Knast-Ur­laub mal an­ders

Die me­ter­ho­hen Mau­ern der ehe­ma­li­gen JVA Gro­ßen­hain wir­ken un­über­wind­bar. Doch das Ge­fäng­nis­tor steht sperr­an­gel­weit of­fen. Zucht­haus-Fans aus al­ler Welt kön­nen sich hier ein­sper­ren las­sen - frei­wil­lig. Oran­ge­far­be­ner Over­all, Hand­schel­len und Lei­bes­vi­si

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Ri­ta Sey­fert

Die me­ter­ho­hen Mau­ern der ehe­ma­li­gen JVA Gro­ßen­hain wir­ken un­über­wind­bar. Doch das Ge­fäng­nis­tor steht sperr­an­gel­weit of­fen. Zucht­haus-Fans aus al­ler Welt kön­nen sich hier ein­sper­ren las­sen - frei­wil­lig. Oran­ge­far­be­ner Over­all, Hand­schel­len und Lei­bes­vi­si­ta­ti­on ge­hö­ren zum Stan­dard-Pro­gramm, Rol­len­spie­le in­klu­si­ve. Dun­kel­zel­le, Kä­fig, Fol­ter­kam­mer gibt es auf Ex­tra­wunsch. Noch hält sich die Nach­fra­ge in Gren­zen, bis­her fin­den nur Pri­vat­par­tys statt. Ein­sam, fast wie ein Fremd­kör­per wirkt der denk­mal­ge­schütz­te Knast zwi­schen Bä­cker, Mu­sik­schu­le und Pfle­ge­heim. Doch die drei­ge­schos­si­ge, ver­git­ter­te Fens­ter­front di­rekt ne­ben der Bun­des­stra­ße 101 ge­hört schon seit 1895 zum Gro­ßen­hai­ner Stadt­bild. Was hin­ter den di­cken Mau­ern ge­schieht, dar­über kur­sie­ren die wil­des­ten Ge­rüch­te. Der neue Be­sit­zer Ni­cho­las Os­bourne (59) möch­te nun mit al­len Spe­ku­la­tio­nen

