Wie die Bom­ben­nacht von Dres­den ihr Le­ben ret­te­te

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - KULTUR - Hen­ny Bren­ner: Das Lied ist aus. Ein jü­di­sches Schick­sal in Dres­den, Wall­stein Ver­lag, 117 Sei­ten, 14,90 Eu­ro

DRES­DEN - Ei­ne jun­ge jü­di­sche Frau hält be­reits ih­ren De­por­ta­ti­ons­be­scheid in der Hand, als aus­ge­rech­net die Bom­bar­die­rung Dres­dens ihr das Le­ben ret­tet. In ih­rem Buch „Das Lied ist aus“hat Hen­ny Bren­ner (92) ih­re Le­bens­ge­schich­te auf­ge­schrie­ben. Die 2001 erst­mals er­schie­ne­nen Er­in­ne­run­gen lie­gen nun in ei­ner neu­en Auf­la­ge vor.

„Den Bom­ben, die in je­ner denk­wür­di­gen Nacht die Stadt Dres­den dem Erd­bo­den gleich­mach­ten, ver­dan­ke ich mein Über­le­ben“, schreibt Hen­ny Bren­ner als ers­ten Satz ih­res Bu­ches „Das Lied ist aus“. Ein er­schüt­tern­der Satz, meint er doch den 13. Fe­bru­ar 1945, als 243 al­li­ier­te Bom­ber ih­re töd­li­che Fracht über der Stadt ab­war­fen. Tau­sen­de Dresd­ner und un­ge­zähl­te Flücht­lin­ge ka­men im fürch­ter­li­chen Feu­er­sturm ums Le­ben.

Dass ei­ne Zeit­zeu­gin der Bom­ben­nacht die­sem so sen­si­blen Da­tum der Dresd­ner Ge­schich­te, das die Stadt noch heu­te zu spal­ten ver­mag, in der Rück­schau et­was Tröst­li­ches ab­zu­ge­win­nen ver­mag, die­ser Ge­dan­ke ver­schlägt ei­nem schier den Atem. Auch Hen­ny Bren­ner wun­dert sich. Sie fragt in ih­rer Ein­lei­tung: „Was al­les muss­te pas­siert sein, dass ein Mensch im An­ge­sicht des ver­hee­rends­ten Un­ter­gangs, den je ei­ne deut­sche Stadt er­leb­te, in­ner­lich auf­at­men konn­te?“

Es wa­ren Jah­re der Un­ter­drü­ckung und Ver­fol­gung. Hen­ny Wolf, wie sie da­mals hieß, hat­te als Toch­ter ei­ner jü­di­schen Mut­ter und ei­nes nicht­jü­di­schen Va­ters, mit­hin als „Halb­jü­din“, ei­nen ge­wis­sen Schutz ge­nos­sen, an­ders als ih­re Glau­bens­ge­nos­sen, die sei­ner­zeit als „Voll­ju­den“gal­ten, Re­pres­sio­nen war die Fa­mi­lie den­noch aus­ge­setzt. Das Le­ben der jun­gen Frau war ge­prägt von Aus­gren­zung, Zwangs­ar­beit und per­ma­nen­ter Angst.

Schließ­lich kam am 12. Fe­bru­ar der De­por­ta­ti­ons­be­fehl der Gesta­po, am 16. Fe­bru­ar hät­te sie, ge­ra­de 21 Jah­re alt, zu ei­nem „Ar­beits­ein­satz au­ßer­halb Dres­dens“be­or­dert wer­den sol­len. In ih­ren Er­in­ne­run­gen schreibt Hen­ny Bren­ner: „Na­tür­lich wuss­ten wir, dass Ar­beits­ein­satz KZ be­deu­te­te.“Ihr Va­ter ha­be ge­sagt, dass nur ein An­griff sie ret­ten kön­ne.

Der tags drauf kam. Im Cha­os der Bom­bar­die­rung tauch­te die Fa­mi­lie un­ter. Das In­fer­no ret­te­te Hen­ny Bren­ner das Le­ben, wenn auch nur vor­erst: Auch in den Rui­nen ver­such­te die Gesta­po, die letz­ten über­le­ben­den Ju­den auf­zu­spü­ren. Die Fa­mi­lie war­tet in ei­nem Ver­steck auf das Kriegs­en­de.

1952 flüch­te­te Hen­ny Bren­ner mit ih­ren El­tern aus der DDR erst nach West­ber­lin, spä­ter zog sie mit ih­rem Mann nach Wei­den in die Ober­pfalz. Dres­den be­sucht sie zwar im­mer mal wie­der, an ei­ne Rück­kehr dach­te sie nie.

Uner­müd­lich ar­bei­tet sie dar­an, dass die Gräu­el, die sie er­le­ben muss­te, nicht ver­ges­sen wer­den. Oft be­reist sie Schu­len und liest aus ih­rem Buch, als ei­ne der letz­ten Stim­men aus den Rei­hen der Zeit­zeu­gen. 2014 er­hielt sie den Säch­si­schen Ver­dienst­or­den.

Hen­ny Bren­ners Le­ben­s­er­in­ne­run­gen neu auf­ge­legt Zeit­zeu­gin Hen­ny Bren­ner (92) be­rich­te­te auch im Fern­se­hen zum In­ter­na­tio­na­len Tag des Ge­den­kens an die Op­fer des Ho­lo­caust aus ih­rem Le­ben.

2014 be­kam Hen­ny Bren­ner in der Ka­pel­le des Re­si­denz­schlos­ses den Säch­si­schen Ver­dienst­or­den von Mi­nis­ter­prä­si­dent Sta­nislaw Til­lich (58, CDU) ver­lie­hen.

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