Schrä­ges vom Nu­del­brett

Gioa­chi­no Ros­si­nis „Bar­bier von Se­vil­la“im Hu­ber­tus­saal von Schloss Nym­phen­burg

Muenchner Merkur - - KULTUR - VON GA­B­RIE­LE LUSTER

Nicht nur zu Wa­g­ners Mu­sik­dra­ma – schließ­lich de­bü­tier­te er mit dem „Par­si­fal“für Kin­der schon in Bay­reuth – hat Tris­tan Braun ei­nen Draht, auch Ko­mö­di­an­ti­sches krib­belt ihm in den Fin­gern. Das be­wies der 24 Jah­re jun­ge, aus Grä­fel­fing stam­men­de Re­gis­seur mit ei­ner hef­tig be­klatsch­ten Ins­ze­nie­rung von Ros­si­nis „Bar­bier von Se­vil­la“im Nym­phen­bur­ger Hu­ber­tus­saal. Hier, wo die Münch­ner Kam­mer­oper das Pu­bli­kum im­mer wie­der mit mu­si­ka­lisch wie sze­nisch an­ge­schräg­ten Pro­duk­tio­nen amü­siert, ent­schied sich Braun nun für die gu­te al­te Guck­kas­ten-Si­tua­ti­on mit Nu­del­bret­tBüh­ne an der Stirn­sei­te des dicht be­setz­ten Saa­les.

Die Sze­ne­rie von Do­ro­thea Ni­co­lai ist ein gro­ßes Bett. Mit ei­ner Dre­hung mu­tiert das schmie­de­ei­ser­ne Kopf­teil zum von Vor­hän­gen ge­säum­ten Fens­ter, hin­ter dem Ro­si­na nach Frei­heit dürs­tet. Dass sie sich wie ei­ne Ge­fan­ge­ne des Dok­tor Bar­to­lo fühlt und von der (Män­ner-)Welt was an­de­res als ihn er­war­tet, darf sie schon beim noch wie auf der Pro­be wir­ken­den „Ein­zug“der sechs So­lis­ten durch den Saal de­mons­trie­ren: Sie flir­tet hef­tig mit dem rechts der Büh­ne pos­tier­ten Di­ri­gen­ten Na­bil She­ha­ta. Was hör­bar in­spi­rie­rend wirkt...

Auch wenn Ka­ta­ri­na Mor­fas Ro­si­na im Lau­fe des Abends ein bis­serl arg char­giert, er­obert die Ku­ba­ne­rin die Her­zen der Zu­hö­rer so­wohl mit ih­rer Büh­nen­prä­senz als auch mit ih­rem ko­lo­ra­tur­ge­wand­ten, bis in die Hö­he wohl­klin­gen­den Mez­zo. Auch Su­zan­ne Fi­scher er- quickt als eman­zi­pier­te Haus­häl­te­rin Ber­ta mit silb­ri­gem So­pran und darf so­gar mit zwei Ari­en punk­ten. Fi­ga­ro schlen­dert nicht als „Fak­to­tum der schö­nen Welt“auf die Sze­ne, son­dern hat längst sei- ne ge­schick­ten Fin­ger im In­tri­gen­spiel, wenn er erst im zwei­ten Akt sei­ne be­rühm­te Arie singt. Der groß ge­wach­se­ne An­dré Balei­ro stat­tet den Draht­zie­her mit (Sie­ger-)Charme und im­po­nie­ren- dem Ba­ri­ton aus, die Re­gie gönnt ihm über­ra­schen­der­wei­se ei­ne Bein-Ra­sur bei der fe­schen Ro­si­na. Zu­dem darf Fi­ga­ro be­rufs­be­dingt mit al­ler­lei Pe­rü­cken her­umhan­tie­ren und sie sei­ner typ­ge­recht kos- tü­mier­ten Com­me­dia-Kund­schaft un­ge­fragt über­stül­pen. Bas­sist Phil­ipp Mehr heizt als In­tri­gant Ba­si­lio, der oft wie ein Schach­terl­t­eu­fel aus der Ver­sen­kung auf­taucht, mit sei­ner Ver­leum­dungs­a­rie die Ge­rüch­te­kü­che wohl­tö­nend an. Der miss­traui­sche Bar­to­lo wird gott­lob nicht auf alt ge­trimmt, son­dern darf so jung sein wie sei­ne Mit­spie­ler. Ei­fer­süch­tig stiert er auf die Ver­däch­ti­gen, der­weil Ber­ta ihn durch­aus at­trak­tiv fin­det und an ge­mein­sa­me wei­ße Näch­te in Pe­ters­burg er­in­nert. Dann stimmt Vla­dis­lav Pav­li­uk mit mar­kan­tem Ba­ri­ton so­gar Rus­si­sches an. An­sons­ten rockt er „No Wo­man, no Cry“und stürzt sich un­ge­zü­gelt auf die an­ge­be­te­te Ro­si­na.

Ge­gen­über die­sem Bas­sBa­ri­ton-Auf­ge­bot hat es Tho­mas Kiech­les Graf Al­ma­vi­va mit leicht in­to­na­ti­ons­ge­trüb­tem Te­nor schwer. Zum Glück mischt er dar­stel­le­risch lo­cker mit, singt Ita­lie­nisch, brab­belt Frän­kisch und wirft mit dem Geld um sich. Wie das Spiel mit den Pe­rü­cken, so zieht sich auch das mit den Gold­stü­cken als ro­ter Fa­den durchs Ge­sche­hen, das nur in den deut­schen Re­zi­ta­ti­ven manch­mal ein we­nig auf der Stel­le tritt. An­sons­ten sorgt Tris­tan Braun auf der Mi­niBüh­ne für mun­te­res Trei­ben.

Da­bei über­reizt er das Stück nicht, gönnt dem En­sem­ble ein paar flot­te Sprü­che und hü­tet sich vor zu viel Kla­mauk. Die Mu­si­ker lässt er als Wa­chen mit­schmet­tern, der Di­ri­gent springt als No­tar ein. Alex­an­der Kram­pe hat wie­der ein Ar­ran­ge­ment be­schert, das Ros­si­ni mit über­ra­schen­den Mit­teln fun­keln lässt. Nicht nur das Ak­kor­de­on ist wie im­mer da­bei, dies­mal avan­ciert die Ma­rim­ba zum herr­lich wit­zi­gen Be­glei­ter und Kom­men­ta­tor.

FO­TO: SA­BI­NA TU­SCA­NY

Typ­ge­recht kos­tü­miert ist das So­lis­ten-Sex­tett in Tris­tan Brauns mun­te­rer, nicht zu kla­mau­ki­ger Ins­ze­nie­rung. Der ge­sam­te Abend spielt in ei­nem gro­ßen Bett.

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