Mi­nis­ter: Deutsch­land ver­nach­läs­sigt Mo­schee-Kon­trol­le

Ver­ei­nig­te Ara­bi­sche Emi­ra­te mah­nen die Bun­des­re­pu­blik, mus­li­mi­sche Got­tes­häu­ser bes­ser zu über­wa­chen – Bay­ern be­ob­ach­tet 80 Mo­sche­en

Muenchner Merkur - - POLITIK - M. MÄCKLER

– Nur we­ni­ge Mi­nu­ten be­vor Anis Am­ri mit ei­nem Lkw in den Weih­nachts­markt an der Ber­li­ner Ge­dächt­nis­kir­che fuhr, ent­stan­den auf­schluss­rei­che Bil­der. Auf­nah­men ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra zeig­ten den Tu­ne­si­er vor der be­rüch­tig­ten Fus­si­let-Mo­schee. Schnell wur­de klar, dass er sich hier, mit­ten in Ber­lin-Moabit, zu sei­ner Tat ent­schlos­sen hat­te. Die Mo­schee galt als Treff­punkt ra­di­ka­ler Sala­fis­ten.

Seit je­nem An­schlag vom De­zem­ber 2016, bei dem Am­ri zwölf Men­schen tö­te­te, schwelt die Dis­kus­si­on über zu la­sche Kon­trol­len du­bio­ser Got­tes­häu­ser und Ge­mein­de­zen­tren. Der jüngs­te Bei­trag kommt aus dem Na­hen Os­ten, na­ment­lich von Scheich Nah­jan Mu­ba­rak Al Nah­jan, der das Mi­nis­te­ri­um für To­le­ranz der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te lei­tet. Deutsch­land und an­de­re Län­der Eu­ro­pas kon­trol­lier­ten zu we­nig, sag­te er. „Man kann nicht ein­fach ei­ne Mo­schee öff­nen und je­dem er­lau­ben, dort­hin zu ge­hen und zu pre­di­gen. Es muss ei­ne Li­zenz da­für ge­ben.“

In den au­to­ri­tär re­gier­ten Emi­ra­ten am Golf ste­hen Mo­sche­en un­ter um­fas­sen­der Kon­trol­le. Ge­heim­diens­te und Si­cher­heits­kräf­te ha­ben weit­rei­chen­de Be­fug­nis­se. Bis­her konn­te das Land, das als USVer­bün­de­ter gleich­sam ein Feind der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) ist, gro­ße An­schlä­ge ver­hin­dern. Das Aus­wär­ti­ge Amt zählt es zu den si­chers­ten des Na­hen Os­tens. An­de­re Re­li­gio­nen ha­ben es dort al­ler­dings nicht leicht. Zwar be­steht Re­li­gi­ons­frei­heit auf dem Pa­pier. Christ­li­che Kon­fes­sio­nen sind aber nicht an­er­kannt, auch das Ver­tei­len christ­li­cher Li­te­ra­tur ist ver­bo­ten. Der To­le­ranz-Mi­nis­ter fühlt sich mit Blick auf die Mo­sche­en trotz­dem zu ei­nem Rat be­ru­fen: „Wir den­ken, dass auch in Eu­ro­pa et­was pas­sie­ren muss.“

Got­tes­häu­ser als Brut­stät­te des Has­ses? Es ist nicht ganz klar, wie vie­le Mo­schee­ge­mein­den es in Deutsch­land gibt. Schät­zun­gen ge­hen von rund 2700 aus, gut 400 da­von im Frei­staat. Der Baye­ri­sche Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet zur­zeit rund 80 Mo­sche­en. In al­len ge­be es Hin­wei­se auf ex­tre­mis­ti­sches Ge­dan­ken­gut, sagt Be­hör­den-Spre­cher Mar­kus Schä­fert. Al­ler­dings legt er Wert auf Dif­fe­ren­zie­rung.

Die meis­ten der 80 Mo­sche­en sei­en vom le­ga­lis­ti­schen Is­la­mis­mus be­ein­flusst, der „ex­tre­mis­ti­sche Zie­le mit ge­walt­frei­en Mit­teln“ver­fol­ge. Über­spitzt könn­te man sa­gen: Dort sind Leu­te am Werk, die den Got­tes­staat her­bei­mis­sio­nie­ren wol­len. Der An­teil der Ge­bets­häu­ser mit sala­fis­ti- schen Ten­den­zen ist da­ge­gen ge­ring. Der Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2016 nennt ge­nau fünf, dar­un­ter die El-Sa­lam-Mo­schee in Mün­chen und die Mas­jid ibn Tay­miy­yah Mo­schee in Nürn­berg – wo­bei das nur die­je­ni­gen sind, bei de­nen es aus­rei­chend Hin­wei­se auf ra­di­ka­les Ge­dan­ken­gut gibt. In meh­re­ren Fäl­len, sagt Schä­fert, sei nicht die gan­ze Mo­schee das Pro­blem, son­dern ein­zel­ne Gläu­bi­ge. Und so­bald es um Wer­bung für den Dschi­had ge­he, ver­schie­be sich der Fo­kus. Die fin­de in ers­ter Li­nie in WhatsApp-Grup­pen, so­zia­len Netz­wer­ken und Freun­des­krei­sen statt.

Das The­ma ist hei­kel, auch beim Ver­fas­sungs­schutz. „Es soll­te nicht der Ein­druck ent­ste­hen, Bay­erns Mo­sche­en sei­en ein Hort des Ex­tre­mis­mus“, sagt Schä­fert. Man be­ob­ach­te nur ei­nen sehr klei­nen Teil der Mus­li­me. Trotz­dem ist das Mo­schee-Pro­blem re­le­vant, im Frei­staat wie auch bun­des­weit. Das zeigt et­wa die Ver­haf­tung des Pre­di­gers Abu Wa­laa, der jun­ge Mus­li­me für den Dschi­had an­ge­wor­ben ha­ben soll – und auch Kon­takt zu Am­ri hat­te. Er steht in Cel­le vor Ge­richt. Sein Netz­werk, sag­te ges­tern ein Kron­zeu­ge, ge­nie­ße beim IS ho­hes An­se­hen.

Scheich Nah­jan glaubt, Eu­ro­pa müs­se an die Wur­zel des Pro­blems ge­hen, und emp­fiehlt so­wohl ei­ne ein­heit­li­che Aus­bil­dung von Ima­men als auch ei­ne Pre­digt-Li­zenz. Die Emi­ra­te, sagt er, hät­ten mehr­mals ih­re Hil­fe an­ge­bo­ten. Stand der Din­ge ist: Bei der Aus­wahl der Pre­di­ger, die meist aus dem Aus­land kom­men, spielt der deut­sche Staat kei­ne Rol­le. For­de­run­gen nach ei­nem Is­lam­ge­setz mit kla­ren Aus­bil­dungs­re­geln sind bis­her ver­san­det. Und die Aus­sich­ten auf Ve­rän­de­rung sind mau. Das baye­ri­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um er­klär­te vor ei­ni­gen Wo­chen, man se­he „kei­ne Rechts­grund­la­ge da­für, dass der Staat die Aus­bil­dung von Ima­men aus­ge­stal­tet“.

FO­TO: DPA

Mi­nis­ter für To­le­ranz: Scheich Nah­jan rät Deutsch­land da­zu, Ima­me aus­zu­bil­den – und bie­tet Hil­fe an.

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