Wie Stick­oxi­de zum Sün­den­bock wur­den

War­um sind am Ar­beits­platz fast 24 Mal so ho­he Stick­oxid-Kon­zen­tra­tio­nen er­laubt wie auf der Stra­ße? Wer die­ser Frage nach­geht, stößt auf Un­ge­reimt­hei­ten, die die De­bat­te um Fahr­ver­bo­te ins Reich des Ab­sur­den ver­wei­sen. Ei­ne Streit­schrift.

Muenchner Merkur - - IM BLICKPUNKT -

– Seit dem VW-Ab­gas­skan­dal ist Stick­oxid (NOX) zum meist­be­ach­te­ten Luft­schad­stoff ge­wor­den. Vor al­lem Stick­stoff­di­oxid (NO2) gilt als Krank­ma­cher. Tat­säch­lich über­schrei­ten an vie­len deut­schen Mess­punk­ten die Kon­zen­tra­tio­nen des Schad­stoffs die Grenz­wer­te um zum Teil mehr als das Dop­pel­te. 40 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter Luft gel­ten im Jah­res­mit­tel als Ober­gren­ze. In der Oet­tin­gen­stra­ße in Mün­chen bei­spiels­wei­se er­ga­ben Mes­sun­gen über 60 Mi­kro­gramm.

Ein An­ge­stell­ter, der über die Oet­tin­gen­stra­ße in sein Bü­ro im Stadt­teil Le­hel eilt, muss sich sol­chen Do­sen im­mer wie­der aus­set­zen. Dann sitzt er aber ja gut ge­schützt an sei­nem Schreib­tisch und kann sich er­ho­len. Könn­te man mei­nen.

Doch da stimmt et­was nicht. Denn im Bü­ro gilt die Mitt­le­re Ar­beits­platz-Kon­zen­tra­ti­on (MAK). Und da sind 950 Mi­kro­gramm Stick­oxid der Grenz­wert – fast das 24-Fa­che des Stra­ßen­ran­dG­renz­werts. An kei­ner Stra­ße in Deutsch­land wur­de ein der­art ho­her Wert fest­ge­stellt.

War­um aber ist so viel Stick­oxid für lan­ge Zeit harm­los und so we­nig für kur­ze Zeit ei­ne tod­brin­gen­de Ge­fahr? Oder wer­den Ar­beit­neh­mer ge­fähr­lich ho­hen Schad­stoff­men­gen aus­ge­setzt?

Völ­lig ver­schie­de­ne Her­an­ge­hens­wei­sen

Die Lö­sung: Die Grenz­wer­te ka­men durch ei­ne völ­lig un­ter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­se an das Pro­blem zu­stan­de. Für den Ar­beits­platz wur­de die Sa­che to­xi­ko­lo­gisch un­ter­sucht. In Ver­su­chen mit Rat­ten wur­de ge­tes­tet, wel­che Kon­zen­tra­tio­nen sie aus­hal­ten.

Erst bei 8000 Mi­kro­gramm NOX pro Ku­bik­me­ter Luft kam es zu Rei­zun­gen der Atem­we­ge. Das ist das Acht­fa­che des­sen, was an Ar­beits­plät­zen er­laubt ist. Bei 2000 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter er­lit­ten die Rat­ten kei­ner­lei mess­ba­re Schä­den.

Dem Grenz­wert für die Stra­ße liegt ei­ne völ­lig an­de­re Her­an­ge­hens­wei­se zu­grun­de: die epi­de­mio­lo­gi­sche. Da­bei wird die ge­sund­heit­li­che Be­ein­träch­ti­gung von Be­trof­fe­nen sta­tis­tisch er­fasst. Das Er­geb­nis: An Stel­len, an de­nen durch­schnitt­li­che Stick­stoff­di­oxid-Kon­zen­tra­tio­nen deut­lich über den 40 Mi­kro­gramm lie­gen, er­lei­den Men­schen ge­sund­heit­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen. Des­halb hat die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) die­se Zahl 2005 emp­foh­len – und die EU sie um­ge­setzt. Vor­her, im Jahr 2003, wur­den für die WHO Un­ter­su­chun­gen in vie­len Städ­ten der Welt aus­ge­wer­tet.

