„Der Mus­ter­kna­be hat sich ver­rech­net“

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - POLITIK - Von Burk­hard Jung

Das Er­geb­nis der Bun­des­tags­wahl, be­son­ders das Ab­schnei­den der AfD in Sach­sen (27 Pro­zent der Zweit­stim­men), hat die eta­blier­ten Par­tei­en auf­ge­schreckt. Wäh­rend Mi­nis­ter­prä­si­dent Sta­nislaw Til­lich ei­nen Rechts­kurs sei­ner Par­tei an­kün­dig­te (Mor­gen­post be­rich­te­te), hat sich Leip­zigs Ober­bür­ger­meis­ter Burk­hard Jung (59, SPD) ganz an­de­re Ge­dan­ken ge­macht. Sei­ne Ana­ly­se zur - sei­ner Mei­nung nach - ver­fehl­ten Po­li­tik im Frei­staat dru­cken wir hier als streit­ba­ren De­bat­ten­bei­trag ab.

Dar­an hat­ten wir uns in Sach­sen ge­wöhnt, wir, die Mus­ter­kna­ben: „Wir ha­ben es ge­schafft im Os­ten. Wir wirt­schaf­ten so­li­de. Wir ha­ben un­se­re Fi­nan­zen im Blick. Uns geht es Schritt für Schritt im­mer bes­ser.“Das stimmt zwar fak­tisch, aber es ist of­fen­sicht­lich nicht aus­schlag­ge­bend. Denn die glän­zen­de Ober­flä­che hat ei­ne dunk­le Rück­sei­te, un­ser wirt­schaft­li­cher Er­folg hat ei­ne Schat­ten­sei­te, un­ser Wohl­stand ist teu­er er­kauft. Die Rech­nung kam am 24. Sep­tem­ber 2017.

Auf den Dör­fern blieb nur die Lee­re

Die wirt­schaft­li­che und fi­nan­zi­el­le Ross­kur der letz­ten Jahr­zehn­te hat tie­fe Nar­ben hin­ter­las­sen, auch bei uns in Leip­zig, aber vor al­lem in den länd­li­chen Re­gio­nen. Zu­erst ver­schwan­den vie­ler­orts die Kin­der­gär­ten (weil kei­ne Kin­der mehr ge­bo­ren wur­den), dann ver­schwan­den die Schu­len. Die Spar­kas­sen­fi­lia­le folg­te, dann der Le­bens­mit­tel­la­den. Der Po­li­zei­pos­ten war da schon längst auf­ge­löst. Das Kran­ken­haus mach­te dicht, und wer in die Kli­nik muss­te, brauch­te ein Au­to, weil die Bus­li­nie in die nächs­te Stadt aus­ge­dünnt wor­den war. Das al­les war gut be­grün­det: Man woll­te spa­ren in Sach­sen, das Geld zu­sam­men­hal­ten, um Kraft für not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen zu ha­ben, für Stra­ßen, Brü­cken, Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de und Kran­ken­häu­ser.

Nur blieb trotz der fein sa­nier­ten Stra­ßen und Plät­ze oft­mals die Lee­re. Wäh­rend Leip­zig und Dres­den er­blüh­ten und Chem­nitz sich sta­bi­li­sier­te, ließ man die länd­li­chen Re­gio­nen, die Klein­städ­te und Dör­fer al­lei­ne und woll­te nicht se­hen, wie sich im Mus­ter­land ein au­to­ri­tä­rer Na­tio­na­lis­mus breit mach­te.

Sach­sen setz­te auf na­tur­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung an den Schu­len, ist stolz auf sei­ne PISA-Er­geb­nis­se und strich seit den 90ern die Lehr­plä­ne für Ge­schich­te oder So­zi­al- und Ge­mein­schafts­kun­de zu­sam­men. Die Ver­mitt­lung von Wer­ten, von de­mo­kra­ti­schem Hand­werk, von To­le­ranz, viel­fäl­ti­ger Kul­tur und auch von Dis­kus­si­ons­kul­tur, von in­ter­na­tio­na­len Ver­wo­ben­hei­ten fan­den kaum Raum, auch nicht in den Schu­len. Und schmerz­haft ver­mis­sen wir die Vor­bil­der.

