Wie viel Cha­os droht uns dies­mal?

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Ri­ta Sey­fert

Für 38 500 ABC-Schüt­zen be­ginnt am Mon­tag in Sach­sen der Ernst des Le­bens. Das Cha­os scheint vor­pro­gram­miert. An den knapp tau­send Grund­schu­len gibt es et­li­che Bau­stel­len.

1. Bau­stel­le: Die Leh­rer sind gar kei­ne Leh­rer Zwar sind die 1 400 frei­en Leh­rer-Stel­len laut Kul­tus­mi­nis­te­rin Brun­hild Kurth (63, CDU) na­he­zu al­le be­setzt. Doch 52 Pro­zent da­von sind kei­ne aus­ge­bil­de­ten Leh­rer, son­dern Sei­ten­ein­stei­ger, al­so et­wa Di­plom-Bio­lo­gen. Und: Mehr als die Hälf­te da­von muss bis De­zem­ber zur Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung erst­mal sel­ber auf die Schul­bank.

2. Bau­stel­le: „Neue“las­sen auf sich war­ten Drei Vier­tel der Sei­ten­ein­stei­ger brau­chen ne­ben der be­rufs­be­glei­ten­den Wei­ter­bil­dung ei­ne drei­mo­na­ti­ge Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung. Die be­ginnt für mehr als die Hälf­te erst im Sep­tem­ber. „Bis da­hin sind die po­ten­zi­el­len Leh­rer noch in al­ten Ar­beits­ver­trä­gen ge­bun­den“, so Kul­tus­mi­nis­te­rin Kurth. Ei­ni­ge der Sei­ten­ein­stei­ger konn­ten zwar schon im Ju­li in die Kur­se ge­schickt wer­den, sie ste­hen ab Ok­to­ber an den Ta­feln. Der Rest nimmt aber erst im De­zem­ber die Krei­de in die Hand.

3. Bau­stel­le: Rie­sen­lü­cke klafft in der Un­ter­richts­ver­sor­gung

Im ers­ten Schul­halb­jahr müs­sen Ho­no­rar­kräf­te ran. Das Ein­mal­eins ler­nen vie­le Mäd­chen und Jun­gen von Leh­rern im Ru­he­stand. Grund­schul­leh­rer sol­len Über­stun­den leis­ten oder ih­re Teil­zeit­tä­tig­keit auf­sto­cken. Da­für stell­te Kul­tus­mi­nis­te­rin Kurth ver­bes­ser­te Ver­gü­tungs­be­din­gun­gen in Aus­sicht: „Über­stun­den wer­den im sel­ben Mo­nat be­zahlt.“

4. Bau­stel­le: Sei­ten­ein­stei­ger bin­den Ka­pa­zi­tä­ten Die „Neu­en“müs­sen das Un­ter­rich­ten erst­mal üben. Wäh­rend der drei­mo­na­ti­gen Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung sit­zen die Sei­ten­ein­stei­ger ne­ben den Kin­dern auf der Schul­bank und hos­pi­tie­ren. So­bald sie sel­ber vor der Klas­se ste­hen, muss sie ein zwei­ter Leh­rer be­glei­ten - zu­min­dest am An­fang.

5. Bau­stel­le: Man­geln­de Kon­ti­nui­tät im Schul­all­tag Kin­der brau­chen ei­nen ge­re­gel­ten Ta­ges­ab­lauf mit fes­ten Be­zugs­per­so­nen. Die Grund­schü­ler wer­den sich aber auf wech­seln­de Ge­sich­ter und im­mer wie­der neue St­un­den­plä­ne ein­stel­len müs­sen.

6. Bau­stel­le: Nach­fol­ger für Grund­schul-Che­fin­nen rar

Der Lehrer­man­gel ist nur die Spit­ze des Eis­bergs. Vor al­lem die Stel­le des Grund­schul-Chefs (oder bes­ser der Che­fin, meist sind es ja Frau­en) ist nicht son­der­lich be­gehrt. Laut Kul­tus­mi­nis­te­ri­um hat zwar je­de der 1356 öf­fent­li­chen Schu­len Sach­sens zum Schul­jah­res­be­ginn auch ei­nen Schul­lei­ter. Doch für Uschi Kru­se (59), Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW), sieht die Rea­li­tät an­ders aus: „Wenn ein Stell­ver­tre­ter ein­springt oder ein Schul­lei­ter krank ist, gilt die Stel­le trotz­dem als be­setzt.“

7. Bau­stel­le: Stress für we­ni­ger Geld

Der Lehr­er­be­ruf hat eben­so an At­trak­ti­vi­tät ein­ge­büßt wie die Po­si­ti­on des Grund­schul-Chefs, vom Traum-Ge­halt zu schwei­gen. „Mehr Ar­beit oh­ne an­ge­mes­se­ne Be­sol­dung, das tut sich nie­mand frei­wil­lig an“, so Ge­werk­schaf­te­rin Kru­se. Grund­schul-Che­fin­nen be­kom­men nur et­was mehr als die Kol­le­gen und we­ni­ger als Schul­lei­ter an Ober­schu­len und Gym­na­si­en.

8. Bau­stel­le: Der Kran­ken­stand nimmt zu

Der Dau­er­stress im Lehrer­zim­mer und die man­geln­de fi­nan­zi­el­le An­er­ken­nung set­zen of­fen­bar auch der Ge­sund­heit zu. Die Zah­len spre­chen für sich: Die Aus­fall­zei­ten der säch­si­schen Lehr­kräf­te we­gen Krank­heit oder Kur stei­gen seit 2010 kon­ti­nu­ier­lich an. Rein rech­ne­risch sind von 32 000 Leh­rern ins­ge­samt 2 000 krank­ge­schrie­ben - das ist je­de 16. Lehr­kraft!

9. Bau­stel­le: Kaum Pla­nungs­si­cher­heit Es geht drun­ter und drü­ber. „Spä­tes­tens seit 2014 ha­ben sich die Zei­ten rich­tig ge­än­dert“, sagt Ge­werk­schaf­te­rin Kru­se. Ein Pro­blem be­steht dar­in, dass die Kol­le­gen zum Zeit­punkt der Lehr­auf­trags­ver­ga­be noch gar nicht da sind. Wenn die Schul­lei­ter fest­le­gen, wer wie vie­le St­un­den wel­che Fä­cher un­ter­rich­tet, pla­nen sie mit Leh­rer XY. „Im­mer wie­der müs­sen sie spä­ter kor­ri­gie­rend in die St­un­den­plä­ne ein­grei­fen.“

Zie­hen fast am sel­ben Strang: Kul­tus­mi­nis­te­rin Brun­hild Kurth (63, CDU, li.) und die Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft für Er­zie­hung und Wis­sen­schaft Uschi Kru­se (59, re.)

Un­ter­richts­aus­fall zum Schul­jah­res­be­ginn wird für vie­le Schü­ler ab Mon­tag eher die Rea­li­tät als die Aus­nah­me sein.

10. Bau­stel­le: Ex­tras fal­len hin­ten run­ter Das größ­te Pro­blem: „Die

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