In der jet­zi­gen Dis­kus­si­on wird ein ent­schei­den­des Fak­tum weit­ge­hend igno­riert: Es ging bei den epi­de­mio­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen gar nicht nur um Stick­oxi­de. De­ren Vor­han­den­sein sei nur ein „star­ker Hin­weis auf Fahr­zeu­ge­mis­sio­nen“, heißt es in dem Be­richt an die WHO. Al­les, was sonst noch an Gift in der Luft war, wur­de so dem Sün­den­bock Stick­oxid in die Schu­he ge­scho­ben.

Im Kl­ar­text: Wenn in der Münch­ner Oet­tin­gen­stra­ße 60 Mi­kro­gramm Stick­stoff­di­oxid im Jah­res­mit­tel ge­mes­sen wer­den, heißt das nicht, dass die­ser Stoff es ist, der krank macht. Es heißt nur, dass die Sum­me der ver­kehrs­be­ding­ten Emis­sio­nen schäd­lich ist. Ob Stick­oxid aus Die­sel­ab­ga­sen der Bö­se­wicht ist – oder Fe­in­staub aus Ben­zin­mo­to­ren, wur­de gar nicht un­ter­sucht. Schon al­lein das führt die For­de­rung nach ei­nem iso­lier­ten Die­sel-Fahr­ver­bot kom­plett ad ab­sur­dum.

Denn NOX ist der Hin­weis­ge­ber auf viel Ver­kehr und die ent­spre­chen­den Schad­stof­fe. Wenn man NOX al­lein re­du­ziert, löst man noch kein Pro­blem. Die an­de­ren – und da­mit auch die wirk­lich schäd­li­chen – Schad­stof­fe sind nach wie vor in der Luft.

Die­ser Zu­sam­men­hang spiel­te im­mer­hin vor dem Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges zur VW-Ab­gas­af­fä­re ei­ne Rol­le. Vor al­lem der Münch­ner To­xi­ko­lo­ge Hel­mut Greim hat auf die Rol­le des Stick­oxids als Mar­ker ver­wie­sen. Er gilt al­ler­dings als in­dus­trie­nah. Doch selbst die Epi­de­mio­lo­gin An­net­te Pe­ters, die für noch nied­ri­ge­re NOX-Grenz­wer­te ein­tritt, räum­te vor den Ab­ge­ord­ne­ten ein, dass ein di­rek­ter Zu­sam­men­hang von Stick­oxi­den und Ge­sund­heits­schä­den epi­de­mio­lo­gisch noch nie un­ter­sucht wur­de. „Fürs NO2 bin ich mir kei­ner Stu­die be­wusst, die das schon mal sys­te­ma­tisch an­ge­guckt hat“, sag­te sie laut Pro­to­koll.

Das be­deu­tet: Kei­ner weiß, wel­che Schad­stof­fe Schä­den ver­ur­sacht ha­ben, für die Stick­oxi­de in der ge­gen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on pau­schal ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den.

Da­ten aus der Vor-Ka­ta­ly­sa­tor-Zeit

Die kras­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on von For­schungs­er­geb­nis­sen, die zu dem heu­ti­gen NOX-Grenz­wert ge­führt hat, hat aber noch ei­ne zwei­te Di­men­si­on: Der WHO-Be­richt ba­siert na­he­zu durch­gän­gig auf Mes­sun­gen, die in Zei­t­räu­men oder Re­gio­nen vor­ge­nom­men wur­den, in de­nen es noch kei­ne wirk­sa­me Ab­gas­rei­ni­gung gab oder in de­nen sie noch in den Kin­der­schu­hen steck­te.

Vie­le der sta­tis­tisch er­fass­ten ver­meint­li­chen NOX-Ge­sund­heits­schä­den kön­nen gar nicht mehr ent­ste­hen. Die Schad­stof­fe, die sie in Wirk­lich­keit aus­ge­löst ha­ben, sind in­zwi­schen aus der Luft weit­ge­hend ver­schwun­den. Ei­ni­ge Bei­spie­le:

-Die töd­lich-gif­ti­ge Sub­stanz ist seit der Ein­füh­rung des DreiWe­ge-Ka­ta­ly­sa­tors kein Pro-

blem mehr – war­um Selbst­mord­ver­su­che mit Aus­puff­ga- sen heu­te aus­sichts­los sind.

