Ge­lähmt nach ei­nem Ni­cker­chen

Ei­ne Dresd­ne­rin durch lebt das Un­vor­stell­ba­re

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Tho­mas Gill­meis­ter

Stel­len Sie sich vor: Sie ste­hen mit­ten im Le­ben, le­gen sich mit­tags nur mal ein Stünd­chen hin - und wa­chen ge­lähmt wie­der auf. Das Un­vor­stell­ba­re ist Kor­ne­lia Klo­se (48) aus Dres­den pas­siert. Seit­dem kämpft sich die ehe­ma­li­ge Leh­re­rin in die Nor­ma­li­tät zu­rück.

Gern bum­mel­te die Säch­sin frü­her ganz un­be­schwert durch den Gro­ßen Gar­ten in Dres­den. Ei­ne selbst­be­wuss­te Frau in der Le­bens­mit­te. Sie fühl­te sich fit, lieb­te ih­re Ar­beit als Leh­re­rin. Manch­mal lud sie sich da­bei auch zu viel auf. Doch sie ver­stand es, Ba­lan­ce zu hal­ten, auch mal aus dem All­tag aus­zu­bre­chen. Wie da­mals am 30. April 2013, ih­rem Schick­sals­tag.

Die Wal­pur­gis­nacht nah­te. „Da woll­te ich mit ei­ner Freun­din zu ei­nem He­xen­feu­er“, er­in­nert sich Kor­ne­lia Klo­se. Der Abend ver­sprach lang zu wer­den. Des­halb gönn­te sie sich vor­her et­was Schlaf. „Als ich nach zwei St­un­den auf­wach­te, spür­te ich mei­ne Ar­me und Bei­ne nicht mehr. Ich dach­te so­fort an ei­nen Schlag­an­fall“, denkt sie zu­rück. Sie konn­te sich noch aus dem Bett rol­len. Dann ver­ließ sie die Kraft. Ver­zwei­felt rief die plötz­lich Ge­lähm­te um Hil­fe. Aber die Schreie gin­gen im Groß­stadt­lärm un­ter.

To­des­angst be­schlich die Dia­be­ti­ke­rin. Nach zwölf St­un­den hät­te sich ih­re In­su­lin­pum­pe selbst ab­ge­schal­tet. Die dra­ma­ti­schen Fol­gen: Durch das feh­len­de In­su­lin wä­re Kor­ne­lia Klo­se in ein dia­be­ti­sches Ko­ma ge­fal­len. „Ich lag stun­den­lang am Bo­den, grü­bel­te und fing schon an, mich von der Welt zu ver­ab­schie­den“, be­schreibt sie die schier aus­weg­lo­se Si­tua­ti­on. Doch als die Freun­din ver­geb­lich war­te­te, wur­de sie stut­zig. Nach­dem al­le Te­le­fo­na­te im Nichts en­de­ten, fuhr sie geis­tes­ge­gen­wär­tig zur Woh­nung. Glück im Un­glück: Über ei­ne Feu­er­trep­pe

konn­te sie sich Zu­tritt ver­schaf­fen ...

Dann ging al­les ganz schnell. Kor­ne­lia Klo­se wur­de mit Blau­licht in die Uni­k­li­nik Dres­den ge­fah­ren. Dort fällt die Pa­ti­en­tin drei Ta­ge ins Ko­ma. „Als ich auf­wach­te, konn­te ich nur mei­nen lin­ken Zeh und ein we­nig den lin­ken Arm be­we­gen“, er­zählt Kor­ne­lia Klo­se. Ärz­te dia­gnos­ti­zier­ten ei­ne Ent­zün­dung über dem fünf­ten Wir­bel, der das Rü­cken­mark zer­stör­te. Mit Pro­gno­sen hiel­ten sich die Me­di­zi­ner zu­rück. Für Kor­ne­lia Klo­se be­gann ein Le­ben im Roll­stuhl.

Die Leh­re­rin war es ge­wohnt, zu kämp­fen: um je­den ein­zel­nen Schü­ler, um Lehr­in­hal­te, um Re­spekt. Nun stand das ei­ge­ne Schick­sal auf dem (Lehr-)Plan. „Ich bin doch nicht aus dem Ko­ma auf­ge­wacht, um jetzt auf­zu­ge­ben“, wur­de ihr Mot­to. In der mo­na­te­lan­gen Re­ha quäl­te sie sich oft bis zur Er­schöp­fung. Nach rund drei­jäh­ri­ger voll­sta­tio­nä­rer Pfle­ge wagt sie nun die ers­ten ei­ge­nen klei­nen Schrit­te. So­wohl die aus dem Roll­stuhl, als auch die im Le­ben.

Erst kürz­lich be­zog Kor­ne­lia Klo­se in ei­ner Ein­rich­tung für Kran­ken- und In­ten­siv­pfle­ge ei­ne ei­ge­ne Dach­ge­schoss­woh­nung. Die De­cke fällt der Kämp­fer­na­tur schon lan­ge nicht mehr auf den Kopf. So gibt sie u.a. Nach­hil­fe­un­ter­richt für Kin­der von An­ge­stell­ten des Un­ter­neh­mens. Der größ­te Traum der Päd­ago­gin: ein­mal wie­der an ih­re Schu­le zu­rück­zu­keh­ren und dort Un­ter­richt ge­ben zu kön­nen. Dar­an glaubt sie. Dar­an ar­bei­tet sie. Bis es so weit ist, fährt sie bei je­dem Wet­ter mit dem Roll­stuhl durch den Gro­ßen Gar­ten in Dres­den. Und zu­sam­men mit ih­rer Er­go­the­ra­peu­tin Man­dy Lo­cke (32), die ei­ne ziem­lich gu­te Freun­din ge­wor­den ist, ist sie re­gel­mä­ßig bei Pop­kon­zer­ten ganz vor­ne mit da­bei.

Um den All­tag zu be­wäl-be­wäl ti­gen, braucht Kor­ne­lia Klo­se fin­di­ge Hilfs­mit­tel.

Der Gro­ße Gar­ten ist auch nach ih­rer Er­kran­kung der Lieb­lings­ort von Kor­ne­lia Klo­se. Hier ver­bringt sie vie­le St­un­den.

Et­was vom Bo­den auf­zu­he­ben, ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für die Roll­stuhl­fah­re­rin.

Bei Pop­kon­zer­ten ist die Dresd­ne­rin ganz vorn mit da­bei. Adel Ta­wil brach­te ihr so­gar ein Ständ­chen.

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