Grö­ne­mey­er macht Tu­mult

End­lich ist das neue Al­bum da

Morgenpost am Sonntag (Chemnitzer) - - KULTUR -

BER­LIN - Grö­ne­mey­er lie­fert mit „Tu­mult“das pas­sen­de Werk zur ak­tu­el­len Zeit. Der Rechts­ruck, das Hass­ge­schwätz im Netz, das Schü­ren von Ängs­ten, all das be­schäf­tigt den 62-Jäh­ri­gen.

Her­bert Grö­ne­mey­er, so hat er mal er­zählt, geht eher oh­ne Kon­zept an ein neu­es Al­bum. Er klim­pe­re vor sich hin, und wenn er fünf oder sechs sinn­vol­le Stü­cke bei­sam­men ha­be, mer­ke er: „Jetzt hast Du wie­der Hun­ger, jetzt könn­test Du wie­der ei­ne Plat­te ma­chen.“Der Hun­ger war wie­der da. Am Frei­tag ist das neue Al­bum „Tu­mult“er­schie­nen. In­spi­riert ha­be ihn „mein Le­ben, mei­ne Ge­dan­ken, Deutsch­land na­tür­lich und die Zeit, in der wir uns be­fin­den, die­se sehr ner­vö­se, un­ru­hi­ge Zeit“.

Ein Al­bum zur La­ge der Na­ti­on al­so. Das Er­star­ken von Rechts, das Hass­ge­schwätz im Netz, das Schü­ren von Ängs­ten, all das be­schäf­tigt Grö­ne­mey­er. „Bist Du da, wenn zu viel Ges­tern droht, wenn wir ver­ro­hen, weil al­te Geis­ter krei­sen“, fragt er in dem Wi­der­stands­lied „Bist Du da“.

Na­tür­lich ma­che man sich Sor­gen, wo das al­les hin­füh­re, sagt Grö­ne­mey­er im In­ter­view der Deut­schen-Pres­se-Agen­tur. Doch der 62-Jäh­ri­ge ist Op­ti­mist: „Gleich­zei­tig glau­be ich, sind wir auch sta­bil und er­wach­sen ge­nug, uns dem zu stel­len.“

Das viel­leicht über­ra­schends­te Stück auf der Plat­te ist „Dop­pel­herz / Iki Gön­lüm“, in dem Grö­ne­mey­er ei­ni­ge Pas­sa­gen auf Tür­kisch singt. Dar­auf sei er auch bei ei­ner Le­sung für den da­mals noch in­haf­tier­ten Jour­na­lis­ten De­niz Yücel ge­kom­men. „Da ha­be ich auch Tür­kisch ge­le­sen. Und dann ha­ben al­le ge­sagt: Oh, das kannst Du ja recht or­dent­lich!“Un­ter­stüt­zung be­kommt er von BRKN, ei­nem jun­gen Rap­per aus Ber­lin-Kreuz­berg - ei­ne Ko­ope­ra­ti­on, die gut auf­geht.

Auch wenn „Tu­mult“ein po­li­ti­sches Al­bum ist, hat es auch et­was Leich­tes und Un­be­schwer­tes - und kann durch­aus als Mut­ma­cher ge­se­hen wer­den. Da­für, Hal­tung ein­zu­neh­men und Stel­lung zu be­zie­hen. „Hal­tung ist nicht ir­gend­was Stren­ges oder An­stren­gen­des, son­dern kann auch leicht­fü­ßig, kraft­voll und le­ben­dig da­her­kom­men“, sagt er.

Grö­ne­mey­er gilt seit Jahr­zehn­ten als Stim­me der Na­ti­on. Kaum ein Sän­ger be­rührt die Deut­schen so sehr wie er. Da­bei woll­te er ur­sprüng­lich gar nicht Mu­si­ker wer­den - „eher Fuß­bal­ler oder Ge­braucht­wa­gen­händ­ler“. Be­kann­ter­ma­ßen kam es an­ders: Ne­ben Sta­tio­nen im Thea­ter und ei­ner Rol­le im Ki­no­epos „Das Boot“ver­such­te er sich zu­nächst er­folg­los als Sän­ger. Dann kam „4630 Bochum“, die Plat­te wird 1984 das er­folg­reichs­te Al­bum des Jah­res. Ei­nen Schick­sals­schlag er­lebt er 1998, als in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge erst der Bru­der, dann sei­ne Frau an Krebs ster­ben. Grö­ne­mey­er zieht sich zu­rück, ver­ar­bei­tet sei­ne Trau­er auf dem Er­folgs­werk „Mensch“. Weit­ge­hend un­be­hel­ligt wohnt er in den Fol­ge­jah­ren mit sei­nen bei­den Kin­dern in Lon­don. Jetzt hat er längst wie­der ei­nen Wohn­sitz in Ber­lin. Seit ei­ni­gen Jah­ren ist er auch wie­der ver­hei­ra­tet.

Auch auf „Tu­mult“be­schäf­ti­gen sich meh­re­re Songs mit dem Glück und der Lie­be. So ist „Mein Le­bens­strah­len“in sei­ner er­grei­fen­den Sch­licht­heit ei­nes der schöns­ten Lie­bes­lie­der, das Grö­ne­mey­er je ge­schrie­ben hat.

So viel­fäl­tig das Al­bum the­ma­tisch da­her­kommt, so viel­fäl­tig ist auch der Sound. Die ins­ge­samt 16 Songs (plus zwei Bo­nus­tracks) be­die­nen sich un­ter­schied­lichs­ter Sti­le. Ei­ne Band­brei­te, die zu­meist über­zeugt.

Jen­ny To­bi­en

Ein po­li­ti­scher Künst­ler: Grö­ne­mey­er ver­liest bei der Ab­schluss­kund­ge­bung der De­mons­tra­ti­on ge­gen Ras­sis­mus und Rechts­ruck in Ber­lin im Ok­to­ber ei­ne Er­klä­rung.

Sein Tanz­stil ist le­gen­där: Grö­ne­mey­er bei ei­ner Büh­nen­show im Ju­li 2017 in Ham­burg.

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