Aus dem Ate­lier ei­nes Ge­heim­agen­ten

Aus­stel­lung im Ho­tel Wes­tin Bel­le­vue in Dres­den

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - KULTUR - Lil­li Vostry

DRES­DEN - Reiz­vol­les Spiel mit Sinn und Form: of­fen und hin­ter­grün­dig, sinn­lich und sprö­de la­den die Skulp­tu­ren von Horst Mei­er ali­as Er­win Mi­ser­re, ehe­mals Ge­heim­agent und Künst­ler, den Be­trach­ter zum Er­kun­den ein. Sei­ne Wer­ke wer­den erst­mals öf­fent­lich in der Aus­stel­lung „Aus dem Schutz­raum der Heim­lich­keit“ge­zeigt. Bis Mit­te Ok­to­ber sind sie im Ho­tel Wes­tin Bel­le­vue zu se­hen.

Ein il­lus­trer Fi­gu­ren­rei­gen emp­fängt den Be­su­cher im Schum­mer­licht der Ho­tel­hal­le: Ein spitz­schna­be­li­ger Rei­her, ein gol­den glän­zen­des Nas­horn und ei­ne skur­ri­le „Löf­fel­en­te“tum­meln sich ne­ben in­nig um­schlun­ge­nen Paa­ren, gra­zi­len und ge­schmei­di­gen Akro­ba­tin­nen.

Vie­le sei­ner ei­gen­wil­li­gen, von Pa­ti­na über­zo­ge­nen Bron­ze-Skulp­tu­ren ent­stan­den im Ver­bor­ge­nen. Denn Mei­er/Mi­ser­re führ­te jah­re­lang ein Dop­pel­le­ben als Ge­heim­agent des Aus­lands­ge­heim­diens­tes der DDR, in der von Mar­kus Wolf ge­lei­te­ten Haupt­ab­tei­lung Auf­klä­rung (HVA).

Mit sei­ner Mis­si­on als Ge­heim­agent ver­band Mei­er/ Mi­ser­re den Traum von ei­ner bes­se­ren, fried­li­chen und ge­rech­te­ren Welt oh­ne mi­li­tä­ri­sche Be­dro­hung. Ge­bo­ren 1925 im Dorf Mei­ne­weh süd­west­lich von Leip­zig, kam Mei­er mit 19 Jah­ren an die Ost­front, über­leb­te knapp und war ei­ni­ge Jah­re in so­wje­ti­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Nach Kriegs­en­de stu­dier­te er Jour­na­lis­mus in Leip­zig, ar­bei­te­te als Kul­tur­re­dak­teur der Zei­tung „Frei­es Wort“in Suhl.

1965 ging er in den Wes­ten und nahm die Iden­ti­tät von Er­win Mi­ser­re an, der aus der­sel­ben Re­gi­on stamm­te wie er, und der kurz zu­vor über die BRD nach Ka­na­da aus­ge­reist war. Dort starb er 2003. Dass in Deutsch­land un­ter sei­nem Na­men ein Dop­pel­le­ben ge­führt wur­de, er­fuhr er nie.

In Brüs­sel half Mei­er (als Mi­ser­re), das Mi­li­tär­bünd­nis NATO zu über­wa­chen, gab In­for­ma­tio­nen wei­ter - und war zu­gleich als Künst­ler aus Lei­den­schaft tä­tig. Er schrieb sich an der Kö­nig­li­chen Aka­de­mie der Küns­te ein, ge­noss das Kul­tur­le­ben, be­reis­te die Welt und wur­de As­sis­tent des re­nom­mier­ten Brüs­se­ler Bild­hau­ers Oli­ver Stre­bel­le, der ihn in sei­nem Schaf­fen för­der­te.

Jah­re­lang pen­del­te Mei­er/ zwi­schen den Wel­ten - den Schüt­zen­grä­ben des Kal­ten Krie­ges und dem frei­en Geist der Ate­liers. Doch Aus­stel­lun­gen ver­wei­ger­te er sich hartnäckig bis an sein Le­bens­en­de. Das Ri­si­ko, mit sei­nem Werk er­kannt zu wer­den und frü­he­re Kol­le­gen in Ge­fahr zu brin­gen, war ihm zu groß.

Sein Dou­ble kehr­te 1977 in die DDR zu­rück, als die HVA ih­re Agen­ten, de­nen der west­deut­sche Ge­heim­dienst auf die Sch­li­che ge­kom­men war, ab­zog. Das be­deu­te­te für ihn mit 51 Jah­ren nicht nur den Ru­he­stand, son­dern auch den Ab­bruch der Zu­sam­men­ar­beit mit sei­nem Leh­rer Stre­bel­le. Horst Mei­er war wie­der of­fi­zi­ell Horst Mei­er. 1993 wur­de sei­ne Tä­tig­keit als Ex-Agent der HVA auf­ge­deckt, war ju­ris­tisch aber nicht mehr zu ver­fol­gen. Zu­gu­te hielt er sich stets, nie­man­den ver­letzt oder ans Mes­ser ge­lie­fert zu ha­ben.

Da­für blieb sei­ne künst­le­ri­sche Ar­beit frei von po­li­ti­schen und kom­mer­zi­el­len Ein­flüs­sen. Nach­lass­ver­wal­ter Gün­ther Ro­the: „In ih­rer Ge­samt­heit bil­den die Plas­ti­ken ein un­ver­kenn­bar zu­sam­men­ge­hö­ri­ges Gan­zes und zei­gen doch, je­de für sich, ih­re ganz ei­ge­nen Qua­li­tä­ten, die un­se­re Fan­ta­sie be­flü­geln und ih­re Ge­heim­nis­se un­se­rer Ent­de­ckung über­las­sen.“Ro­the ist Her­aus­ge­ber des Bu­ches „Aus dem Schutz­raum der Heim­lich­keit“über die au­ßer­ge­wöhn­li­che Le­bens­ge­schich­te von Horst Mei­er ali­as Er­win Mi­ser­re, er­schie­nen im Micha­el Im­hof Ver­lag.

Die Wer­ke des Ex-DDRSpi­ons sind im Foy­er des Ho­tels Wes­tin Bel­le­vue zu se­hen.

1974 hat­te Horst Mei­er (1925-2016) das ers­te Mo­dell der „Frau des Nor­dens“er­schaf­fen.

Ei­ne spä­te­re Va­ri­an­te der „Frau des Ho­hen Nor­dens“.

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