Die bit­te­ren Trä­nen der Az­zur­ri

Erst­mals seit 60 Jah­ren fährt Ita­li­en nicht zu ei­ner Fuß­ball-WM. Das spek­ta­ku­lä­re Aus wirft ein Schlag­licht auf den trost­lo­sen Zu­stand des gan­zen, tief ge­spal­te­nen Lan­des. Die Kor­rup­ti­on blüht, die In­fra­struk­tur ver­rot­tet. Ita­li­en kämpft mit sich selbst.

Muenchner Merkur - - POLITIK -

– „Wir sind nicht nur sport­lich, wir sind auch so­zi­al ge­schei­tert.“Die Wor­te, die Ita­li­ens Tor­wart­le­gen­de Gi­gi Buf­fon nach Spie­len­de un­ter Trä­nen in die Ka­me­ras sprach, brin­gen das gan­ze Aus­maß der Mi­se­re sei­nes Lan­des auf den Punkt. „Apo­ka­lyp­se“, ti­telt am Tag da­nach ei­ne gro­ße Ta­ges­zei­tung, „Na­tio­na­le Schan­de“ei­ne an­de­re. Der Satz Buf­fons wird nicht nur zum Schla­ger in den so­zia­len Netz­wer­ken; er legt viel­mehr scho­nungs­los of­fen, wie es um das stol­ze Land mit sei­nem kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Er­be steht.

Der ita­lie­ni­sche Fuß­ball – der ge­ra­de in Kri­sen­zei­ten als ei­ne Art so­zia­ler Kitt dient – wirkt da­bei wie ein Brenn­glas für den im­men­sen Pro­blem­stau auf dem Stie­fel und das täg­lich zu be­ob­ach­ten­de Ver­sa­gen der po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Eli­ten. Aus­ge­rech­net das Na­tio­nal­hei­lig­tum Fuß­ball hat zu­letzt dunk­le Fle­cken be­kom­men.

Ju­belnd rann­te un­längst ein Tor­jä­ger nach dem Füh­rungs- tref­fer quer übers Spiel­feld zur Fan­tri­bü­ne. Vor den skan­die­ren­den Ti­fo­si er­hob er die Hand zum „rö­mi­schen Gruß“, der fa­schis­ti­schen Va­ri­an­te des Hit­ler­gru­ßes. Dann riss er sich das Tri­kot vom Leib und ent­blöß­te ein schwar­zes T-Shirt mit dem Wap­pen Mus­so­li­nis. Pi­kant: Der Vor­fall er­eig­ne­te sich aus­ge­rech­net im Sta­di­on von Marz­abot­to; je­ner Kle­in­stadt, in der SS-Trup­pen 1944 ein Mas­sa­ker an 770 Zi­vi­lis­ten be­gin­gen. Man könn­te das als Ge­schmack­lo­sig­keit ab­tun. Doch der­ar­ti­ge Pro­vo­ka­tio­nen sind im ita­lie­ni­schen Fuß­ball seit Jah­ren an der Ta­ges­ord­nung. Der Na­tio­nal­sport ver­kommt zum Tum­mel­platz für Rechts­ex­tre­me.

Seit Jah­ren kom­men Ita­li­ens Li­gen nicht zur Ru­he: Par­ti­en wer­den ver­scho­ben, Spie­ler ge­kauft, Ma­na­ger we­gen Kor­rup­ti­on hin­ter Git­ter ge­schickt. Die Ma­fia ge­winnt trotz ge­wal­ti­ger An­stren­gun­gen der Jus­tiz wie­der al­lent­hal­ben an Bo­den. Auch der Pro­fi­fuß­ball ist sys­te­ma­tisch von ma­fiö­sen Struk­tu­ren un­ter­wan­dert wor­den; das lu­kra­ti­ve Bu­si­ness gilt als idea­le Geld­wä­sche­ma­schi­ne. Es ist ei­ne un­gu­te Ver­bin­dung, die sich zwi­schen Ma­fi­a­clans, Sport und Rechts­ex­tre­mis­mus auf­ge­tan hat; die Si­cher­heits­be­hör­den sind alar­miert.