Koh­len­was­ser­stof­fe: Das sind nicht- oder teil­ver­brann­te Res­te von Ben­zin, die teil­wei­se to­xisch wir­ken. Auch sie fie­len zum Glück dem Ka- ta­ly­sa­tor zum Op­fer.

Schwe­fel­di­oxid: Der Haupt­ver­ur­sa­cher des frü­he­ren sau­ren Re­gens ist mit der Ein­füh­rung schwe­fel­frei­er - Kraft­stof­fe aus der Luft.

As­best: Der lun­gen­gän­gi­ge und kreb­seer­re­gen­de frü­he­re Be­stand­teil von Brems­be­lä­gen ist in Eu­ro­pa und wei­ten Tei­le der rest­li­chen Welt ver­bo­ten.

Bleibt der Fe­in­staub. Ein Groß­teil der schäd­li­chen Par­ti­kel kam frü­her aus dem Aus­puff von Die­sel­au­tos. Das ist mit der Ein­füh­rung von Ruß­fil­tern kein The­ma mehr. Heu­te sind Ben­zin­ab­ga­se ei­ne wich­ti­ge Fe­in­staub-Qu­el­le – wes­halb auch Ben­zi­ner künf­tig Fil­ter brau­chen. Da­zu kom­men Fein­stäu­be durch Rei­fen­ab­rieb oder dem Abrieb von Brems­be­lä­gen. Sie blei­ben ein Pro­blem – das sich aber auch nicht ein­sei­tig Die­sel oder Ben­zin­mo­to­ren zu­ord­nen lässt. NOX: Sün­den­bock für Phan­tom-Schad­stof­fe

Die ge­nann­ten Phan­tomSchad­stof­fe spie­len in der Pra­xis kei­ne Rol­le mehr. Ih­re ne­ga­ti­ven Wir­kun­gen spu­ken aber im­mer noch durch die Dis­kus­si­on um Fahr­ver­bo­te, wo­mit Stick­oxid für Ge­sund­heits­schä­den ver­ant­wort­lich ge­macht wird, die gar nicht mehr ent­ste­hen – me­di­zi­ni­sche Geis­ter­er­schei­nun­gen. Nur ak­tu­el­le Stu­di­en bräch­ten Ge­wiss­heit

Die ver­kehrs­be­ding­ten Schad­stof­fe sind über­schau­bar ge­wor­den: Stick­oxi­de kom­men heu­te über­wie­gend aus Die­sel­mo­to­ren. Ruß­par­ti­kel da­ge­gen über­wie­gend aus Ben­zin­mo­to­ren. Da­zu kom­men ge­rin­ge Res­te der frü­he­ren Haupt­schad­stof­fe und Fol­ge­pro­duk­te. Be­vor man über Fahr­ver­bo­te auch nur nach­denkt, soll­ten To­xi­ko­lo­gen und Epi­de­mio­lo­gen un­ter heu­ti­gen Be­din­gun­gen ge­mein­sam er­for­schen, wel­che Wir­kun­gen wel­cher Schad­stoff in wel­cher Kon­zen­tra­ti­on hat – und ob de­ren Mix dar­über hin­saus­ge­hen­de Schä­den ver­ur­sacht. Al­les an­de­re wä­re Schar­la­ta­ne­rie.

Und un­ser An­ge­stell­ter aus der Oet­tin­gen­stra­ße soll­te bis da­hin im­mer wie­der mal aus dem Haus ge­hen, um am Stra­ßen­rand Luft zu tan­ken, die im­mer­hin bes­ser ist, als der Mief in sei­nem Bü­ro.

PANTHERMEDIA

Krank durch Stra­ßen­ver­kehr? Vor al­lem Stick­stoff­di­oxid gilt als ge­fähr­lich. Doch in der De­bat­te wer­den ent­schei­den­de Fak­ten nicht be­rück­sich­tigt.

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