Im Tun­nel des Da­seins

Ka­rin Hen­kel in­sze­nier­te für die Salz­bur­ger Fest­spie­le auf der Per­ner-In­sel in Hal­lein Haupt­manns „Ro­se Bernd“

Muenchner Merkur - - BAYERN & REGION -

Star­ke Frau­en sind es, die Ka­rin Hen­kel auf die Büh­ne brin­gen will. In „Ro­se Bernd“(1903) zeigt Ger­hart Haupt­mann (1862-1946) zwar, wie ei­ne Frau an den ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen zer­bricht, ge­nau­er: von der Män­ner­herr­schaft zer­bro­chen wird. Er zeich­net in­des gleich­zei­tig die enor­me Le­bens­kraft die­ses Mäd­chens vom Land. Und auch ihr Pen­dant, die kran­ke Frau Flamm, die um ih­ren to­ten Sohn trau­ert, be­sitzt klu­gen Le­bens­wil­len. Die­se Vi­ta­li­tät der bei­den Müt­ter, Le­bens­spen­de­rin­nen, schält Hen­kel in ih­rer Ins­ze­nie­rung her­aus – ob­wohl Ro­se und Flamm ih­re Kin­der ver­lie­ren. Das Stück hat­te am Sams­tag­abend im Rah­men der Salz­bur­ger Fest­spie­le auf der Per­ner-In­sel in Hal­lein Pre­mie­re. Es ist ei­ne Ko­pro­duk­ti­on mit dem Schau­spiel­haus Ham­burg.

Vol­ker Hin­ter­mei­er hat sich für sein Büh­nen­bild in dem al­ten Sa­li­n­en­ge­bäu­de so­wohl von der Hal­lei­ner wie von der schle­si­schen Berg­werkstra­di­ti­on in­spi­rie­ren las­sen. Wir bli­cken in ei­nen schwar­zen brei­ten Schacht, der von Kreu­zen do­mi­niert wird. Vor­ne ein klei­nes Kreuz aus Me­tall, hin­ten ein Leucht­kreuz, und durch den ge­sam­ten Raum zieht sich ein Boh­len-Kreuz, da­zwi­schen schwar­zer Kies. Das ist der Da­seins-Tun­nel der Dörf­ler, die bis­wei­len vom Weg­ge­hen träu­men, es je­doch nie tun, au­ßer im Tod. Für Va­ter Bernd (so­li­de: Micha­el Prel­le) und Ro­ses Ver­lob­ten Au­gust (so­li­de: Ma­ik Sol­bach) ist nur das Jen­seits der wah­re Zufluchts­ort. Aber al­le, selbst sie, wol­len mehr vom Schick­sal, oh­ne es sich oder an­de­ren ein­zu­ge­ste­hen. Hier rutscht Ka­rin Hen­kel die ein­zi­ge Plat­ti­tü­de ih­rer Ins­ze­nie­rung he- raus: mit ei­nem Vor­hang, auf dem „Fu­ture is a fucking Night­ma­re“(Zu­kunft ist ein ver­damm­ter Alb­traum) steht.

An­sons­ten sperrt sich das Kon­zept zu­meist ge­gen Sim­pli­fi­zie­run­gen. Die Ein­heits­büh­ne kann mal vor­ne Land und hin­ten Kir­che sein, mal Flamms Haus, mal Dresch­bo­den oder Dorf­stra­ße. Die Ko­s­tü­me (Adria­na Bra­ga Pe­retz­ki) spie­len mit Folk­lo­re- Exo­tik, Kit­tel­schür­zenMas­ke­ra­de und recht nor­ma­ler Män­ner­klei­dung. Fa­zit: nur kein Rea­lis­mus! Da­zu passt, dass sich die Schau­spie­ler mit dem schle­si­schen Dia­lekt furcht­bar ab­pla­gen und die Zu­schau­er ge­nau hin­hö­ren müs­sen. Da­zu passt eben­falls, dass die Dörf­ler zu ei­nem ho­mo­ge­nen Chor (gut trai­niert von Chris­ti­ne Groß) ge­formt wur­den. Sprach­lich und kör­per­lich be­lau­ern sie das In­di­vi­du­um und kei­len es ein. Zum Auf­takt nach der Pau­se skan­die­ren sie als schril­le Gau­di-Trup­pe nerv­tö­tend Bi­bel­stel­len zwi­schen Buch Si­rach und Ephe­serB­rie­fe, in de­nen das weib­li­che Ge­schlecht er­nied­rigt wird.