Bei­spiel Os­tia, der an­ti­ke rö­mi­sche Ha­fen: Das See­bad ist längst zu ei­ner Vor­stadt Roms ge­wor­den, al­le so­zia­len Pro­ble­me ein­ge­schlos­sen. Vor zwei Jah­ren wur­de der lo­ka­le Stadt­rat we­gen Ma­fia-Ver­bin­dun­gen auf­ge­löst und un­ter Zwangs­ver­wal­tung ge­stellt. Am kom­men­den Sonn­tag gibt es nun Neu­wah­len. Doch die ste­hen auf der Kip­pe: Re­cher­chen von Zei­tun­gen zu­fol­ge ist die Lis­te der hier tra­di­tio- nell star­ken neo­fa­schis­ti­schen FdI vom Ma­fia-Clan der Fa­mi­lie Spa­da un­ter­wan­dert; de­ren Boss wur­de we­gen Stim­men­kaufs ver­haf­tet. Als ein TVTeam des Sen­ders RAI 1 den Bru­der des In­haf­tier­ten, selbst Kan­di­dat für den Stadt­rat, zur Re­de stel­len woll­te, schlug die­ser den Reporter vor lau­fen­den Ka­me­ras mit ei­nem Base­ball­schlä­ger kran­ken­haus­reif. In­nen­mi­nis­ter Mar­co Min­niti hat nun per­sön­lich die Kon­trol­le über die Wahl in Os­tia über­nom­men, um Ma­ni­pu­la­tio­nen vor­zu­beu­gen.

Der Fall ist bei­spiel­haft da­für, wie sich Ma­fia-Clans in Rom und Nea­pel, in Si­zi­li­en und Apu­li­en, aber auch in Mai­land oder im Ve­ne­to die Macht vom Staat zu­rück­er­obern. Sie sto­ßen in ein Va­ku­um, das der po­li­ti­sche Dau­er­streit in Rom hin­ter­lässt. Seit al­le Par­tei­en nur noch auf die im Früh­jahr an­ste­hen­den Neu­wah­len schie­len, wird das Land kaum noch re­giert. Still­stand, wäh­rend die In­fra­struk­tur ver­rot­tet und das kul­tu­rel­le Er­be brö­ckelt. In der Kir­che San­ta Cro­ce in Flo­renz et­wa, in der sich die Grä­ber Mi­che­lan­ge­los, Dan­tes und Ga­li­leis be­fin­den, er­schlug neu­lich her­ab­fal­len­des Mau­er­werk ei­nen Tou­ris­ten. Ähn­li­che Vor­fäl­le sind an der Ta­ges­ord­nung.

Die Re­gie­rungs­par­tei PD lie­fert sich der­weil auf of­fe­ner Büh­ne ei­nen Akt der Selbst­zer­flei­schung, so­dass vie­len Ita­lie­nern der 82-jäh­ri­ge Sil­vio Ber­lus­co­ni wie­der als Hoff­nungs­trä­ger gilt. „Wir sind auch so­zi­al ge­schei­tert.“Buf­fons trau­ri­ge Wor­te dürf­ten noch lan­ge nach­hal­len. Nach sei­ner Rück­tritts­er­klä­rung hat der li­ba­ne­si­sche Pre­mier­mi­nis­ter Saad Har­i­ri an­ge­kün­digt, in­ner­halb von zwei Ta­gen aus Sau­di-Ara­bi­en in sei­ne Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. An­ge­sichts der Ge­rüch­te, er sei von Ri­ad zu der Rück­tritts­an­kün­di­gung An­fang No­vem­ber ge­zwun­gen wor­den und wer­de dort fest­ge­hal­ten, rief er da­zu auf, Ru­he zu be­wah­ren. Be­waff­ne­te Ta­li­ban ha­ben meh­re­re Po­li­zei­pos­ten im Sü­den und Wes­ten Af­gha­nis­tans an­ge­grif­fen und da­bei min­des­tens 37 Si­cher­heits­kräf­te ge­tö­tet. Die ra­di­kal­is­la­mi­schen Kämp­fer at­ta­ckier­ten in der Nacht zum Di­ens­tag 15 Stütz­punk­te in der Pro­vinz Kan­da­har, wie ein Po­li­zei­spre­cher sag­te. VON IN­GO-MICHAEL FETH

FO­TO: AFP

Das sport­li­che De­sas­ter, das sinn­bild­lich fürs Land steht. Ein Zei­tungs­ver­käu­fer am Mon­tag in Rom.

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