„Tau­zie­hen zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich“

Eu­ro­pa-Ex­per­te sieht Ma­crons Eu­ro­bud­get-Vor­schlag kri­tisch: Nach wel­chen Kri­te­ri­en wird das Geld ein­ge­setzt?

Muenchner Merkur - - POLITIK -

Über die Re­form­de­bat­te in der EU und die Vor­schlä­ge des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron spra­chen wir mit Bert Van Roo­se­be­ke vom Cen­trum für Eu­ro­päi­sche Po­li­tik in Freiburg.

Ge­hen Em­ma­nu­el Ma­crons Vor­schlä­ge grund­sätz­lich in die rich­ti­ge Rich­tung?

Zu­nächst ist zu be­grü­ßen, dass der fran­zö­si­sche Prä­si­dent über­haupt ei­ge­ne Vor­stel­lun­gen hat, was er mit der EU ma­chen will. Das war in der Ver­gan­gen­heit in Frank­reich wie auch in Deutsch­land nicht im­mer so ganz klar. Ma­cron hat vie­le Punk­te iden­ti­fi­ziert, die in die rich­ti­ge Rich­tung ge­hen: in der Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik, der Ein­wan­de­rungs- und Flücht­lings­po­li­tik, der Ener­gie- und Kli­ma­po­li­tik. Bei vie­len die­ser Fra­gen ha­ben die Men­schen er­kannt, dass ein Staat al­lei­ne die Pro­ble­me nicht mehr lö­sen kann.

Ein Kern­be­reich in Ma­crons Kon­zept ist die Re- form der Eu­ro­zo­ne. Brau­chen wir wirk­lich ei­nen Eu­ro-Fi­nanz­mi­nis­ter?

Die Fra­ge, ob wir am En­de ei­nen ei­ge­nen Eu­ro-Fi­nanz­mi­nis­ter ha­ben, ist nicht ent­schei­dend. Die wich­ti­ge­re Fra­ge ist: Wie viel Geld und wie vie­le Ri­si­ken sind wir be­reit, in der Eu­ro­zo­ne mit­ein­an­der zu tei­len?

Ma­cron for­dert ein ei­ge­nes Eu­ro­zo­nen-Bud­get in be­trächt­li­cher Hö­he. Ist das in deut­schem In­ter­es­se?

Wir ha­ben im Mo­ment gro­ße Un­gleich­ge­wich­te in der Eu­ro­zo­ne. Es ist of­fen­sicht­lich: Deutsch­land geht es sehr gut und an­de­ren nicht so gut. Deutsch­land muss sich die Fra­ge ge­fal­len las­sen, et­wa im Hin­blick auf die ho­hen Ex­port­über­schüs­se, ob dies lang­fris­tig im deut­schen In­ter­es­se ist. Das ist es nicht.

Mit wel­chen Mecha­nis­men kann man ge­gen­steu­ern?

Es gibt zwei Eck-Lö­sun­gen. Die ei­ne ist, dass die Län­der ih- re Wett­be­werbs­fä­hig­keit stär­ken. Die­se Ei­gen­ver­ant­wor­tung ei­nes je­den Staa­tes hat auch Ma­cron be­tont. Die an­de­re Lö­sun­gist die Mög­lich­keit zur Um­ver­tei­lung. Wir wer­den uns ir­gend­wo in der Mit­te zwi­schen bei­den Po­len be­we­gen. Ma­cron hat auch ge­sagt, dass kei­ne Alt­schul­den ver­ge­mein­schaf­tet wer­den sol­len.

Wor­auf muss Deutsch­land ach­ten?

Wenn es zur Um­ver­tei­lung kä­me, wä­re Deutsch­land ei­ner der größ­ten Net­to­zah­ler. Wir ha­ben al­so ei­ner­seits ein fi­nan­zi­el­les In­ter­es­se dar­an, die­se Um­ver­tei­lung so ge­ring wie mög­lich zu hal­ten und den Re­form­druck auf die an­de­ren Län­der so groß wie mög­lich. An­de­rer­seits hat Deutsch­land mit­tel­fris­tig kein In­ter­es­se dar­an, dass die Eu­ro­zo­ne aus­ein­an­der­fliegt, weil die Un­gleich­ge­wich­te zu groß wer­den. Da­sist im Prin­zip ein Tau­zie­hen zwi­schen Frank­reich und Sü­d­eu­ro­pa ei­ner­seits und Deutsch­land an­de­rer­seits.

Im Mo­ment hat Deutsch­land in Fi­nanz­fra­gen ein Ve­to­recht. Wie wird das künf­tig sein?

Nach Ma­crons Vor­stel­lun­gen sol­len die Re­gie­rungs­chefs künf­tig dar­über nicht mehr al­lei­ne ent­schei­den, son­dern es soll auch Kon­trol­le durch an­de­re Ak­teu­re, et­wa des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments, ge­ben.

Die Bun­des­re­gie­rung muss al­so dar­auf ach­ten, dass die Sum­me die­ses Bud­gets nicht zu groß wird?

Wich­tig ist die Fra­ge, nach wel­chen Kri­te­ri­en wird Geld ein­ge­setzt? Kurz­fris­tig hat der Net­to­zah­ler Deutsch­land na­tür­lich das In­ter­es­se, die Sum- me klein zu hal­ten und das Ri­si­ko da­mit zu mi­ni­mie­ren. Über­haupt muss man­sich aber fra­gen, ob ein sol­ches Bud­get in der Sa­che wirk­lich hilf­reich ist? Kann es Fi­nanz­schocks in der Eu­ro­zo­ne ab­fe­dern und da­mit zum Er­halt der Eu­ro­zo­ne bei­tra­gen?

Wie lau­tet Ih­re Ant­wort?

Ich bin eher skep­tisch, ob die der­zeit ge­han­del­ten Ide­en zum Aus­gleich in der Eu­ro­zo­ne bei­tra­gen. Denn da­zu braucht man sehr viel Geld, was wie­der­um die Re­for­m­an­rei­ze der Staa­ten schwächt. Das stellt zu­dem ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen. Kann der deut­sche Bun­des­tag so viel Geld jen­seits der ei­ge­nen Kon­trol­le nach Brüs­sel über­wei­sen? Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Bud­get­ho­heit des Bun­des­ta­ges be­tont. Wenn man so viel Geld an Brüs­sel ab­ge­ben will, braucht man ei­ne neue Ver­fas­sung.

Bert Van Roo­se­be­ke

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