„Schul­sys­tem ist mit Le­gas­the­nie über­for­dert“

Schrei­ben Sechs, Le­sen Sechs – da bricht für vie­le El­tern ei­ne Welt zu­sam­men. Häu­fig steckt hin­ter den un­ge­nü­gen­den Schü­ler­leis­tun­gen ei­ne Form von Le­gas­the­nie. Dar­auf macht ein Ak­ti­ons­tag auf­merk­sam.

Muenchner Merkur - - BAYERN & REGION - VON DIRK WAL­TER

– In der Grund­schu­le fing es an, er­zählt An­to­nie Jä­ger. Ihr Sohn war noch nicht lan­ge in der Schu­le, da mel­de­te sich die Leh­re­rin: Mar­tin (Na­me ge­än­dert) ha­be Pro­ble­me beim Schrei­ben, sie emp­feh­le doch, das ge­nau­er an­zu­se­hen. Nach Tests bei ei­nem Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­ter stand fest, dass Mar­tin ei­ne Le­se- und Recht­schreib­schwä­che hat­te.

LRS – in sei­ner ma­ni­fes­ten Form Le­gas­the­nie ge­nannt – ist kei­ne Krank­heit. Die Kin­der sind we­der „ge­stört“noch „be­hin­dert“, stellt die Münch­ner Stif­tung Le­gaKids klar. Doch sie be­nö­ti­gen be­son­de­re För­de­rung, wenn sie Buchs­ta- ben wie b, d, p oder q ver­wech­seln, Lau­te durch­ein­an­der­brin­gen, al­so „Gro­ne“statt „Kro­ne“sa­gen oder nur Buch­sta­be für Buch­sta­be vor­le­sen. Ein bun­des­wei­ter Ak­ti­ons­tag am heu­ti­gen Sams­tag macht auf das The­ma auf­merk­sam.

Denn mit der Dia­gno­se fan­gen die Pro­ble­me erst an: Vie­le El­tern wür­den sich wün­schen, dass sie bei Le­gas­the­nie nicht an pri­va­te Nach­hil­fein­sti­tu­te ver­wie­sen wür­den, son­dern dass die Spe­zi­al­för­de­rung in der Schu­le statt­fin­det. Das aber ist nur be­grenzt der Fall. Für ge­schätzt 37 000 Schü­ler in Bay­ern mit fest­ge­stell­ter LRS gibt es zwar ei­nen Nach­teils­aus­gleich, teilt das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um mit. Das heißt: Die Schü­ler ha­ben bei Pro­ben mehr Zeit oder er­hal­ten ei­nen grö­ße­ren Feh­ler­schritt. In­di­vi­du­el­le För­de­rung ist je­doch den ein­zel­nen Schu­len über­las­sen – die sich aber auch um Mi­gran­ten­kin­der oder be­hin­der­te Schü­ler küm­mern sol­len. Da geht ein LRS-Kind oft un­ter. „Das staat­li­che Schul­sys­tem ist mit die­sen Kin­dern über­for­dert“, stellt An­to­nie Jä- ger fest. Oft wei­chen die Schü­ler auf pri­va­te Schu­len aus – so auch Mar­tin. Im Grund­schul­zeug­nis der 4. Klas­se stand bei ihm ei­ne Emp­feh­lung für die Mit­tel­schu­le. „Um ei­ne gu­te Schu­le zu fin­den, sind wir dann von Schu­le zu Schu­le ge­tin­gelt“, sagt die Münch­ne­rin – lan­ge ver­ge­bens. „Die meis­ten Schul­lei­ter ha­ben ab­ge­wun­ken: Sie hät­ten schon ein, zwei Le­gas­the­ni­ker in je­der Klas­se.“

Mar­tin durch­leb­te ei­ne Odys­see: Erst ging er auf ei­ne pri­va­te Re­al­schu­le, dann auf ei­ne so­ge­nann­te freie Schu­le, dann lan­de­te er auf der Mit­tel­schu­le, wo er so­eben sei­ne Mitt­le­re Rei­fe ge­macht hat. Oh­ne viel El­tern-Un­ter­stüt­zung und pri­va­te För­der­kräf­te („ein tol­ler Nach­hil­fe­leh­rer in Ma­the“) hät­te er das wohl nicht ge­schafft. Auch Le­gaKids half – für die Mut­ter sehr wich­tig, denn sie fühl­te sich, wie sie sagt, doch „ziem­lich al­lein ge­las­sen“. Le­gaKids ver­mit­tel­te ei­ne Grup­pe, wo Mar­tin sys­te­ma­tisch üb­te. „Es war wich­tig für ihn zu se­hen, dass auch an­de­re Schwie­rig­kei­ten ha­ben“, sagt sei­ne Mut­ter zu­frie­den. „Sein Ziel ist jetzt die FOS.“

FO­TO: OLI­VER BODMER

Er­leb­te Hö­hen und tie­fen mit ih­rem Sohn: Mut­ter An­to­nie Jä­ger.

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