Ja­mai­ka: Per­so­nal­ka­rus­sell dreht sich schon

Erst ganz am En­de von Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen klä­ren die Part­ner, wer wel­ches Amt er­hält. Wer glaubt, bis da­hin wür­den sich die Mi­nis­terKan­di­da­ten wie die Lämm­chen dar­an hal­ten, irrt fun­da­men­tal. Schon jetzt bro­delt die Ge­rüch­te­kü­che. Ein Über­blick.

Muenchner Merkur - - HINTERGRUND - VON TE­RE­SA DAPP, JÖRG BLANK UND CHRIS­TI­AN DEUTSCHLÄNDER

– Das Wah­l­er­geb­nis war noch kei­ne 24 St­un­den alt, da sag­te Ka­trin Gö­rin­gEckardt: „Dass im Re­gie­rungs­fall ich in je­dem Fall da ’ne Rol­le spie­len wer­de, das liegt auf der Hand.“Und muss­te kurz dar­auf klar­stel­len, dass sie da­mit kein Mi­nis­ter­amt be­an­sprucht ha­be, nicht doch, kei­nes­falls. So läuft das vor heik­len Son­die­rungs­ge­sprä­chen, wie sie CDU, CSU, FDP und Grü­ne bald füh­ren wol­len: Je­des Vor­pre­schen kann zum Pro­blem wer­den. Gar kein In­ter­es­se an­zu­mel­den oder zu spät, wä­re aber auch falsch.

Soll­te es zur Vie­rer-Ko­ali­ti­on kom­men, zeich­net sich ein un­ge­fäh­res Mo­dell der Ver­tei­lung der 14 Mi­nis­te­ri­en und des Bun­des­kanz­ler­amts mit dem Kanz­ler­amts­mi­nis­ter ab. Die Uni­on hält es für plau­si­bel, dass die klei­ne­ren Part­ner je drei Mi­nis­ter­ses­sel be­set­zen. Ver­mut­lich wer­den die Res­sorts auch neu zu­ge­schnit­ten. Die Zu­stän­dig­keit än­dert sich meis­tens, wenn ei­ne neue Re­gie­rung ge­bil­det wird. So wan­der­te et­wa der Be­reich Bau­en 2013 vom Ver­kehrs- ins Um­welt­res­sort, wäh­rend die Ener­gie­wen­de vom Um­welt- ins Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um um­zog. Ein Blick in die Par­tei­en:

ha­ben im Wahl­kampf Schwer­punk­te ge­setzt: Um­welt, so­zia­le Ge­rech­tig­keit, Eu­ro­pa. Was lä­ge da nä­her, als drei Mi­nis­te­ri­en zu be­an­spru­chen: Um­welt, Au­ßen und et­wa So­zia­les? Viel­leicht Fa­mi­lie, Ent­wick­lung oder auch ein neu­es In­te­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um, wie Öz­de­mir im Wahl­kampf an­ge­regt hat? Gö­ring-Eckardt hat ein „Su­per­mi­nis­te­ri­um für Ver­brau­cher­schutz“ge­for­dert, das auch für Um­welt, Kli­ma­schutz, Land­wirt­schaft, Ener­gie und Di­gi­ta­li­sie­rung zu­stän­dig sein soll.

Dass Gö­ring-Eckardt und Cem Öz­de­mir als Spit­zen­kan­di­da­ten Mi­nis­ter wer­den könn­ten, liegt auf der Hand. Nach grü­ner Lo­gik braucht es dann je­man­den vom lin­ken Par­tei­flü­gel, be­vor­zugt ei­ne Frau. Der Na­me Clau­dia Roth kur­siert. Aber auch Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter, der von al­len Spit­zen­grü­nen das klars­te Öko-Image hat, kä­me in­fra­ge; zwei Bay­ern. ist im Ge­gen­satz da­zu fast schon krampf­haft be- müht, die Bei­ne still­zu­hal­ten. Kei­ne Per­so­nal­lis­ten für Son­die­rungs­ge­sprä­che, die noch gar nicht ver­ab­re­det sind, und schon gar kei­ne De­bat­ten über Pos­ten. In ei­ner „Ja­mai­ka“-Ko­ali­ti­on bie­tet sich vor al­lem nach Wolf­gang Schäu­bles Wech­sel ins Bun­des­tags­prä­si­di­um die Chan­ce, das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zu be­set­zen und da­mit Eu­ro­pa­po­li­tik mit­zu­be­stim­men. Die Ent­sch­ei- dung wird zwi­schen Par­tei­chef Chris­ti­an Lind­ner und Wolf­gang Ku­bi­cki aus Schles­wig-Hol­stein fal­len. Ku­bi­cki wä­re gern Frak­ti­ons­chef. Da­zu müss­te Lind­ner ins Ka­bi­nett wech­seln und Vi­ze­Kanz­ler wer­den. Für den 38-jäh­ri­gen Po­li­to­lo­gen wä­re die Fi­nanz­po­li­tik ei­ne Her­aus­for­de­rung. Er wird über­le­gen, von wel­cher Po­si­ti­on aus er das Ziel bes­ser er­rei- chen kann, in vier Jah­ren mit kom­for­ta­blem Stim­men­pols­ter wie­der in den Bun­des­tag ein­zu­zie­hen. Zu­dem dürf­te die FDP nach dem Bil­dungs­und For­schungs­mi­nis­te­ri­um („welt­bes­te Bil­dung“) grei­fen und nach dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, das bei ei­nem Ein­wan­de­rungs­ge­setz ein Wört­chen mit­zu­re­den hät­te.

