K. O.- Trop­fen brach­ten mich Roll­stuhl in den

…doch Leip­zigs tap­fers­te Mut­ter gibt nicht auf und schenk­te ei­nem Mäd­chen das Le­ben

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Tho­mas Gill­meis­ter

E in un­be­ob­ach­te­tes Ge­tränk wäh­rend der Dis­ko wur­de Marie W. (23) zum Ver­häng­nis. Nach ei­nem Black­out durch K.O.-Trop­fen wach­te sie in der Kli­nik auf. Qu­er­schnitts­ge­lähmt. Aber die Leip­zi­ge­rin ha­dert nicht mit ih­rem Schick­sal. Sie nimmt es an und wur­de so­gar Mut­ter.

Wenn Marie mit ih­rer gut ein­jäh­ri­gen Toch­ter im Roll­stuhl un­ter­wegs ist, macht sie die skur­rils­ten Er­fah­run­gen. „Als ich Ju­na noch im Tra­ge­tuch hat­te, dach­ten vie­le, ich schlep­pe ei­ne Pup­pe mit mir rum“, er­zählt die jun­ge Säch­sin. Heu­te sitzt das klei­ne Mäd­chen auf ih­rem Schoss, ge­si­chert mit ei­nem Schal. Aber auch in die­ser Si­tua­ti­on schlägt der selbst­be­wuss­ten Mut­ter eher Skep­sis als Be­wun­de­rung ent­ge­gen. „Ich wer­de bei­spiels­wei­se ge­fragt, wo denn mein Pfle­ger sei oder wem das Kind ei­gent­lich ge­hört.“Nach au­ßen hin schmun­zelt Marie über die Vor­ur­tei­le. Doch in ih­rem In­ne­ren wünscht sie sich, end­lich als ganz nor­ma­le Mut­ter ak­zep­tiert zu wer­den. DieDi Toch­terT ist ihr ganz gro­ßes Glück k im Un­glück, das an ei­nem Frei­ta ag, dem 13. be­gann. Rück­blick: : An dem nass­kal­ten Tag im De­ze mber 2013 fährt die da­mals 18- Jä äh­ri­ge mit dem Fahr­rad zur Dis­ko o. Marie ge­nießt das Le­ben in de er Groß­stadt. Das Mäd­chen wuch hs ganz be­hü­tet im be­schau­li­chen Rie­sa auf. Nun steht es in Leip­zig auf ei­ge­nen Fü­ßen, hat ge­ra­de das Fach­ab­itur So­zi­al­we­sen in der Ta­sche. Marie träumt da­von, Er­zie­he­rin zu wer­den. In ih­rer Frei­zeit trai­niert sie mehr­mals in der Wo­che Was­ser­sport. Tan­zen ist die zwei­te gro­ße Lei­den­schaft. Marie be­stellt sich ein Ge­tränk und denkt sich nichts da­bei, als sie es ei­nen Mo­ment un­be­ob­ach­tet ste­hen lässt. Dann trinkt sie es aus und geht. Von da an - Film­riss.

Über ei­ne St­un­de liegt das hüb­sche Mäd­chen be­täubt und zu­sam­men­ge­kau­ert bei null Grad an ei­ner be­leb­ten Kreu­zung im Leip­zi­ger Wes­ten. Nie­mand kommt auf die Idee, zu hel­fen. Erst ein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor er­kennt den Ernst der Si­tua­ti­on und ruft den Not­arzt. Mi­nu­ten­lang ver­su­chen die Me­di­zi­ner ver­zwei­felt, Marie zu re­ani­mie­ren. Es ge­lingt. Da­nach le­gen sie die Schwer­kran­ke wo­chen­lang in ein künst­li­ches Ko­ma. Weih­nach­ten sit­zen die El­tern ver­zwei­felt am Kran­ken­bett ih­rer ein­zi­gen Toch­ter und klam­mern sich an je­des noch so klei­ne Fünk­chen Hoff­nung... „Als ich auf­wach­te, be­griff ich erst ein­mal nichts, quäl­te mich mit Hal­lu­zi­na­tio­nen her­um“, er­in­nert sich Marie. „Und - mei­ne Bei­ne fühl­ten sich taub an.“Kur­ze Zeit spä­ter wur­de Marie mit der Dia­gno­se Qu­er­schnitts­läh­mung kon­fron­tiert. „Ich ha­be sie da­mals gar nicht so rich­tig be­grif­fen, son­dern freu­te mich eher, am Le­ben zu sein“, denkt Marie zu­rück.

Was ge­nau an je­nem Abend pas­sier­te, konn­te nicht mehr re­kon­stru­iert wer­den. Ein Un­fall? Oder war sie zu lan­ge oh­ne Sau­er­stoff? Fest steht, dass Ärz­te Spu­ren von K.O.-Trop­fen nach­wie­sen. Der mut­maß­li­che Tä­ter wur­de zwar ge­fasst, „doch en­de­te der Pro­zess mit ei­nem Frei­spruch, weil man dem Mann die Tat nicht hun­dert­pro­zen­tig nach­wei­sen konn­te“, schüt­telt das Op­fer noch heu­te dar­über den Kopf. Rund ein Jahr wur­de Marie in Kran­ken­häu­sern und Re­ha-Ein­rich­tun­gen be­han­delt. Ihr sport­li­cher Ehr­geiz von einst kam ihr da­bei zu­gu­te und half ihr, lang­sam wie­der ins Le­ben zu­rück­zu­keh­ren. Im Ja­nu­ar 2015 wag­te sie den Neu­an­fang. Sie be­zog ei­ne ei­ge­ne klei­ne Woh­nung und ver­lieb­te sich. Im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res er­blick­te Toch­ter Ju­na das Licht der Welt. „Die Ge­burt per Kai­ser­schnitt war zwar nicht so ganz un­kom­pli­ziert, aber ich bin es ja ge­wohnt, zu kämp­fen“, meint Marie schmun­zelnd.

Weil der Part­ner meis­tens auf Mon­ta­ge ar­bei­tet, be­strei­ten Mut­ter und Toch­ter den All­tag oft al­lein. Und da­bei lässt Marie ihr mun­te­res Mäd­chen nie­mals un­be­ob­ach­tet. Denn die Leip­zi­ge­rin ging ein­mal durch die Höl­le, nur weil sie für ein paar Au­gen­bli­cke un­auf­merk­sam war…

Ei­ne klei­ne Men­ge sol­cher Trop­fen reicht aus, um ein Le­ben gründ­lich zu ver­sau­en. Marie als jun­ges Mäd­chen. Da­mals hat­te sie sich ih­re Zu­kunft si­cher et­was an­ders vor­ge­stellt. Ih­re auf­ge­weck­te Toch­ter Ju­na ist Ma­ries gan­zer Stolz.

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