Fa­mi­li­en ban­gen um ih­re Pfle­ge­kin­der

Vie­le Fa­mi­li­en in Bay­ern ha­ben jun­ge Flücht­lin­ge als Pfle­ge­kin­der bei sich auf­ge­nom­men. Dar­un­ter sind vie­le Af­gha­nen. Die Angst vor der Ab­schie­bung wird bei ih­nen im­mer grö­ßer – dar­auf wol­len­diePfle­ge­fa­mi­li­en­nun ge­mein­sam re­agie­ren.

Muenchner Merkur - - BAYERN & REGION - VON KLAUS TSCHARN­KE

– Vie­le be­trach­ten sie längst als ih­re ei­ge­nen Kin­der, an­de­re den­ken so­gar über ei­ne Ad­op­ti­on nach. Vie­le deut­sche Pfle­ge­el­tern ha­ben jun­ge Af­gha­nen bei sich auf­ge­nom­men. Doch an- ge­sichts des wach­sen­den Ab­schie­be­drucks wird ih­re Angst um die Zu­kunft ih­rer Pfle­ge­kin­der im­mer grö­ßer.

Am Wo­che­n­en­de sind Pfle­ge­fa­mi­li­en aus ganz Bay­ern zu ei­nem Tref­fen nach Nürnberg ge­kom­men. Dort kün­dig­ten sie an, mit al­len Mit­teln ei­ne mög­li­che Ab­schie­bung ih­rer af­gha­ni­schen Pfle­ge­kin­der ver­hin­dern zu wol­len. „Ich schi­cke doch mein ei­ge­nes Kind nicht in den Tod“, sag­te et­wa die aus Red­nitz­hem­bach im Land­kreis Roth stam­men­de Pfle­ge­mut­ter Su­san­ne Phil­ipps. Da­bei ver­wies sie auf die zu­neh­mend un­si­che­re La­ge in der frü­he­ren Hei­mat ih­res 18 Jah­re al­ten af­gha­ni­schen Pfle­ge­sohns. Der jun­ge Af­gha­ne lebt seit rund ein­ein­halb Jah­ren bei der Fa­mi­lie.

Die knapp ein Dut­zend Pfle­ge­el­tern aus ver­schie­de­nen Tei­len Bay­erns kün­dig­ten bei der Ver­an­stal­tung des Pro­jekts „Pfle­ge­el­tern ge­gen Ab­schie­bung in den Tod“zu­gleich ei­ne Ver­net­zung von Be­trof­fe­nen im Frei­staat an. Es wer­de Zeit, dass ver­ant­wort­li­che Po­li­ti­ker, vor al­lem in der CSU, ein­mal vor Au­gen ge­führt be­kä­men, wel­che Dra­men sich der­zeit in vie­len baye­ri­schen Pfle­ge­fa­mi­li­en ab­spiel­ten.

Meh­re­re Pfle­ge­el­tern be­rich­te­ten, die von ih­nen auf­ge­nom­me­nen jun­gen Af­gha­nen sei­en in­zwi­schen bes­tens in­te­griert. Die Angst vor ei­ner Ab­schie­bung de­sta­bi­li­sie­re sie aber und be­las­te auch die Fa­mi­li­en. Das er­schwe­re nicht nur die In­te­gra­ti­on der jun­gen Af­gha­nen, son­dern auch die Su­che nach ei­nem Prak­ti­kum oder ei­ner Lehr­stel­le für sie.

Die Be­trei­be­rin ei­nes Gar­ten- und Land­schafts­bau­be­triebs in Eck­en­tal bei Nürnberg klag­te über die un­kla­re Rechts­si­tua­ti­on bei der Be­schäf­ti­gung jun­ger Asyl­be­wer­ber. Sie selbst bil­de seit Jah­res­an­fang ei­nen jun­gen Af­gha­nen aus und sei mit ihm aus­ge­spro­chen zu­frie­den. In­zwi­schen sei aber sein Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wor­den. Nun müs­se sie be­fürch­ten, dass er je­den Tag ab­ge­scho­ben wer­de – „und das mit­ten in der Sai­son. Da brau­che ich je­de Kraft.“Vor die­sem Pro­blem ste­hen vie­le Ar­beit­ge­ber in Bay­ern.

Die So­zi­al­psy­cho­lo­gin Ant­je Pas­tors vom Psy­cho­lo­gi­schen Fach­dienst der Rum­mels­ber­ger Dia­ko­nie be­rich­te­te, bei jun­gen Af­gha­nen lö­se die Furcht vor ei­ner Ab­schie­bung re­gel­mä­ßig „To­de­s­ängs­te“aus. Vie­le der von Ab­schie­bun­gen be­droh­ten jun­gen Asyl­be­wer­ber sei­en in­zwi­schen auf Me­di­ka­men­te an­ge­wie­sen, um den All­tag be­wäl­ti­gen zu kön­nen. „Wie soll ich kon­zen­triert in der Schu­le sein, wenn ich Nacht für Nacht be­fürch­te, von der Po­li­zei ab­ge­holt zu wer­den“, sag­te Pas­tors.

Die Dia­ko­nie Rum­mels­berg be­treut rund 30 Fa­mi­li- en, die un­be­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge als Pfle­ge­kin­der bei sich auf­ge­nom­men ha­ben. Rund die Hälf­te da­von sind jun­ge Af­gha­nen. Die Asyl­ver­fah­ren der meis­ten von ih­nen sind noch nicht ab­ge­schlos­sen. Da aber die An­er­ken­nungquo­te af­gha­ni­scher Asyl­be­wer­ber in den letz­ten Mo­na­ten stark ge­sun­ken ist, ma­chen sich die Fa­mi­li­en gro­ße Sor­gen.

Der Bun­des­fach­ver­band Un­be­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge be­ob­ach­tet nach den ers­ten Sam­mel­ab­schie­bun­gen „Angst und Pa­nik“bei den jun­gen Flücht­lin­gen. Er rät den Fa­mi­li­en, den Ängs­ten ge­mein­sam zu be­geg­nen und den jun­gen Men­schen zur Sei­te zu ste­hen.

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