Mer­kel spielt auf Zeit

Eu­ro­pa rich­tet sich auf ei­ne vier­te Amts­zeit der Kanz­le­rin ein. Den meis­ten ist das auch ganz recht. Aber ist An­ge­la Mer­kel im­mer noch die un­an­ge­foch­te­ne An­füh­re­rin? Da gibt es Zwei­fel.

Muenchner Merkur - - POLITIK - VON THO­MAS LANIG

– Das Ti­tel­bild des bri­ti­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins „Eco­no­mist“bringt es auf den Punkt: Im hel­len Licht­ke­gel am Mi­kro­fon ein strah­len­der fran­zö­si­scher Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron, da­hin­ter im Schat­ten ei­ne klei­ne, ir­gend­wie be­dröp­pelt drein­schau­en­de Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. „Der Schein­wer­fer rückt von Deutsch­land nach Frank­reich“, steht dar­un­ter. Ist das so? Beim EU-Son­der­gip­fel in Tal­linn, dem ers­ten in­ter­na­tio­na­len Auf­tritt Mer­kels nach der Bun­des­tags­wahl, ist ge­nau das die Fra­ge.

Ist die Kanz­le­rin durch ihr schlech­tes Er­geb­nis ge­schwächt, durch die schwie­ri­ge Re­gie­rungs­bil­dung mit FDP und Grü­nen so­gar ei­ne be­son­de­re Art der „la­me duck“, der po­li­tisch lah­men En­te, die nicht mehr viel ent­schei­den kann?

Beim Abend­es­sen am Don­ners­tag dür­fen Ma­cron und Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­anClau­de Juncker noch ein­mal aus ih­ren Re­form-Re­den zi­tie­ren, dann ist Mer­kel dran. Sie scheint ent­schlos­sen, dem Fran­zo­sen nicht mehr al­lei­ne die Deu­tungs­ho­heit über die Per­spek­ti­ven Eu­ro­pas zu über­las­sen. Nüch­tern wie im­mer, aber mit deut­li­chen Wor­ten, be­grüßt sie Ma­crons Ini- tia­ti­ve, spricht von ei­nem „gro­ßen Im­puls“. De­tails al­ler­dings, nun ja, die müss­ten na- tür­lich ge­prüft wer­den. Da­nach ent­schwin­det sie zu ei­nem Treff mit Ma­cron im klei­nen Kreis.

Am Frei­tag dann der Di­gi­tal-Gip­fel. Schnel­les In­ter­net, di­gi­ta­le Wirt­schaft und Be­hör­den, Cy­ber­si­cher­heit. Die Es­ten hal­ten sich für die di­gi­ta­len Welt­meis­ter, was nichts dar­an än­dert, dass bei den 600 Jour­na­lis­ten im Pres­se­zen­trum auch mal das In­ter­net schwä­chelt, wie so oft ir­gend­wo in Eu­ro­pa.

Na­tür­lich gibt es den Ver­dacht, Mer­kel wer­de sich um kla­re Po­si­tio­nen zu Ma­crons Plä­nen eher drü­cken, so­lan­ge ih­re neue Re­gie­rung nicht steht. Und eben­so er­wart­bar weist sie dies zu­rück und nennt aus­nahms­wei­se so­gar kon­kre­te Punk­te: Die „Har­mo­ni­sie­rung der Un­ter­neh­men­steu­ern und des In­sol­venz­rechts“könn­ten auch in den Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen The­ma sein. Knack­punk­te bei der Re­gie­rungs­bil­dung wer­den das si­cher nicht.

In Mer­kels Um­ge­bung gibt man sich ent­spannt und ver­sucht, die Auf­re­gung über Ma­cron ein we­nig zu dämp­fen. Die Re­form der EU sei schließ­lich ein lan­ger Pro­zess, zu­nächst müss­ten Zie­le for­mu­liert wer­den, dann Ver­fah­ren und For­ma­te. Und man­che The­men sei­en eben schwie­ri­ger als an­de­re. Bis ir­gend­et­was ent­schie­den wer­de, sei die neue Bun­des­re­gie­rung längst im Amt. Deut­scher Prag­ma­tis­mus ge­gen fran­zö­si­sches Pa­thos – so neu ist das al­les nicht.

FO­TO: DPA

Wer hat die Deu­tungs­ho­heit über die Per­spek­ti­ven Eu­ro­pas? Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron (links), Kanz­le­rin Mer­kel und Ös­ter­reichs Bun­des­kanz­ler Kern.

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