Neue Be­we­gung will ins Par­la­ment

Zwei al­te Po­li­tik-Ha­sen wol­len die „Mut­bür­ger“bün­deln

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - VORDERSEITE - Ber­ger: Wir möch­ten Fach­leu­te in die Po­li­tik brin­gen. Men­schen, die

In Sach­sen for­miert sich ei­ne neue po­li­ti­sche Kraft: die „Bür­ger­be­we­gung für Sach­sen“. Hin­ter dem Coup ste­hen zwei pro­fi­lier­te Ak­teu­re aus der Po­li­tik: Ex-Grü­nen-Che­fin Antje Her­men­au (54) und Grim­mas Ober­bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Ber­ger (50). Bei­de spra­chen im In­ter­view mit den Mor­gen­post-Re­dak­teu­ren Pia Luc­che­si und Tors­ten Hil­scher über ih­re Am­bi­tio­nen und Zie­le für die Land­tags­wahl

Mor­gen­post am Sonn­tag: Frau Her­men­au, geht Ih­nen die Ar­beit als Po­li­tik­be­ra­te­rin aus, dass Sie sich jetzt bei ei­ner Bür­ger­be­we­gung en­ga­gie­ren?

Antje Her­men­au (lacht): Ganz im Ge­gen­teil. Ich bin viel be­schäf­tigt. Als Be­ra­te­rin ha­be ich seit ei­nem hal­ben Jahr bei den Frei­en Wäh­lern ei­nen klei­nen Ver­trag. Zum 1. Ja­nu­ar wer­de ich noch stär­ker ein­stei­gen, dann als Ge­schäfts­füh­re­rin. Ich blei­be aber par­tei­los. Die „Bür­ger­be­we­gung für Sach­sen“ist ein Pro­jekt, das auch mir am Her­zen liegt. Mat­thi­as und ich ken­nen uns seit 2002.

Herr Ber­ger, wen spricht ih­re Bür­ger­be­we­gung an?

Mat­thi­as Ber­ger: Der Fa­den zwi­schen Po­li­tik und Bür­gern ist ab­ge­ris­sen. Wir ha­ben das Ge­fühl, es geht nicht mehr um die Mit­te der Ge­sell­schaft, son­dern nur noch um LINKS oder RECHTS. Die Par­tei­en glau­ben, dass sie das Mei­nungs­mo­no­pol ha­ben. Vie­le glau­ben ih­nen aber nicht mehr. Wir wol­len den Mut­bür­gern ei­ne Stim­me im Par­la­ment ge­ben.

Sie wol­len den Pro­test ka­na­li­sie­ren?

Ber­ger: Vie­le Bür­ger ha­ben die AfD nur ge­wählt, um „de­nen da oben“eins rein­zu­wür­gen. Ich bin fest über­zeugt, bei den nächs­ten Wah­len wird das an- ders sein. Wir bie­ten uns da­her als Al­ter­na­ti­ve aus der bür­ger­li­chen Mit­te an. De­mo­kra­tie muss wei­ter ge­fasst wer­den als nur über Par­tei­en. Mo­men­tan be­steht die Ge­fahr, dass der Pro­test und das Wäh­len ei­nen ex­trem rech­ten Touch be­kom­men. Wir als Bür­ger­be­we­gung wol­len zu­rück zu ei­ner ech­ten Ba­sis­de­mo­kra­tie. Da­mit ha­be ich als Bür­ger­meis­ter in Grim­ma ex­trem gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. Es muss um die Sa­che ge­hen. Nicht um Par­tei­en.

Auch die jet­zi­ge Re­gie­rung ist vom Bür­ger ge­wählt und ar­bei­tet.

Ber­ger: Die Staats­re­gie­rung ist ide­en­los. Al­le ih­re Im­pul­se er­schöpf­ten sich in der Ver­gan­gen­heit in bü­ro­kra­ti­schen Vor­ga­ben und Maß­nah­men zur Zen­tra­li­sie­rung, de­ren Sinn­haf­tig­keit sich der brei­ten Be­völ­ke­rung nicht er­schließt.

Wie soll das „tech­nisch“ge­hen, dass ih­re Bür­ger­be­we­gung in den Land­tag ein­zieht?

