Grü­nes Licht ffüürr Hit­lers Lan­d­raub

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - GESCHICHTE -

Der

eth­ni­sche Kon­flikt süd­lich der säch­si­schen Reichs­gren­ze schwel­te be­reits ei­ni­ge Jah­re. In der laut Ver­sail­ler Ver­trag (1919) sou­ve­rä­nen Tsche­cho­slo­wa­kei leb­ten an die drei Mil­lio­nen Deut­sche, vor­nehm­lich im nörd­li­chen Böh­men. Die­se Su­de­ten­deut­schen soll­ten für Adolf Hit­ler rich­tig wich­tig wer­den.

Nach­dem im März der „An­schluss“Ös­ter­reichs an Deutsch­land er­folgt war, wirk­te das Ter­ri­to­ri­um der Tsche­chen wie ein spit­zer Keil im Reichs­ge­biet, der ein­ge­deutscht ge­hör­te. Des­halb dräng­te Hit­ler den Chef der Su­de­ten­par­tei, ge­gen die tsche­chi­sche Re­gie­rung auf­zu­mu­cken. Er sol­le solch schar­fe For­de­run­gen für die Deut­schen gen Prag schi­cken, dass die un­an­nehm­bar sei­en. Der Su­de­ten­kon­flikt bausch­te sich über den Som­mer der­art auf, dass der Welt­öf­fent­lich­keit klar war: Hier knallt es bald!

Al­ler­dings war die tsche­chi­sche Ar­mee zu die­ser Zeit ei­ne der am bes­ten aus­ge­rüs­te­ten. Auch die Grenz­be­fes­ti­gun­gen gal­ten als so­li­de. Zu­dem ver­füg­te die noch jun­ge Re­pu­blik mit Frank­reich und der So­wjet­uni­on über zwei mäch­ti­ge Ver­bün­de­te. Doch wür­den die Groß­mäch­te im Kriegs­fall tat­säch­lich für das klei­ne Land ge­gen die mas­siv auf­rüs­ten­den Deut­schen kämp­fen?

Die So­wjet­uni­on hat­te Hit­ler gar nicht in sei­ne Par­tei­zen­tra­le nach Mün­chen ein­ge­la­den. Die Tsche­chen, um de­ren Ter­ri­to­ri­um es ge­hen soll­te, eben­falls nicht. Den Ver­trag han­del­te er mit Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en un­ter Ver­mitt­lung Ita­li­ens aus. Nachts um 1.30 Uhr wur­de das Ab­kom­men un­ter­zeich­net.

Oh­ne Kriegs­hand­lun­gen er­hielt Deutsch­land fet­te Beu­te: Die Tsche­chen ver­lo­ren vor­erst 15 Pro­zent ih­rer Lan­des­flä­che an den sä­bel­ras­seln­den Nach­barn. Ab 1. Ok­to­ber mar­schier­te die Wehr­macht in Böh­men ein und be­setz­te das „Su­de­ten­land“.

Die Tsche­cho­slo­wa­ken ka­pi­tu­lier­ten. Wenn vier eu­ro­päi­sche Groß­mäch­te -

„oh­ne uns, über uns“- das Schick­sal der Na­ti­on be­stim­men, kä­me Wi­der­stand Selbst­mord gleich. Die­se miss­li­che La­ge nutz­ten an­de­re Nach­barn auch so­fort aus, um sich vom Ku­chen et­was ab­zu­zwa­cken. Um­ge­hend ok­ku­pier­te Po­len das Ol­sa­ge­biet um Te­schen, die Un­garn be­an­spruch­ten und er­hiel­ten Ge­bie­te der süd­li­chen Slo­wa­kei und die Kar­pa­to-Ukrai­ne.

Die Rest-Tsche­chei, wie man die üb­ri­gen Ge­bie­te im NS-Staat be­zeich­ne­te, wur­den dann im März 1939 eben­falls durch die Wehr­macht be­setzt. Das war nicht nur völ­ker­rechts­wid­rig, son­dern wi­der­sprach auch dem Münch­ner Ab­kom­men. Deutsch­land ver­leib­te sich da­mit auch be­deu­ten­de Vor­rä­te an Waf­fen, Mu­ni­ti­on, Roh­stof­fen und De­vi­sen­be­stän­den ein. Mit Ško­da kam auch ei­ner der größ­ten eu­ro­päi­schen Ma­schi­nen­bau­er und Waf­fen­pro­du­zen­ten un­ter die deut­sche Fuch­tel.

Ob­wohl Hit­ler durch das Ab­kom­men im Reich als au­ßen­po­li­ti­scher Ge­ni­us da­stand - zu­frie­den war er mit dem Ver­lauf nicht. Er hät­te den Krieg lie­ber schon im Sep­tem­ber 1938 be­gon­nen, no­tiert 1945 sein Se­kre­tär Bor­mann: „Aber ich konn­te nichts ma­chen, weil die En­g­län­der und Fran­zo­sen in Mün­chen al­le mei­ne For­de­run­gen ak­zep­tier­ten.“

Vier Staats­män­ner vor dem Lan­d­raub per Fe­der­strich (v.l.n.r.): Ne­vil­le Cham­ber­lain, Édouard Da­la­dier, Adolf Hit­ler und Be­ni­to Mus­so­li­ni un­ter­zeich­ne­ten heu­te vor 80 Jah­ren das Münch­ner Ab­kom­men. Der Füh­rer lässt sich in Gras­litz - heu­te Kras­li­ce - von den Su­de­ten­deut­schen als Be­frei­er fei­ern.

Der Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Prä­si­dent Ed­vard Be­neš wur­de für sie­ben Jah­re ent­mach­tet. Im Su­de­ten­land be­gann zü­gig die Ju­den­ver­trei­bung. Sie­ben Jah­re spä­ter wur­den die Su­de­ten­deut­schen selbst ver­trie­ben. Die Tsche­chei wur­de 1938 von meh­re­ren Sei­ten ge­rupft. Ein hal­bes Jahr rück­te Hit­ler dort ganz ein, die Slo­wa­kei durf­te ein ei­ge­ner fa­schis­ti­scher Staat wer­den. Ne­vil­le Cham­ber­lain glaubt tat­säch­lich: „Frie­de für un­se­re Zeit.“Er hat­te sich ge­irrt.

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