Bei Jagd­un­fall Hand ver­letzt

Tho­mas Tu­chel ge­nießt beim FC Bay­ern ho­hes An­se­hen – un­kom­pli­ziert wür­de ei­ne Zu­sam­men­ar­beit nicht

Muenchner Merkur - - ERSTE SEITE -

Wäh­rend sich der FC Bay­ern auf der Su­che nach ei­nem neu­en Fuß­ball­trai­ner be­fin­det, macht sich der Ver­ein Sor­gen um sei­nen Fi­nanz­vor­stand Jan-Chris­ti­an Dree­sen. Der 50-Jäh­ri­ge zog sich bei ei­nem Jagd­un­fall in Ti­rol ei­ne schwe­re Fin­ger­ver­let­zung zu. Auf dem Weg zu­rück zum Au­to hat­te sich aus Dree­sens ge­schul­ter­tem Ge­wehr ein Schuss ge­löst. Die Ku­gel traf sei­ne lin­ke Hand.

– Das hät­te sich Fried­helm Fun­kel auch nicht ge­dacht, als er im Mai mit Mü­he den Ab­sturz in die drit­te Li­ga ver­hin­der­te. Vier Mo­na­te spä­ter be­legt der Trai­ner von Fortu­na Düs­sel­dorf wie­der ei­nen hin­te­ren Platz, aber dies­mal darf er ihn als Aus­zeich­nung emp­fin­den. Am Don­ners­tag, als Car­lo An­ce­lot­ti beim FC Bay­ern kaum ent­las­sen war, tauch­ten bald die ers­ten Quo­ten der Wett­an­bie­ter für po­ten­zi­el­le Nach­fol­ger auf. Fa­vo­rit war er­war­tungs­ge­mäß Tho­mas Tu­chel (1,90), auch Ju­li­an Na­gels­mann (4,50) er­schien plau­si­bel, wäh­rend der Ru­he­ständ­ler Heynckes (8,00), der Eu­ro­sport-Ex­per­te Mat­thi­as Sam­mer (10,00) und der Na­tio­nal­trai­ner Joa­chim Löw (17,00) es kaum an die Sä­be­ner Stra­ße schaf­fen wer­den. Und dann war da noch Fried­helm Fun­kel (40,00). Der Spit­zen­rei­ter der Zwei­ten Li­ga als iro­ni­sche Po­in­te.

Es ist ein na­he­lie­gen­der Ge­dan­ke, Tu­chel und den FC Bay­ern in Ver­bin­dung zu brin­gen. Al­lein schon, weil der frü­he­re Dort­mun­der so­fort ver­füg­bar wä­re, wäh­rend die an­de­ren Groß­ka­li­ber ei­ne WM vor sich oder TV-Ex­per­ti­sen ab­zu­ge­ben ha­ben, die Bay­ern auf dem Ra­sen är­gern (Ralph Ha­sen­hüttl/25,00) oder eben die Zwei­te Li­ga wei­ter auf­mi­schen wol­len.

Man ver­gisst es in die­sen Ta­gen leicht, weil so un­ge­heu­er viel ge­sche­hen ist, aber die Sai­son ist noch jung. Für die Bay­ern be­deu­tet dies, dass sie nicht nur ei­ne Über­gangs­lö­sung su­chen, um im Som­mer mit vol­ler Kraft wie­der an­zu­grei­fen. Es ist noch al­les drin, selbst in der Cham­pi­ons Le­ague, auch wenn der Grup­pen­sieg nur schwer zu rea­li­sie­ren sein wird. Dass Tu­chel das er­for­der­li­che For­mat hät­te, be­strei­tet nie­mand. Schon im Som­mer 2016 nann­te Karl-Heinz Rum­me­nig­ge ihn in ei­nem FAZ-In­ter­view „span­nend. Ich fin­de sei­ne Ent­wick­lung, sei­ne Fuß­ball­phi­lo­so­phie sehr gut.“Fach­lich wür­den die Bos­se ih­re Mann­schaft bes­tens auf­ge­ho­ben se­hen bei Tu­chel, des­sen Salz-und-Pfef­fer­streu­er-Ge­spräch mit Pep Guar­dio­la zum Le­gen­den­schatz der Bun­des­li­ga­ge­schich­te ge­hört und der prak­ti­scher­wei­se ein Haus in Mün­chen be­sitzt.