auf­räu­men - und ge­währt frei­mü­tig Ein­blick in die dunk­len Zel­len. Im Trep­pen­haus riecht es muf­fig. Die Wand­far­be brö­ckelt, Pa­ti­na über­zieht den Bo­den. Die schwe­re Git­ter­tür fällt ins Schloss. Der Rund­gang be­ginnt in der ers­ten Eta­ge. „Ich lie­be die­ses Ge­fäng­nis“, sagt der iri­sche Lands­mann auf Eng­lisch. Deutsch ver­steht er zwar et­was, spricht aber lie­ber in sei­ner Mut­ter­spra­che. Haft­an­stal­ten fas­zi­nie­ren ihn seit der Kind­heit, er­zählt er auf dem Weg durch die Zel­len. Als 20-Jäh­ri­ger saß er in Ma­lay­sia we­gen Dro­gen­kon­sums ein. Er wähl­te die Prü­gel­stra­fe und ver­kürz­te sei­ne lan­ge Haft­stra­fe auf we­ni­ge Ta­ge. Spä­ter als An­walt in Lon­don be­such­te er sei­ne Kli­en­ten auch hin­ter Git­tern. 2006 kam er das ers­te Mal nach Gro­ßen­hain. In­zwi­schen ist er auf Knas­ter­fah­run­gen spe­zia­li­siert. Der Ge­fäng­nis­lieb­ha­ber mach­te sei­ne Pas­si­on zum Be­ruf. „Zel­le 19“, „Os­bourne, Ni­cho­las Ro­bert Paul“steht auf dem gel­ben Ma­gnet­schild, das an der Ei­sen­tür über dem Guck­loch pinnt. „Das ist mei­ne Zel­le“, sagt er. Der Knast-Ei­gen­tü­mer ist zu­gleich sein ers­ter Ge­fan­ge­ner. 2016 kauf­te Ni­cho­las Os­bourne sein „JVA Gro­ßen­hain pri­son“in der Meiss­ner Stra­ße von Vor­be­sit­zer Wil­fried Lin­de­mann. Knapp 300 000 Eu­ro in­ves­tier­te er bis­lang, sa­nier­te die Hei­zung, bau­te neue Sa­ni­tär­an­la­gen und ei­ne Kü­che ein. Auch in den Nach­bar­zel­len wer­kelt er kräf­tig, mon­tiert Stahl­bet­ten, Fit­ness­pres­sen oder plant die In­stal­la­ti­on ei­nes Wasch­be­ckens im me­di­zi­ni­schen Un­ter­su­chungs­raum. Wer ein au­then­ti­sches Knast-Er­leb­nis an­fragt, den fährt Os­bourne im grü­nen Ge­fäng­nis­bus vor. Ei­ne Vor­aus­set­zung ne­ben der Voll­jäh­rig­keit sind star­ke Ner­ven. Hin­ter den Mau­ern gibt es nichts mehr zu la­chen. Ma­na­ger, Po­li­ti­ker, Ge­schäfts­män­ner sei­en es an­geb­lich, die ih­ren teu­ren Zwirn ge­gen die Knast-Kluft tau­schen, nackt vor der Mess­lat­te für ein Po­la­ro­id po­sie­ren und sich nach Schmug­gel­wa­re un­ter­su­chen las­sen. Auch für Jung­ge­sel­len­ab­schie­de, Pol­ter­aben­de oder Ge­burts­ta­ge steht das Haus of­fen. Bei Ca­ro-Kaf­fee und tro­cken Brot, mit dem Fuß an die Ei­sen­ku­gel ge­ket­tet oder weg­ge­sperrt in ei­nen Kä­fig, die Dun­kel­zel­le oder das Erd­loch im Kel­ler­ver­lies, das löst of­fen­bar Ge­füh­le aus, die manch ei­ner sucht und im Gro­ßen­hai­ner Knast fin­det. Und das soll kein Sa­do-Ma­so sein? „Nein, im Ge­gen­satz zum SMS re­spek­tie­ren In­sas­sen und Auf­see­her ge­gen­sei­ti­gih­le“, re Ge­fühl sagt Os­bourne. Und: „Das ist we­der ein SM-Ghet­to,G noch ei­ne Gay-GPar­odie. Und Se­xes -Shows gibt hier au­cha nicht.“Was vie­leen wohl eher Grau­en ein­flößt, nennt de­er „Big Boy“ei­ne gu­tee Er­fah­rung. Er hält sich für ei­nen gro­ßen Jun­gen, der Ge­fäng­niss spielt. Die Tou­ris­tenn müss­ten aber wis­sen, wwor­auf sie sich einllas­sen, da­mit aus Spaß keink Alp­traum wird. „Daas ist kein Kin­der­gar­ten.“Be­vor die Pri­vat­par­tys - be­ginn­rd nen, wir al­les verrgt. trag­lich fest­ge­leg Ne­ben Klei­der­grö­ßen und an­ge­streb­ten Stra­fen fragt der Ge­fäng­nis­di­rek­tor auch ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me ab. „Nie­mand soll das Haus krank, ver­letzt oder ent­täuscht ver­las­sen.“Angst vor der zi­vi­li­sier­ten Welt hat der Mann mit den 240 Tat­toos nicht, wie er sagt. In der 18 000-Ein­woh­ner-Kreis­stadt fällt er oh­ne­hin durch et­li­che Ras­ter. Trotz­dem: Als Ju­de setzt er auf Ver­söh­nung und Ver­stän­di­gung. Wenn er kei­ne „Ur­laubs­gäs­te“hat, möch­te er das Haus als Mu­se­um für Schul­klas­sen öff­nen. Ei­ne ver­ros­te­te Hand­gra­na­te, ver­staub­te Hand­schel­len, Schlag­stö­cke und al­te Nacht­töp­fe stellt er schon jetzt in der Glas­vi­tri­ne im Erd­ge­schoss aus. Ei­ne Bi­b­lio­thek soll dem­nächst da­zu­kom­men.

Ni­cho­las Os­bourne (59) kauf­te die ehe­ma­li­ge JVA Gro­ßen­hain 2016. Nun bie­tet er au­then­ti­sche Ge­fäng­nis­auf­ent­hal­te an - mit Rol­len­spiel nach Wunsch.

Ca­ro-Kaf­fee, Brot, Mar­ga­ri­ne, Wurst und ei­ne To­ma­te, ser­viert mit Plas­te­be­steck, so sieht Es­sen im Knast aus. Nun­mehr 240 Tat­toos zie­ren Os­bour­nes Kör­per. Eins da­von wid­me­te er der JVA Gro­ßen­hain. „Ich mag mehr“, sagt er. „Ur­laubsggäs­te“holt Os­bourne im grü­nenn Ge­fäng­nis­bus vom Bahn­hof oo­der Flug­ha­fen ab. Per­sön­lich­keits­rech­te ade: Wer im „Gro­ßen­hai­ner JVA Pri­son“ein­checkt, tauscht die All­tags­kla­mot­ten ge­gen den Knast-Over­all.

Die ehe­ma­li­ge JVA Gro­ßen­hain liegt zen­trums­nah zwi­schen Eis­die­le und HNO-Pra­xis, di­rekt an der Bun­des­stra­ße 101.

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