MVV: Kom­men Se­nio­ren zu bil­lig weg?

Wenn das durch­geht, dann muss der MVV-Ta­rif neu durch­dacht wer­den: Ein Rechts­an­walt aus Ol­ching ver­klagt die Münch­ner Ver­kehrs­ge­sell­schaft MVG we­gen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Er sieht nicht ein, war­um Se­nio­ren ab 60 we­ni­ger für Ti­ckets zah­len.

Muenchner Merkur - - GELD & MARKT -

– Rechts­an­walt Ul­rich Frat­ton ist 37 Jah­re alt und steht ei­gent­lich nur dann vor Ge­richt, wenn er sei­ne Man­da­ten ver­tei­di­gen muss. In die­ser Sa­che aber klagt er selbst: Frat­ton hat beim Amts­ge­richt Mün­chen Kla­ge ge­gen die MVG ein­ge­reicht – we­gen Dis­kri­mi­nie­rung und Scha­dens­er­satz. Die MVG ist Ver­trags­part­ner bei den Ti­ckets, die im MVVRaum gel­ten. Der Streit­wert be­trägt ex­akt 781,04 Eu­ro.

Das ist die Dif­fe­renz, die Frat­ton als Abon­nent ei­ner re­gu­lä­ren Is­ar­card im Jahr mehr zahlt als je­mand, der mit dem Is­ar­card60-Abo fährt. Sei­ne Kla­ge rich­te sich nicht ge­gen Se­nio­ren ge­ne­rell, ver­si­chert Frat­ton ge­gen­über un­se­rer Zei­tung. Dass aber Per­so­nen ab 60 pau­schal ver­güns­tigt fah­ren dürf­ten, leuch­te nicht ein. „Auch die Füh­rungs­kraft in ei­nem Un­ter­neh­men mit über 100 000 Eu­ro brut­to pro­fi­tiert da­von.“Be­zie­her klei­ne­rer und mitt­le­re­rer Ein­kom­men hät­ten das Nach­se­hen. „Die Be­dürf­tig­keit muss auf ei­nem an­de­ren We­ge fest­ge­stellt wer­den“, for­dert der Rechts­an­walt.

Frat­ton wohnt in ei­ner Ge­mein­de ei­ni­ge Ki­lo­me­ter von Ol­ching (Kreis Fürs­ten­feld­bruck) ent­fernt und nutzt so­wohl den Bus zu sei­nem Ar­beits­platz, ei­ner Kanz­lei in Ol­ching, als auch die S-Bahn, da er häu­fig bei Pro­zes­sen vor Münch­ner Ge­rich­ten auf­tre­ten muss. Da­für hat er die re­gu­lä­re Is­ar­card für den Ge­samt­raum abon­niert – für der­zeit 1263 Eu­ro im Jahr. Zwei Mo­na­te sind gra­tis – ei­ne Be­loh­nung für das Abo. Die Is­ar­card60 im Abo ist we­sent­lich güns­ti­ger, sie kos­tet nur 684 Eu­ro. Es gibt auch ei­ne nor­ma­le Isard­car­d9Uhr, de­ren Abo aber 800 Eu­ro im Jahr kos­tet.

So ganz ver­gleich­bar sind die drei Ta­ri­fe al­ler­dings nicht, da man mit dem Se­nio- ren­ti­cket wäh­rend der Schul­zeit werk­tags erst ab 9 Uhr fah­ren darf. Die­se Re­ge­lung ha­ben sich MVV und MVG einst aus­ge­dacht, um zu ver­hin­dern, dass Se­nio­ren im Be­rufs­ver­kehr Bus­se und Bah­nen nut­zen, die oh­ne­hin schon mit Be­rufs­tä­ti­gen und Schü­lern gut ge­füllt sind. Wol­len die Se­nio­ren vor 9 Uhr fah­ren, müs­sen sie stem­peln. Aber auch hier ha­ben sie ei­ne Ver­güns­ti­gung: Sie müs­sen nur die Hälf­te der nor­ma­len Strei­fen-An­zahl ab­stem­peln, zum Bei­spiel al­so für ei­ne Fahrt von Ol­ching nach Mün­chen nur zwei statt vier. Bei der Is­ar­car­d9Uhr wie­der­um gibt es die­se Ver­güns­ti­gung nicht, au­ßer­dem gilt die Fahrt­zeit­be­schrän­kung ab 9 Uhr auch wäh­rend der Schul­fe­ri­en. Aus die­sem Ta­rif-Wirr­warr hat Frat­ton ver­sucht, sei­nen fi­nan­zi­el­len Nach­teil zu er­mit­teln und ist un­ter Be­rück­sich­ti­gung von Ver­zugs­zin­sen und den Kos­ten ei­nes ge­schei­ter­ten Sch­lich­tungs­ver­fah­rens auf die 781,04 Eu­ro ge­kom­men.

Ob Frat­ton mit sei­ner Kla­ge Er­folg ha­ben wird, lässt sich im Mo­ment noch nicht ab­se­hen. Das Amts­ge­richt hat si­gna­li­siert, dass es oh­ne münd­li­ches Ver­fah­ren ent­schei­den will – wann, ist un­klar. Die MVG hat be­an­tragt, die Kla­ge zu­rück­zu­wei­sen. „Ein An­spruch des Klä­gers auf Ent­schä­di­gung nach dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz we­gen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­steht aus un­se­rer Sicht nicht“, er­klärt MVGSpre­cher Mat­thi­as Kor­te. Für die Ver­bil­li­gung der Ta­ri­fe ab dem Al­ter von 60 Jah­ren auf­wärts ge­be es „sach­li­che Grün­de“, weil Se­nio­ren „ty­pi­scher­wei­se we­ni­ger leis­tungs­fä­hig“sei­en und ei­ne Ver­güns­ti­gung bei Ti­ckets „nicht dis­kri­mi­nie­rend, son­dern im Ge­gen­teil so­zi­al er­wünscht“sei. Wie aus dem jüngs­ten MVV-Ge­schäfts­be­richt her­vor­geht, er­freut sich die Is­ar­card60 stei­gen­der Be­liebt­heit: Die Zahl der ver­kauf­ten Abos wuchs 2016 um zwei Pro­zent, die der Er­lö­se so­gar um über 4,5 Pro­zent.

Al­ler­dings über­denkt der MVV der­zeit oh­ne­hin sei­ne Ta­rif­struk­tur (wir be­rich­te­ten) – und sie­he da: Ne­ben an­de­ren Punk­ten soll auch die Al­ters­gren­ze re­for­miert wer­den. Auf An­re­gung des Münch­ner Stadt­rats könn­te ab En­de 2018 die Gren­ze auf 65 an­ge­ho­ben wer­den und even­tu­ell die Sperr­zeit ab 9 Uhr weg­fal­len.

FO­TO: MICHAE­LA REHLE/ REU­TERS

Die S-Bahn in Mün­chen. Se­nio­ren fah­ren bil­li­ger – aber zu Recht?

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