Die Ge­schich­te von Om­ran und sei­ner Schwes­ter

Das Bild des klei­nen Om­ran, der in Alep­po nach ei­nem Bom­ben­an­griff ge­ret­tet wur­de, ging um die Welt. In der west­li­chen Welt lös­te es Be­stür­zung aus, die rus­si­schen Me­di­en da­ge­gen er­zäh­len ei­ne an­de­re Ge­schich­te.

Muenchner Merkur - - WELTSPIEGEL -

– Ein Bub sitzt blut­ver­schmiert und staub­be­deckt in ei­nem Kran­ken­wa­gen, war­tet auf sei­ne Be­hand­lung und starrt ein­fach vor sich hin. Es ist Om­ran Daqnee­sh, fünf Jah­re alt, der zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie aus den Trüm­mern ei­nes bom­bar­dier­ten Hau­ses im sy­ri­schen Alep­po ge­ret­tet wer­den konn­te. Sein Fo­to ver­brei­te­te sich ra­send schnell, ein Spre­cher des US-Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums be­zeich­ne­te den Klei­nen als „das wah­re Ge­sicht“des Sy­ri­en-Kon­flikts. In rus­si­schen Me­di­en spielt das Bild da­ge­gen kei­ne Rol­le.

Der Fo­to­graf Mahmud Rs­lan hat­te den Bu­ben ent­deckt, wie er be­nom­men im Kran­ken­wa­gen war­tet, wäh­rend sei­ne kur­zen Bei­ne ge­ra­de mal über die Sitz­kan­te rei­chen. Auf an­de­ren Bil­dern der Se­rie sieht man, wie Om­rans gro­ße Schwes­ter ne­ben ihm sitzt. „Ich ha­be schon vie­le Fo­tos von Kin­dern ge­macht, die bei den täg­li­chen An­grif­fen ge­tö­tet oder ver­letzt wur­den“, sag­te Rs­lan. „Nor­ma­ler­wei­se sind sie be­wusst­los oder wei­nen. Aber Om­ran war ein­fach da, sprach­los, mit lee­rem Blick, als ob er nicht wüss­te, wie ihm ge­schieht.“

Der Sa­ni­tä­ter Am­mar Tab­jeh be­rich­te­te der Nach­rich- ten­agen­tur AFP, wie er den Bu­ben aus dem Schutt sei­nes Wohn­hau­ses zog. „Ich bin dank­bar, dass ich ihn ret­ten konn­te, aber ich bin wü­tend, weil er doch nur ein Kind ist. War­um ist ihm das pas­siert?“

Der „Bild“-Zei­tung er­zähl­te Om­rans Opas, wie die Fa­mi­lie den Bom­ben­an­griff er­leb­te: „Mein Sohn, sei­ne Frau und sei­ne vier Kin­der sa­ßen beim Abend­es­sen. Dann wur­de das Haus von ei­nem Kampf­jet an­ge­grif­fen. Über­all war Staub und al­le wur­den ver­letzt. Wir wa­ren fast ei­ne St­un­de da­rin ge­fan­gen, weil die Zi­vil­ver­tei­di­ger der ‚Whi­te Hel­mets‘ uns auf­grund der Trüm­mer nicht er­rei­chen konn­ten. Schließ­lich sind sie von ei­nem Nach­bar­ge­bäu­de zu uns vor­ge­sto­ßen und ha­ben uns ge­ret­tet.“Spä­ter sei das Ge­bäu­de ein­ge­stürzt, sag­te Om­rans Groß­va­ter wei­ter: „Ei­ni­ge Men­schen ha­ben uns an­ge­bo­ten, dass sie uns hel­fen könn­ten, nach Eu­ro­pa zu flüch­ten. Aber wir ge­hen nir­gend­wo hin.“

Ein Arzt, der den Bu­ben nach dem An­griff be­han­delt hat­te, sag­te der bri­ti­schen BBC, Om­ran sei wie­der mit sei­nen El­tern ver­eint. „Om­ran war ver­ängs­tigt und hat nicht ge­weint, weil er un­ter Schock stand“, sag­te der Chir­urg. Das Kind ha­be kein Wort ge­sagt. Om­rans Wun­de am Kopf wur­de ver­bun­den. Au­ßer­dem er­litt er Bles­su­ren am Bauch. „Om­ran hat das Glück, dass sei­ne Ge­schich­te in der Welt ver­brei­tet wird – aber wir ha­ben hier je­den Tag Kin­der, die schlim­me­re Ver­let­zun­gen und trau­ri­ge Ge­schich­ten ha­ben.“