Her­men­au: Die Frei­en Wäh­ler stel­len die Platt­form zur Ver­fü­gung. Wir la­den aus­drück­lich Par­tei­lo­se ein, das zu nut­zen - ob jung oder alt. Die Bür­ger­be­we­gung ist nicht iden­tisch mit den „Frei­en Wäh­lern“, un­ter­stützt sie aber aus­drück­lich. über ih­re Le­bens­bi­lanz zei­gen kön­nen, dass sie per­sön­lich und fach­lich ge­eig­net sind.

Tritt die Bür­ger­be­we­gung mit Ih­nen an der Spit­ze an?

Bei­de: Nein, wir kan­di­die­ren nicht.

Ber­ger: Ich bin bis 2022 ge­wähl­ter OB von Grim­ma. Her­men­au: Ich kan­di­die­re nicht und stre­be auch kein Amt an.

Will ih­re Bür­ger­be­we­gung re­gie­ren?

Her­men­au: Ja. Wir stre­ben 2019 ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung an. Als Frak­ti­on im Land­tag wol­len wir ein Vor­schlags­ge­wit­ter ge­gen un­säg­li­che Ver­wal­tungs-Vor­schrif­ten los­las­sen. Auch in Sach­sen wer­den wir für un­se­re Zie­le vie­les neu jus­tie­ren müs­sen - wenn es sein muss, mit Ge­set­zes­än­de­run­gen.

Mit wem wol­len sie re­gie­ren?

Her­men­au: Wir re­den mit al­len und gren­zen uns be­wusst nicht ab. Denn wir wol­len uns nicht ver­schlie­ßen.

Ber­ger: Wir ma­chen nicht Po­li­tik GE­GEN an­de­re. Wir wol­len an der Sa­che ent­lang ar­bei­ten und re­gie­ren.

Gut, doch wo­für steht ih­re Be­we­gung?

Her­men­au: Kei­ne Sor­ge, das kommt noch. Un­ser Wahl­pro­gramm bau­en wir in Ru­he noch auf. Wir wol­len, dass Kom­mu­nal- und Lan­des­po­li­tik wie­der aus ei­nem Guss sind. Un­ser zen­tra­les An­lie­gen ist die de­mo­kra­ti­sche Selbst­kon­trol­le.

Nen­nen Sie bit­te ein kon­kre­tes Bei­spiel.

Her­men­au: Neh­men Sie ak­tu­ell die an­ge­kün­dig­te Zer­schla­gung des Öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs. Der Wirt­schafts­mi­nis­ter hat jah­re­lang ge­schla­fen und nun stößt er die Kom­mu­nen und Land­rä­te vor den Kopf. Das fin­de ich un­ge­heu­er­lich. So darf das nicht lau­fen.

Wie soll­te es ih­rer An­sicht nach lau­fen?

Her­men­au: Wir tre­ten ein für ei­nen säch­si­schen Weg in der Kom­mu­nal- und Lan­des­po­li­tik.

Was ist das, ein Säch­si­scher Weg?

Her­men­au: Das, was hier seit Jahr­hun­der­ten tra­diert und über­lie­fert wird, muss be­wahrt wer­den. Die Sach­sen müs­sen wie­der für das ge­wür­digt wer­den, für was man sie kennt: Fleiß und Be­schei­den­heit. Wir ver­kör­pern und pro­pa­gie­ren das säch­si­sche Cre­do: Loofn mus­ses.

Das sagt die CDU auch…

Her­men­au: Das ist ja in Ord­nung, dann wird die CDU ge­win­nen - und wir nicht. Da bin ich ganz lo­cker...

Antje Her­men­au be­gann in der Wen­de­zeit, sich po­li­tisch zu en­ga­gie­ren. Da­mals war sie Mit­glied des Run­den Ti­sches in Leip­zig. Mat­thi­as Ber­ger wur­de 2001 zum haupt­amt­li­chen Bür­ger­meis­ter und 2008 und 2015 zum Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Grim­ma im Land­kreis Leip­zi­ger Land ge­wählt.

Antje Her­men­au und Mat­thi­as Ber­ger im Ge­spräch mit den Re­dak­teu­ren Pia Luc­che­si und Tors­ten Hil­scher.

Zoff ums Bil­dungsti­cket: Sach­sens Wirt­schafts­mi­nis­ter Mar­tin Du­lig (SPD) plant die Zer­schla­gung der Ver­kehrs­ver­bün­de. Die Land­rä­te lau­fen da­ge­gen Sturm.

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