Ein Mus­ter­land, das die Sei­nen al­lei­ne lässt

De­mo­kra­tie lernt sich selbst, so glaub­te man, De­mo­kra­tie fin­den die Men­schen schon von al­lei­ne gut. Das war falsch und schau­kel­te sich hoch zu ei­nem gro­ßen Pro­blem. Und in Sach­sen er­hob man das Spa­ren zum Selbst­zweck, nicht nur bei Leh­rern und Po­li­zis­ten, aber dort war es be­son­ders schmerz­haft. Die schwar­ze Null im Haus­halt wur­de im­mer wich­ti­ger.

Und vol­ler Stolz hef­tet man sich das Schild­chen „Mus­ter­kna­be“ans Re­vers. Nur: Das Land, das im­mer streb­sam ist, das in Be­ton statt in Men­schen in­ves­tiert und ein di­ckes Spar­buch hat, aber gleich­zei­tig kei­ne Wär­me und eben kei­ne Si­cher­heit aus­strahlt, ist kein Mus­ter­land. Es ist ein Land, dass die Sei­nen al­lei­ne lässt.

Die Mi­se­re in der in­ne­ren Si­cher­heit, die so vie­le Men­schen um­treibt, lässt sich mit ei­ner sim­plen Fra­ge auf den Punkt brin­gen: Wann ha­ben Sie das letz­te Mal ei­nen Strei­fen­po­li­zis­ten ge­se­hen? Ei­nen Po­li­zis­ten, der zu Fuß durch ein Vier­tel geht, nicht un­ter­wegs zu ei­nem Ein­satz, son­dern der ein­fach nur Strei­fe läuft. Der an­ge­spro­chen wer­den kann, der mit Men­schen re­det.

Die­sen Strei­fen­po­li­zis­ten gibt es nicht nur in Sach­sen so nicht mehr. Er ist ein Ide­al­bild in Kin­der­bü­chern. Die Angst geht statt­des­sen um - im Land und in der Stadt, - vor Kri­mi­na­li­tät und vor den frem­den jun­gen Män­nern, die sich auf öf­fent­li­chen Plät­zen tum­meln und

schein­bar nichts zu tun ha­ben. Die Be­rufs­schu­le und ei­ne an­stän­di­ge Aus­bil­dung ver­wehrt ih­nen Sach­sen. Und über all dies le­gen wir in Po­li­tik, Wirt­schaft und Ver­wal­tung ei­ne Spra­che, die wahl­wei­se glatt­ge­schlif­fen oder ab­ge­klärt oder nichts­sa­gend ist.

Wir nen­nen Din­ge nur un­gern beim Na­men

Wir nen­nen man­che Din­ge nur un­gern beim Na­men, ent­we­der aus Angst, falsch ver­stan­den zu wer­den, oder zu un­ge­übt an­de­ren Kul­tu­ren oder In­ter­es­sen­grup­pen da­mit zu na­he zu tre­ten­tre­ten. Seit Jah­ren stel­len wir uns die im­mer glei­chen Fra­gen: Uns geht es doch - ge­ra­de in Leip­zig - so gut, wie­so wäh­len so vie­le Men­schen rechts? Es gibt in Sach­sen kaum Aus­län­der, wie­so ma­chen so vie­le Men­schen ihr Kreuz bei Aus­län­der­fein­den?

Ge­lernt ha­be ich: Wir dür­fen ras­sis­ti­sche Par­tei­en und ih­re Wäh­ler nicht gleich­set­zen. Of­fen­sicht­lich schei­nen mehr als die Hälf­te der Wäh­ler vor al­lem ih­rem Pro­test Aus­druck ge­ge­ben zu ha­ben, ja ich hof­fe, dass das Kreuz auf dem Wahl­zet­tel auch ein Hil­fe­ruf ist. Den­noch dür­fen Ras­sis­mus, In­to­le­ranz und Eng­stir­nig­keit kei­ne Al­ter­na­ti­ve sein und ge­hö­ren auch nicht aus Pro­test auf ei­nem Wahl­zet­tel an­ge­kreuzt.