So sehr Haupt­mann die Tü­cke, Ver­lo­gen­heit und Selbst­ge­rech­tig­keit die­ser Kon­trol­lGe­mein­schaft her­aus­ar­bei­tet, so sehr wird er je­dem Ein­zel­nen ge­recht. Selbst der Schlä­ger, Er­pres­ser und Ver­ge­wal­ti­ger Streck­mann sucht nach Lie­be. Gre­gor Bloéb formt ihn als Ma­cho, dem man an­merkt, dass er sich durch­aus hät­te an­ders ent­wi­ckeln kön­nen. Sein Pen­dant ist Chris­toph Flamm, der ge­schick­te Ver­füh­rer, der je­man­den für sei­ne auf­ge­stau­te Lust braucht und trotz al­lem sei­ne Frau ehrt. Nur stö­ren dür­fen die Wei­ber nicht, sie müs­sen funk­tio­nie­ren: beim Sex und bei der Ar­beit. Das zeigt Mar­kus John auf und ringt dem Pu­bli­kum so­gar Sym­pa­thi­en für sei­ne Fi­gur ab.

In die­ses Sche­ma passt Ro­se Bernd per­fekt. Und doch for­dert sie ih­ren Spaß ein, lässt sich am An­fang des Stücks laut­hals la­chend von Flamm be­sprin­gen und weiß, „ich bin stark.“Da darf man schon die un­ge­woll­te Schwan­ger­schaft mit ei­ner schnel­len Hoch­zeit re­geln. Angst vor Streck­mann, nein; ratsch, der Tau­be den Kopf um­ge­dreht und sie ge­rupft. Und doch ist hier der Kipp­punkt. Ro­se ahnt, dass bald ihr der Kopf um­ge­dreht wird. Sie kämpft, ih­re La­ge wird trotz­dem im­mer schlim­mer.

Li­na Beck­mann spielt die­ses tüch­ti­ge, mut­ter­lo­se Mäd­chen, das ih­re Ge­schwis­ter auf­zieht und für den Va­ter sorgt, bo­den­stän­dig und ge­rad­li­nig. Sie schil­dert ei­ne Selbst­be­wuss­te und ei­nen kind­li­chen Trotz­kopf. Wir emp­fin­den be­klom­men mit ihm, dass das Re­den der an­de­ren Be­drän­gung und Be­dro­hung ist, das ei­ge­ne Re­den müh­sa­me Aus­flucht. Die Schau­spie­le­rin er­zählt in über­zeu­gend na­tür­li­cher Kör­per­spra­che, wie Ro­se von Pa­nik um­klam­mert wird, wie sie wei­ter­kämpft bis zum Mein­eid. In ei­nem tief emp­fun­de­nen Aus­bruch – „Ich hab mich so ge­schamt!“– of­fen­bart Li­na Beck­mann all den un­ter­drück­ten Kum­mer Ro­ses und ein gro­ßes Trau­er­spiel. Ge­ra­de im Zu­sam­men­spiel mit der her­aus­ra­gen­den Ju­lia Wi­e­nin­ger (Frau Flamm) wach­sen bei­de Darstel­le­rin­nen an­ein­an­der. Und noch ein­mal stei­gert sich Beck­mann zum letz­ten Mo­no­log – dem ei­ner ihr Kind tö­ten­den Mut­ter. Er­grif­fe­nes Schwei­gen im Pu­bli­kum, da­nach be­geis­ter­ter Ju­bel.

BUCH

Ei­nen Klas­si­ker des His­to­ri­en­co­mics gibt es jetzt end­lich auch bei uns als Ge­samt­aus­ga­be in hoch­wer­ti­ger Gestal­tung und mit ei­nem klu­gen Vor­wort ver­se­hen: Der Spa­nier An­to­nio Hernán­dez Pa­la­ci­os (1921-2000) nahm sich in den Sieb­zi­gern der Ge­schich­te des kas­ti­li­schen Rit­ters aus dem 11. Jahr­hun­dert an: Ro­d­ri­go Díaz de Vi­var, ge­nannt El Cid, trieb an der Sei­te des In­fan­ten San­cho II. die Rück­er­obe­rung Süd­spa­ni­ens von den Mau­ren vor­an. De­tail­ver­liebt ge­zeich­net, meis­ter­haft.

LP

Ein At­ten­tat auf ihn im De­zem­ber 1976 in sei­ner Hei­mat Ja­mai­ka zwang Reg­gae-Star Bob Mar­ley zum Exil in Lon­don. Dort nahm er 1977 das Meis­ter­werk „Exo­dus“auf, mit Klas­si­kern wie dem Ti­tel­song oder „Turn your Lights down low“. Zum 40-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um kommt­derKlas­si­kern­u­nin ei­ner De­lu­xe-Ver­si­on da­her, mit vier LPs und zwei 7-Inch-Singles, dar­un­ter ne­ben Live-Auf­nah­men ei­ne von Mar­leys Sohn Zig­gy kom­plett neu pro­du­zier­te Ver­si­on des Al­bums. Für Fans ein Fest.

FOTOS: MO­NI­KA RITTERSHAUS/ SALZ­BUR­GER FEST­SPIE­LE

In­spi­riert von der Hal­lei­ner wie von der schle­si­schen Berg­werkstra­di­ti­on hat Vol­ker Hin­ter­mei­er ei­nen brei­ten schwar­zen Schacht auf die Büh­ne des al­ten Sa­li­n­en­ge­bäu­des ge­baut.

Aus Hal­lein be­rich­tet Si­mo­ne Dat­ten­ber­ger

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.