Nach ei­nem Be­richt der „Rhei­ni­schen Post“gab es be- reits ein ge­hei­mes Tref­fen zwi­schen FDP und Grü­nen. Dem­nach steue­re man für die Li­be­ra­len das Fi­nanz-, Bil­dungs- und Jus­tiz­res­sort an, für die Grü­nen das Au­ßen-, Ent­wick­lungs- und Um­welt­mi­nis­te­ri­um. Ein­ver­nehm­lich und sehr laut de­men­tie­ren die Par­tei­spit­zen das al­ler­dings. setzt trotz par­tei­in­ter­nen Ge­mur­res auf An­ge­la Mer­kel fürs Kanz­ler­amt. Oh­ne je­den Zwei­fel wird ihr en­ger Ver­trau­ter Peter Alt­mai­er ei­ne Schlüs­sel­rol­le spie­len. Da­für spricht auch, dass er die nächs­ten Wo­chen kom­mis­sa­risch das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ne­ben­her lei­ten wird. Ei­gent­lich hät­te Mer­kel da­mit auch den jun­gen und ehr­gei­zi­gen Staats­se­kre­tär Jens Spahn be­auf­tra­gen kön­nen.

Als si­cher gilt, dass die Uni­on ins­ge­samt das In­nen­res­sort be­hält. Auch Ver­tei­di­gung, Wirt­schaft und Ver­kehr lan­den wahr­schein­lich bei CDU oder CSU, Agrar, Ge­sund­heit und Ar­beit viel­leicht. Na­men sind noch of­fen. Tho­mas de Mai­ziè­re wird si­cher ir­gend­wo Mi­nis­ter blei­ben, Ur­su­la von der Ley­en und Her­mann Grö­he viel­leicht. Laut ver­nehm­bar ist in der CDU der Ruf nach neu­en Ge­sich­tern – Spahn et­wa für Ge­sund­heit und Bil­dung oder Mit­tel­stands­po­li­ti­ker Cars­ten Lin­ne­mann. Weil Mer­kel ger­ne die Hälf­te der CDU-Pos­ten im Ka­bi­nett mit Frau­en be­set­zen möch­te, wird auch über ei­nen Wech­sel der rhein­land­pfäl­zi­schen CDU-Che­fin Julia Klöck­ner nach Berlin spe­ku­liert.

woll­te un­be­dingt das In­nen­res­sort neu grei­fen, das mil­li­ar­den­schwe­re Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um be­hal­ten (Maut!) und Agrar oder Ent­wick­lung fort­füh­ren. Ob das als kleins­ter Ko­ali­ti­ons­part­ner so zu hal­ten ist, be­zwei­feln Par­tei­stra­te­gen schwe­ren Her­zens. Mög­li­cher­wei­se reicht es nur für Ver­tei­di­gung – er­schwe­rend kommt hin­zu, dass der fürs In­nen­res­sort vor­ge­se­he­ne Spit­zen­kan­di­dat Joa­chim Herr­mann kein Man­dat er­run­gen hat. Er könn­te zwar theo­re­tisch doch Mi­nis­ter wer­den, das al­ler­dings macht ihn stär­ker ab­hän­gig von Kanz­le­rin Mer­kel. Das wol­le er kei­nes­falls, sagt ein Vor­stands­mit­glied.

In CSU-Krei­sen kur­sie­ren da­zu zwei Ide­en. Ent­we­der bleibt Herr­mann ein­fach in Mün­chen, was die Lan­des­po­li­ti­ker freu­en wür­de. Oder es gibt ei­nen cle­ve­ren Tausch: Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus Herr­manns Hei­mat Er­lan­gen, der jun­ge Staats­se­kre­tär Stefan Mül­ler, könn­te in Mün­chen zum Mi­nis­ter be­ru­fen wer­den; Hoch­schu­le zum Bei­spiel, Mül­ler gilt in die­sem Feld als ver­siert. Ne­ben­ef­fekt: So­bald Mül­ler aus dem Bun­des­tag aus­schei­det, ist Herr­mann nach dem ak­tu­el­len Wahl­recht ers­ter Nach­rü­cker.

Wei­te­re Mi­nis­terkan­di­da­ten in der CSU sind Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er und Do­ro­thee Bär, bei­de ak­ti­ve oder ehe­ma­li­ge Staats­se­kre­tä­re im Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um. Falls die CSU das Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um be­hält, soll Gerd Mül­ler dort blei­ben. Ei­ner fliegt ga­ran­tiert aus dem Ka­bi­nett und ist da­mit sehr ein­ver­stan­den: Alex­an­der Do­brindt ist ja am Di­ens­tag an die Spit­ze der Lan­des­grup­pe ge­wählt wor­den.

FO­TOS: DPA/IMAGO

Ei­ne ziem­lich bun­te Wie­se, po­li­tisch be­trach­tet: Wie kann die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on zu­sam­men­fin­den?

Chris­ti­an Lind­ner, FDP, wird Mi­nis­ter, falls er will.

Clau­dia Roth, Grü­ne, ist ei­ne Kan­di­da­tin.

Peter Alt­mai­er, CDU, darf si­cher­lich blei­ben.

Joa­chim Herr­mann, CSU, hat (bis­her) kein Man­dat.

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