Ich ken­ne kei­ne bes­se­re Form, das Zu­sam­men­le­ben der Men­schen zu or­ga­ni­sie­ren als die der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie. Gleich­wohl ist es aber auch die müh­se­ligs­te und an­stren­gends­te. Es gibt eben nicht nur schwarz und weiß und ein­fa­che Ent­schei­dun­gen. Das kennt ei­gent­lich je­der: sei es aus der Fa­mi­lie, dem Sport­ver­ein oder der Schul­klas­se.

Ge­hör bei Men­schen fin­det, wer ih­re Spra­che spricht und sich in sie hin­ein­ver­set­zen will. Das ist vie­len Par­tei­en, Po­li­ti­kern und auch Bür­ge­rin­nen und Bür­gern in ganz Deutsch­land nicht ge­lun­gen, egal ob auf dem Land oder in den Städ­ten. Un­se­re De­bat­ten im Land­tag, den Ge­mein­de­rä­ten und Stadt­rä­ten sind oft­mals theo­re­tisch und tro­cken. Die po­li­ti­sche le­ben­di­ge Dis­kus­si­on wird oft­mals in Talk­shows ge­sucht, de­ren Ziel aber gar nicht ist, ein Pro­blem zu er­grün­den, son­dern den Zeit­geist zu be­die­nen und zu un­ter­hal­ten.

Wir müs­sen un­se­re Über­zeu­gun­gen ver­tei­di­gen

Das Gu­te ist: Wir De­mo­kra­ten kön­nen sehr wohl zu­hö­ren und die wirk­li­chen Sor­gen, Ängs­te und Pro­ble­me ver­su­chen zu ver­ste­hen; wir müs­sen ehr­lich sa­gen, wie schwie­rig oft­mals Lö­sun­gen sind, wir aber un­ser Bes­tes für un­se­re Stadt und un­ser Land su­chen. Und wir dür­fen da­bei Feh­ler ma­chen. Und wir müs­sen uns die Mü­he ma­chen, un­se­re Über­zeu­gun­gen auch zu ver­tei­di­gen, wenn nö­tig laut­stark.

In ei­ner Spra­che, die auch mal an­eckt, die aber klar und deut­lich ist. Das fängt im Klei­nen an: Ein ras­sis­ti­scher Witz ist eben kein Witz, son­dern Ras­sis­mus. An­fein­dun­gen kann man nicht weg­lä­cheln. Und ei­ne Pö­be­lei be­rei­tet nicht den Weg für ei­ne Lö­sung, son­dern ist ei­ne Un­ver­schämt­heit. Da­für kann es kein Ver­ständ­nis ge­ben, und ich ha­be da­für auch keins.

Ich ha­be aber Hoff­nung, dass wir im An­ge­sicht der Ge­fähr­dung un­se­rer De­mo­kra­tie Kraft und Ent­schlos­sen­heit fin­den, sie zu ver­tei­di­gen. Je­de und Je­der von uns ist ge­fragt, Hal­tung zu zei­gen und für un­se­re Wer­te zu strei­ten, für Frei­heit, To­le­ranz und Viel­falt, um Men­schen für De­mo­kra­tie zu be­geis­tern. De­mo­kra­tie ist ei­ne Er­run­gen­schaft und ein gro­ßes Pri­vi­leg und wir soll­ten sie schüt­zen, so wie sie uns schützt. Wie le­ben­dig und bunt und spür­bar un­se­re De­mo­kra­tie sein wird, bleibt uns über­las­sen, ganz de­mo­kra­tisch.

In­nen­mi­nis­ter Mar­kus Ul­big und Mi­nis­ter­prä­si­dent Sta­nislaw Til­lich: Ih­re Po­li­zei-Stra­te­gie hat­te Jung wie­der­holt kri­ti­siert.

Leip­zigs OB Burk­hard Jung gilt als nach­denk­lich und be­son­nen, nicht als Pol­ter­geist. Wenn er sich trotz­dem zu Wort mel­det, muss ihm das The­ma auf der See­le bren­nen. Das Er­star­ken der Rechts­ex­tre­men in Sach­sen hat nach Jungs An­sicht vie­le Grün­de. Der Lan­des­re­gie­rung stellt der ExLeh­rer da­bei kein gu­tes Zeug­nis aus.

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