Ver­fal­len

Andrea Breths Ins­ze­nie­rung von Ha­rold Pin­ters „Die Ge­burts­tags­fei­er“für die Salz­bur­ger Fest­spie­le

Muenchner Merkur - - KULTUR -

Es sind Ver­fall und Ver­gäng­lich­keit, die Andrea Breth un­be­dingt und durch­aus un­ge­müt­lich in ih­rer Ins­ze­nie­rung von Ha­rold Pin­ters Dra­men­erst­ling „Die Ge­burts­tags­fei­er“mit auf­zei­gen möch­te. Die Salz­bur­ger Fest­spielP­re­mie­re wur­de am Frei­tag­abend im Lan­des­thea­ter ge­fei­ert, ab 3. Sep­tem­ber läuft die Pro­duk­ti­on am Wie­ner Burg­thea­ter. Der al­ler­größ­te Teil des Salz­bur­ger Pu­bli­kums setz­te sich an­ge­strengt, aber dann doch ge­spannt dem fast-ba­ro­cken Va­ni­tas-EkelFas­zi­no­sum aus – so­dass die sonst so her­be Breth mit über­rasch­tem Lä­cheln und so­gar Kuss­hand auf den Ap­plaus re­agier­te. Si­cher war ihr den­noch klar, dass ihr „Die Ge­burts­tags­fei­er“(1958 ur­auf­ge­führt) nicht so gut ge­lun­gen war, wie ihr wun­der­voll durch­ge­form­ter „Haus­meis­ter“am Münch­ner Re­si­denz­thea­ter 2014.

Pin­ter (1930-2008) reißt all­zu vie­le Mo­ti­ve an – vom An­ti­se­mi­tis­mus bis zum Ma­fi­a­thril­ler, von Ethik bis Eut­ha­na­sie. Die Ele­men­te will die Text-re­spekt­vol­le Re­gis­seu­rin nicht bei­sei­te­schie­ben. Sie ge­stal­tet dar­über hin­aus Pin­ters Sur­rea­lis­mus, der die Wirk­lich­keit zur Kennt­lich­keit ver­rückt. Und sie folgt dem No­bel­preis­trä­ger, der schon als An­fän­ger kei­ne Ant­wor­ten ge­ben moch­te und uns mit lau­ter of­fe­nen Fra­gen zu­rück­lässt. Er­staun­lich ak­tu­ell ist heu­te die­ses Ge­fühl des „al­ten“Exis­ten­zia­lis­mus, der nach Moral tas­te­te, aber Moral­apos­tel ver­ab­scheu­te, der nach dem gu­ten Leben such­te, und doch vol­ler Zwei­fel war.

Ha­rold Pin­ter bie­tet kaum Trost. Nur der un­schein­ba­re All­tag des Ehe­paars Meg (Ni­na Pe­tri) und Pe­tey (Pier­re Sie­gen­tha­ler) er­zählt ge­ra­de durch ab­ge­stan­de­ne Ri­tua­le et­wa beim Früh­stück von Ver­trau­en und Lie­be. Denn der Ehe­mann der leicht ge­stör­ten Meg schützt sie durch Ge­duld und Be­stän­dig­keit. Bei­de er­freu­en sich so­gar an dem fle­gel­haf­ten Pen­si­ons­gast St­an­ley (Max Si­mo­ni­schek). Ne­ben die­sem an­ge­deu­te­ten Drei­eck Va­ter-Mut­ter„Pu­ber­tier“spen­det Mar­tin Ze­het­gru­bers Büh­nen­bild ei­nen wei­te­ren Trost. Aus­ge­rech­net im Ver­fall. Denn die Na­tur – Sand und Strand­gras – er­obert sich das räu­di­ge Haus am Meer zu­rück. Am En­de ist das Boots­ge­rip­pe, das wir drau­ßen ahn­ten, im Zim­mer.

