M. wen­det ihr Ge­sicht zur Son­ne, da­mit die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit hin­ter sie fal­len. Die 52-Jäh­ri­ge aus der Lau­sitz war acht Mo­na­te krank und in psych­ia­tri­scher Be­hand­lung, nach­dem ein Schü­ler (18) ihr un­ver­hoh­len mit ei­nem Mes­ser ge­droht hat.

„Es pas­sier­te im De­zem­ber 2016. Ich hat­te den Schü­ler nach Un­ter­richts­schluss zu ei­nem Ge­spräch ge­la­den, um mit ihm über sei­ne schlech­ten No­ten zu spre­chen“, er­in­nert sich die Päd­ago­gin. Das Vier-Au­gen-Ge­spräch fand in ei­nem Klas­sen­zim­mer am Leh­rer­tisch statt. Pe­tra M.: „Der jun­ge Mann war zu­erst ge­fasst und hör­te ru­hig zu. Doch plötz­lich sprang er auf, zog ein Kü­chen­mes­ser aus sei­ner Ta­sche.“

Ge­fasst er­zählt sie wei­ter: „Ich war ent­setzt. Sprach­los. Der Schü­ler grins­te mich feind­se­lig an und bohr­te die spit­ze Klin­ge in mei­nen Ka­len­der, der vor ihm auf dem Tisch lag. In 30 Be­rufs­jah­ren war mir so et- was noch nie pas­siert.“Nach­dem sie ih­re Stim­me wie­der­ge­fun­den hat­te, ver­wies die Leh­re­rin den Schü­ler en­er­gisch des Rau­mes. Die Päd­ago­gin: „Ich ging noch auf­recht ins Lehrer­zim­mer. Dann brach ich zu­sam­men.“

Kran­ken­haus, Kur und Psy­cho­the­ra­pie für Pe­tra M. folg­ten. Was da­mals in der Schu­le pas­siert war, er­zähl­te sie nur ih­rer Fa­mi­lie, en­gen Freun­den, be­han­deln­den Ärz­ten und The­ra­peu­ten - aus Scham und Selbst­zwei­feln, wie sie sagt. „Was ha­be ich falsch ge­macht? Die Fra­ge quäl­te mich näch­te­lang.“Die Leh­re­rin er­stat­te­te kei­ne An­zei­ge. Sie wech­sel­te die Schu­le, un­ter­rich­tet heu­te in Dres­den.

Ein dra­ma­ti­scher Ein­zel­fall? „Nein“, sagt die Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) Sach­sen, Uschi Kru­se (59). Sie be­dau­ert, dass über der­ar­ti­ge Vor­fäl­le kei­ne Sta­tis­tik ge­führt wird. Kru­se weiß: „Leh­rer sind im­mer öf­ter Ziel­schei­be von Ge­walt. Sie wer­den oft stell­ver­tre­tend für an­de­re in Kon­flik­te hin­ein­ge­zo­gen. Da­bei sind Über­grif­fe mit Waf­fen zum Glück die Aus­nah­me.“Rem­peln, pö­beln, mob­ben - die Um­gangs­for­men an den Schu­len sind nicht mehr nur fein. Kru­se: „Ta­bu­brü­che ste­hen heu­te al­ler­or­ten auf der Ta­ges­ord­nung. Das spü­ren wir auch an den Schu­len.“

Mit Selbst­ver­tei­di­gungs­kur­sen für Päd­ago­gen und Schü­ler las­sen sich die Pro­ble­me nicht lö­sen. Kru­se: „Die Lehr­kräf­te ar­bei­ten über Li­mit we­gen des Per­so­nal­man­gels. Sie brau­chen mehr Un­ter­stüt­zung.“Es fehlt nicht nur an Fach­kräf­ten, son­dern auch an Struk­tu­ren, die im Ernst­fall grei­fen und hel­fen. Ein Bei­spiel: Im Frei­staat gibt es 29 Voll­zeit­stel­len für Schul­psy­cho­lo­gen. Ein Psy­cho­lo­ge (Voll­zeit) be­treut 1328 Leh­rer und 15650 Schü­ler. So schlecht ist der Schlüs­sel nir­gend­wo in Deutsch­land. Die GEW-Che­fin: „Der Leh­rer-Be­ruf ist schwie­ri­ger ge­wor­den. Das muss die Po­li­tik end­lich an­er­ken­nen und han­deln.“

Uschi Kru­se ist Lan­des­vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft. Erik Buß­mann ist Ge­schäfts­füh­rer des Lan­des­schü­le­ra­tes. Mob­bing ist an Schu­len weit ver­brei­tet. Das In­ter­net er­öff­net den fei­gen Tä­tern die Mög­lich­keit, an­de­re an­onym zu ver­un­glimp­fen.

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