Mon­tre­al

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - REISE -

Es be­ginnt mit ei­ner un­schein­ba­ren Fahrt mit der Roll­trep­pe. Man er­war­tet ei­ne Stra­ßen­un­ter­füh­rung, vi­el­leicht den Zu­gang zur U-Bahn. Und freut sich, dem schnei­den­den Win­ter­wind bei Tem­pe­ra­tu­ren um mi­nus 20 Grad kurz zu ent­kom­men. Doch plötz­lich ist man mit­ten­drin im längs­ten Tun­nel­sys­tem der Welt!

Die Un­ter­grund­stadt im fran­zö­sisch­spra­chi­gen Mon­tre­al wird RÉSO ge­nannt und heißt, wie sie ist - fran­zö­sisch „ré­seau“- ein Netz­werk. Und was für ein rie­si­ges. Wür­de man je­de der ver­zweig­ten Adern er­lau­fen wol­len, stün­de ein Par­cours von 32 Ki­lo­me­tern auf zwölf Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che auf dem Plan. Wie Blut­ge­fä­ße wer­den Neu­bau­ten, U-Bahn-Er­wei­te­run­gen und un­ter­ir­di­sche Shops so­gleich mit den Haupt­schlag­adern des Tun­nel­sys­tems ver­bun­den. In­zwi­schen sind 80 Pro­zent al­ler Ci­ty-Bü­ro- und 40 Pro­zent al­ler La­den­flä­chen im zen­tra­len Stadt­be­zirk Vil­le-Ma­rie an die Un­ter­grund­stadt an­ge­schlos­sen. In et­wa zehn Me­ter Tie­fe gibt es mehr­stö­cki­ge La­den­pas­sa­gen, zwei Haupt- und zwei Bus­bahn­hö­fe, zehn U-Bahn-Sta­tio­nen und so­gar ein Eis­ho­ckey­sta­di­on, Zu­gän­ge zu Ki­nos, Ho­tels, zwei Unis so­wie hun­der­te Re­stau­rants und Ca­fés. Wäh­rend oben der Schnee­sturm tobt, gönnt man sich un­ten ei­nen Wind­beu­tel. Drau­ßen klir­ren­der Frost mit Eis­zap­fen, drin­nen klirrt der Tee­löf­fel beim Um­rüh­ren am Eis­kaf­fee-Glas. Nie wie­der Win­ter! Ko­misch nur: Aus­ge­rech­net das tur­bu­len­te Nacht­le­ben, das im Un­ter­grund gut auf­ge­ho­ben wä­re, tobt in Mon­tre­al in Dis­kos, Sze­ne­bars und Jazz­klubs ober­ir­disch!

Wer im Win­ter doch mal an die ver­schnei­te Ober­flä­che will, wird von der Bio­sphè­re-Ku­gel (Durch­mes­ser: 76 Me­ter) am Ha­fen fas­zi­niert sein - dem Was­ser- und Um­welt­mu­se­um der Stadt. Oder vom 175 Me­ter ho­hen schrä­gen Turm am Olym­pia­sta­di­on. Des­sen Aus­sichts­punkt auf der wind­schie­fen Ebe­ne kann man mit ei­nem rap­peln­den Fahr­stuhl er­klim­men.

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