Kunst­werk der Zu­kunft

Muenchner Merkur - - LESERFORUM -

klatscht dann das ho­he Haus nach die­ser Düs­ter­nis? Woll­te Herr Ko­s­ky uns Deut­schen ei­nen häss­li­chen Spie­gel vor­hal­ten? Nein, man kann nur ent­setzt und trau­rig über die­se Ins­ze­nie­rung sein, die zur rei­nen In­ter­pre­ta­ti­ons-Oper ver­kom­men ist. Mit Ver­laub, Herr Thiel, Ih­re Pre­mie­ren­kri­tik ist zu ge­fäl­lig. Mar­got Fürst Mün­chen Wa­gner hat­te da­mals auf den Rat von Freun­den ge­hört und ein Lust­spiel ge­schrie­ben. Herr Ko­s­ky hat das gleich er­kannt und um­ge­setzt. Den ka­pi­ta­len Feh­ler bei die­ser Ins­ze­nie­rung hat er zur Freu­de des Pu­bli­kums gleich mit ein- ge­schlos­sen. Wa­gner schreibt in sei­ner Par­ti­tur: Ort: Nürn­berg. Zeit: 15. Jahr­hun­dert, da gab es kei­ne Ju­den, de­nen man die Po­si­ti­on ei­nes Stadt­schrei­bers über­ant­wor­tet hät­te. Beck­mes­ser kann al­so auf kei­nen Fall Ju­de sein. Auch war Hanslick kein Ju­de, für den er die Oper auch gar nicht kon­zi­piert hat­te. Beck­mes­ser wird auch nicht von der Ge­sell­schaft aus­ge­grenzt oder ver­jagt. Er kann die Ste­no­gra­fie von Sachs nicht rich­tig le­sen und singt auf der Fest­wie­se mi­se­ra­bel. Da­für wird er aus­ge­lacht. Dar­über macht er co­ram pu­bli­co Sachs hef­ti­ge Vor­wür­fe, die­ser hät­te ihm das schlech­te Lied auf­ge­drängt. Sachs holt sich den Zeu­gen Stolzing in die Mit­te, und die­ser führt – ent­ge­gen des üb­li­chen, fürch­ter­li­chen Kunst­ge­san­ges der Meis­ter – Wa­g­ners er­wei­ter­te Lied­form ein. Der Kom­po­nist weist da­mit auf sein Kunst­werk der Zu­kunft hin. Dann liest man in Wa­g­ners Re­gie­an­wei­sung: „Beck­mes­ser ver­liert sich in der Men­ge“. Nie­mand ver­jagt ihn. An den thea­ter­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­ten wird dies an­schei­nend nicht ver­mit­telt. Herr Ko­s­ky will es nicht wis­sen, die Sän­ger dür­fen es nicht wis­sen, und das Pu­bli­kum kann es nicht wis­sen. Prof. Dr. Bernd Weikl der den Sachs 163X ge­sun­gen hat Ham­burg

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