„Oh­ne Hu­mor stirbt un­se­re Zi­vi­li­sa­ti­on“

US-Re­gis­seur Ter­ry Gil­li­am im In­ter­view zu sei­nem „Don Qui­xo­te“-Film

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - KULTUR -

In den skur­ri­len Fil­men von Ter­ry Gil­li­am (77) ver­schwim­men Traum und Wirk­lich­keit. Ab­sur­de Wen­dun­gen, bi­zar­re Sack­gas­sen: Die mehr als zwei Jahr­zehn­te dau­ern­den Dreh­ar­bei­ten zu „The Man Who Kil­led Don Qui­xo­te“wur­den selbst zum sur­rea­len, von un­end­li­chem Pech ver­folg­ten Aben­teu­er. Seit Don­ners­tag nun läuft der Film in den Ki­nos.

Herr Gil­li­am, nach so vie­len Jah­ren ist der Film end­lich fer­tig. Ha­ben sich die Qua­len ge­lohnt?

Ter­ry Gil­li­am:

Ja, er ist end­lich drau­ßen - und raus aus mei­nem Le­ben! Es ist groß­ar­tig, ich hät­te al­les ge­tan, um end­lich die­ses Pro­blem los­zu­wer­den. Wenn ich dar­über re­de, fühlt es sich an, als hät­te ich erst vor ei­nem Jahr an­ge­fan­gen. Dann hat es doch et­was län­ger ge­dau­ert. Aber mein Ge­hirn er­in­nert sich nicht an das Schlech­te, nur an das Gu­te. Des­halb bin ich auch tö­richt ge­nug, wei­ter Fil­me zu ma­chen. Wenn ich mich an das Schlech­te er­in­nern wür­de, hät­te ich schon lan­ge auf­ge­ge­ben! Wie­so wa­ren Sie 25 Jah­re lang von Don Qui­xo­te be­ses­sen?

Nein, die Fra­ge ist: War­um ist er so von mir be­ses­sen? Er lässt mich nicht in Ru­he. Er stalkt und be­läs­tigt mich schon seit so vie­len Jah­ren. Ich ge­be ihm die Schuld für all mei­ne Pro­ble­me.

Wie oft ha­ben Sie denn das Buch von Mi­guel de Cer­van­tes ge­le­sen? Ein ein­fa­cher Schmö­ker ist das ja nicht...

Als ich be­schloss, den Film zu ma­chen, dach­te ich, ich kann­te Qui­xo­te schon - Wind­müh­len, San­cho Pan­za und so wei­ter. Al­so rief ich mei­nen Pro­du­zen­ten an und sag­te, ich brau­che 20 Mil­lio­nen Dol­lar. Er sag­te „Hier ist das Geld“. Erst dann las ich das Buch. Es war so dick! Ich weiß nicht mal mehr, wie vie­le Wo­chen ich da­für brauch­te. Und dann dach­te ich, ich ha­be ein Pro­blem. Man kann dar­aus kei­nen Film ma­chen. Es wä­re öde und lang­at­mig. Al­so ha­be ich ge­sagt, ich hal­te an der Es­senz Qui­xo­tes fest und wer­de auf das Buch schei­ßen. Scheiß auf Cer­van­tes! Nur­so­konn­te­ma­nes­ma­chen. Aber ich ha­be ver­sucht, dem Geist, dem Cha­rak­ter, den Ide­en treu zu blei­ben.

In Ih­rem Film tref­fen wie­der Fan­ta­sie, Wirk­lich­keit und Traum auf­ein­an­der - die The­men, die sich durch Ih­re Kar­rie­re zie­hen. Was ist noch üb­rig vom jun­gen Ter­ry Gil­li­am, der mit Ani­ma­tio­nen aus Pa­pier an­ge­fan­gen hat? Ich ken­ne die­sen Kerl nicht mehr! Ich glau­be, in mir lebt im­mer noch ein Min­der­jäh­ri­ger. So ein Typ, der nie rich­tig er­wach­sen ge­wor­den ist. Er hat es jetzt nur schwe­rer, weil ich ihn mehr un­ter Kon­trol­le ha­be. Aber wenn die Din­ge gut lau­fen, dann ist es, als wä­re man wie­der ein Kind. Und Ani­ma­ti­on... Das wur­de ir­gend­wann lang­wei­lig. Pa­pier­schnip­sel sind nicht so in­ter­es­sant wie le­ben­di­ge Men­schen. Al­so ja, es hat sich viel ver­än­dert. Ich hof­fe nur, dass mein Sinn für Hu­mor noch so stark ist wie frü­her. Wenn ich den je­mals ver­lie­re, kann ich mir auch gleich ei­ne Ku­gel in den Kopf ja­gen. Denn ich sor­ge mich schon dar­über, dass es die­ser Ta­ge we­ni­ger La­chen auf der Welt gibt. Und wenn der Hu­mor stirbt, ist das für mich das En­de der Zi­vi­li­sa­ti­on.

Im Film steckt auch ei­ne po­li­ti­sche Leh­re über un­se­re heu­ti­ge Ge­sell­schaft. Brau­chen wir heu­te ei­nen Don Qui­xo­te?

Cer­van­tes schreibt viel über das Spa­ni­en der Mau­ren. Ich fand, das müs­se auch ein Teil der mo­der­nen Welt sein. Der Is­lam in Spa­ni­en war Is­lam von sei­ner bes­ten Sei­te. Christen, Ju­den - al­le leb­ten da zu­sam­men. Nur die Ka­tho­li­ken ka­men dann, brach­ten die In­qui­si­ti­on und weg wa­ren die Ju­den und die Mau­ren, zack zack. Ich fand es sehr wich­tig, das im Film zu ha­ben. Ich woll­te, dass Qui­xo­te ver­liebt in die­se groß­ar­ti­ge Welt ist. Die ne­ga­ti­ve Sei­te ist nur, dass da auch ei­ni­ge Fun­da­men­ta­lis­ten her­um­ren­nen. Aber die gibt es nicht nur im Is­lam. Christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­ten ha­ben ge­ra­de auch viel Spaß. Ich bin kein gro­ßer Fan von Fun­da­men­ta­lis­mus in jeg­li­cher Form. Ma­ría Luz Cli­ment

„The Man who kil­led Don Qui­xo­te“: Der Rit­ter (Jo­na­than Pryce, r.) und sein un­frei­wil­li­ger Knap­pe San­cho Pan­za (Adam Driver).

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