Schwie­ri­ger zu be­ant­wor­ten ist die Fra­ge, wie der nicht ganz pfle­ge­leich­te Mensch Tu­chel in den Bay­ern-Kos­mos pas­sen wür­de. Rum­me­nig­ge weist zwar das Sze­na­rio, sich in Tak­tik- und Auf­stel­lungs­fra­gen ein­zu­mi­schen, weit von sich. Doch we­der der Vor­stands­boss noch Uli Ho­en­eß, glei­cher- ma­ßen er­fah­ren wie er­folg­reich, ste­hen in dem Ruf, ei­nen Trai­ner wi­der­spruchs­los ge­wäh­ren zu las­sen. Auch in Pa­ris ver­such­ten sie – ver­geb­lich –, An­ce­lot­ti sei­ne fa­ta­le Auf­stel­lung aus­zu­re­den.

Tu­chel wie­der­um ist nie­mand, der ei­nem Kon­flikt aus dem We­ge geht, wenn es dar­auf an­kommt, Zie­le und Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen. So­wohl in Mainz als auch in Dort­mund hat er des- halb bei al­len Er­fol­gen und hand­werk­lich ta­del­lo­ser Ar­beit reich­lich ver­brann­te Er­de hin­ter­las­sen. Beim BVB es­ka­lier­ten die Span­nun­gen der­art, dass Chef­scout Sven Mis­lin­tat, der als Ent­de­cker et­li­cher Ta­len­te (Dem­bé­lé, Auba­meyang, Ka­ga­wa) ei­nen Ruf wie Don­ner­hall ge­nießt, auf dem Trai­nings­ge­län­de nicht mehr er­wünscht war. Den sel­ben Mis­lin­tat hät­ten die Bay­ern im Som­mer ger­ne als Nach­fol­ger ih­res Ka­der­pla­ners Micha­el Reschke ge­holt, doch in Dort­mund galt er als un­ver­zicht­bar. Dem Re­kord­meis­ter könn­te da­durch – falls Tu­chel tat­säch­lich kommt – ein di­plo­ma­ti­scher Draht­seil­akt er­spart blei­ben.

Ein­fach wür­de es wohl trotz­dem nicht wer­den. Wenn die Bay­ern-Bos­se sich nun mit ei­nem Schau­dern dar­an er­in­nern, wie um­fas­send Car­lo An­ce­lot­ti in den letz­ten Wo­chen ge­stan­de­ne Spit­zen­spie­ler brüs­kiert hat, soll­ten sie an Tu­chels letz­te Ta­ge in Dort­mund den­ken.

Was Franck Ri­be­ry, Ar­jen Rob­ben oder Mats Hum­mels für den Ita­lie­ner wa­ren, war für den da­ma­li­gen BVB-Trai­ner Nu­ri Sa­hin. Der Tür­ke, im Ruhr­ge­biet ge­bo­ren und längst im Stand ei­nes Ver­eins­hei­li­gen, war auch in schwie­ri­gen Zei­ten im­mer ei­ner der Chefs im Team – al­so wäh­rend der ge­sam­ten zwei Tu­chel-Jah­re. Beim DFB-Po­kal-Fi­na­le war er als Ver­tre­ter des schwer ver­letz­ten Ju­li­an Weigl in der Start­elf er­war­tet wor­den, stand dann aber nicht mal im Ka­der. Die kon­ster­nier­te Re­ak­ti­on von Ka­pi­tän Mar­cel Schmel­zer („Wir ste­hen kom­plett hin­ter Nu­ri“) gilt bis heu­te als bei­spiel­lo­ser Be­leg für die Ent­frem­dung zwi­schen Team und Trai­ner.

Sport­lich war Tu­chels Zeit beim BVB über je­den Zwei­fel er­ha­ben. Der Fuß­ball, den er spie­len ließ, war ähn­lich kom­plex und äs­the­tisch an­spruchs­voll wie der sei­nes Freun­des und Vor­bil­des Guar­dio­la. Tu­chel war ein kom­pro­miss­lo­ser Ta­lent­för­de­rer (Dem­bé­lé, Pu­li­sic, Weigl) und scheu­te nicht da­vor zu­rück, wäh­rend ei­nes Spiels die Tak­tik mehr­fach zu än­dern. Lang­wei­lig wür­de es mit ihm in Mün­chen ga­ran­tiert nicht wer­den. We­der auf dem Platz noch hin­ter den Ku­lis­sen.

FO­TO: REU­TERS

Zwei wie Salz und Pfef­fer: Für Tho­mas Tu­chel (r.) ist Pep Guar­dio­la Freund und Vor­bild.

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