Wäh­rend Om­rans Fo­to in den west­li­chen Me­di­en meist auf der Ti­tel­sei­te ge­druckt wur­de, hiel­ten sich die ara­bi­schen Zei­tun­gen zu­rück. Vie­le Blät­ter zeig­ten die Auf­nah­me im In­nen­teil mit neu­tra­len Be­schrei­bun­gen. Die Zei­tung „Al-Sho­rouk“da­ge­gen spricht von ei­ner „neu­en Tra­gö­die in Sy­ri­en“.

Die staat­lich ge­lenk­ten rus­si­schen Me­di­en er­zähl­ten am Frei­tag ei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te über ei­ne in Alep­po ver­hei­ra­te­te Rus­sin, die ih­re drei Kin­der vor ei­ner Bom­be ge­ret­tet ha­ben soll. Die­se sei in die Woh­nung ge­flo­gen. Die Mut­ter ha­be die Kin­der mit ih­rem Kör­per ge­schützt, mel- de­te die Agen­tur In­ter­fax un­ter Be­ru­fung auf das rus­si­sche Mi­li­tär. Sie ha­be ei­nen Arm und ein Bein ver­lo­ren und sei zur Be­hand­lung nach St. Pe­ters­burg aus­ge­flo­gen wor­den. In das rus­si­sche In­ter­net ge­lang­te das Fo­to von Om­ran vor al­lem über die rus­sisch­spra­chi­gen Sei­ten in­ter­na­tio­na­ler Me­di­en wie der Deut­schen Wel­le oder der BBC.

Ein Spre­cher des rus­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums sag­te, sein Land sei nicht für den An­griff ver­ant­wort­lich, bei dem Om­ran am Mitt­woch ver­letzt wur­de. Rus­si­sche Flug­zeu­ge grif­fen grund­sätz­lich kei­ne Zie­le in Wohn­ge­bie­ten an, so Igor Ko­na­schen­kow. Bei west­li­chen Me­dien­be­rich­ten über Om­rans Schick­sal han­de­le es sich um „an­ti­rus­si­sche Pro­pa­gan­da“.

Schon jetzt gilt das Bild von Om­ran für den Krieg in Sy­ri­en nach fünf Jah­ren und hun­dert­tau­sen­den To­ten ein Schlüs­sel­fo­to. Ähn­lich war das im Som­mer 2015, als das Fo­to des drei Jah­re al­ten Ay­lan vie­le Men­schen er­schüt­ter­te. Sei­ne Lei­che wur­de an ei­nen tür­ki­schen Strand ge­spült. Das Bild wur­de das Sym­bol­fo­to der Flücht­lings­kri­se. Doch die ethi­sche De­bat­te um Om­ran ist an­ders als bei Ay­lan. Der Bub aus Alep­po wur­de ge­ret­tet. Bei Ay­lan aus Ain al-Ar­ab wur­de dis­ku­tiert, ob man ein to­tes Kind über­haupt so zei­gen darf.

Die Bil­der aus Alep­po ent­ste­hen nicht zu­fäl­lig. Ak­ti­vis­ten su­chen Mo­ti­ve mit dem Ziel, iko­ni­sche Bil­der zu schaf­fen. Sie wis­sen um die Wir­kung, die von den Auf­nah­men aus­ge­hen kann. Bei Om­ran war es das op­po­si­tio­nel­le Alep­po Me­dia Cen­ter, das nach ei­nem An­griff ein Vi­deo auf­nahm. Der Fo­to­graf Mahmud Rs­lan war da­bei.

FO­TO: REU­TERS/ MAHMOUD RS­LAN

Om­ran und sei­ne gro­ße Schwes­ter war­ten nach ei­nem Bom­ben­an­griff auf ihr Haus im sy­ri­schen Alep­po im Kran­ken­wa­gen auf ei­nen Arzt. Om­rans Schick­sal ging um die Welt. Jetzt spricht Mahmud Rs­lan. Der Fo­to­graf mach­te die Bil­der von Om­rans Fa­mi­lie am Mitt­woch­abend.

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