Das hilft je­doch nicht dar­über hin­weg, dass die Auf­füh­rung zäh star­tet: Pe­tri und Sie­gen­tha­ler ha­ben nur ei­ne Fa­cet­te für ih­re fein-in­ni­gen Fi­gu­ren. Zäh bleibt im Üb­ri­gen der ge­sam­te Abend, weil Andrea Breth nicht das rich­ti- ge Tem­po fin­det und es mit den Ver­frem­dun­gen zwi­schen Schwarz­blen­de, Zeit­lu­pe, und über­deut­li­chen Ge­räu­schen oben­drein ver­schleppt. So schwankt man als Zu­schau­er zwi­schen Er­mat­tung und Stau­nen über zahl­rei­che in­sze­na­to­ri­sche Klug­heits­Par­ti­kel.

Zug in den Abend kommt auch nicht mit St­an­leys Auf­tritt, der die müt­ter­li­che Meg schi­ka­niert. Si­mo­ni­schek ver- mag den schil­lern­den Au­ßen­sei­ter, der ziel­los da­hin­lebt und weiß, dass er ver­folgt wird, nicht zu fas­sen. Erst als die bei­den Hä­scher ir­gend­ei­nes Sys­tems in der dre­cki­gen Pen­si­on auf­tau­chen, kommt Leben in die Bu­de.

Für Gold­berg und McCann lässt Breth die Ram­pen­säue in Ro­land Koch und Oli­ver Sto­kow­ski aus dem Ko­ben. Die spie­len rich­tig auf. Durch­ge­knall­te Scher­gen in fei­nem Zwirn (Ko­s­tü­me: Jac­ques Reyn­aud) ha­ben es ja seit dem Fünf­zi­ger­jah­rePin­ter im Hol­ly­wood­film in al­len mög­li­chen Va­ri­an­ten auf die Lein­wand ge­schafft. Hier er­le­ben wir den Zwang­haf­ten, den Sto­kow­ski mit der, ja, Ele­ganz ei­nes Nuss­kna­ckers gibt (dass er Dia­lekt spre­chen muss, ist über­flüs­sig), und den End­los­schwät­zer. Koch in­sze­niert die Lo­gor­r­hö sei­ner Fi­gur als Kom­pen­di­um an Coa­ching- und Ethos-Flos­keln, an sen­ti­men­ta­len An­ek­do­ten und Schmei­che­lei­en. Wahr­heit und Lü­ge sind un­un­ter­scheid­bar. All die Wohl­an­stän­dig­keit geht mü­he­los über in Ver­hör-Ge­hirn­wä­che, Ver­füh­rung und Dro­hung.

Das füh­ren Pin­ter und Breth ge­wis­ser­ma­ßen par­al­lel zum Ent­glei­ten der Ge­burts­tags­fei­er ins Cha­os, das Gold- berg und McCann sys­te­ma­tisch her­bei­füh­ren – bis hin zum Mord­ver­such und zur Ver­ge­wal­ti­gung (Andrea Wenzl ist als Sex­ob­jekt recht kli­schee­haft). Sie, die auf das Wah­ren der Form so po­chen, zer­stö­ren sie lust­voll – und wer­den da­von mit­ge­ris­sen. St­an­ley ist am nächs­ten Tag ein Wrack, dem man nun wohl die ge­wünsch­te Form ver­pas­sen wird. Die Die­ner des Sys­tems, ins­be­son­de­re Gold­berg, sind an­ge­schla­gen. Hat sich bei ih­nen wo­mög­lich die Un­ord­nung ein­ge­nis­tet, wie ih­re hef­ti­gen Zun­gen­küs­se ver­mu­ten las­sen? Ist es ein Auf­be­geh­ren ge­gen den Tod oder der To­des­wunsch selbst? Der Ver­fall lau­ert über­all: vom Al­tern bis zum weg­ge­schnipp­ten Oh­ren­schmalz.

FO­TO: BERND UHLIG/ FEST­SPIE­LE

Zwei Ram­pen­säue spie­len auf: Ro­land Koch (li.) und Oli­ver Sto­kow­ski als Gold­berg und McCann, hier mit Andrea Wenzl (Lu­lu).

Aus Salz­burg be­rich­tet Si­mo­ne Dat­ten­ber­ger

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