Die Ver­wand­lung

In der ZDF-Neo-Pro­duk­ti­on „Die Lob­by­is­tin“spielt Ro­sa­lie Tho­mass ei­ne Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, die die Sei­ten wech­selt

Muenchner Merkur - - MEDIEN -

Eva Blu­men­thal ist Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te. Jung, blond, kom­pe­tent, idea­lis­tisch. Das klingt so, als könn­te das nicht gut ge­hen. Geht es auch nicht. Ir­gend­je­mand will ih­re Kar­rie­re in der Po­li­tik be­en­den, be­vor sie so rich­tig be­gon­nen hat und spielt ei­nem Par­tei­freund kom­pro­mit­tie­ren­des Ma­te­ri­al zu, das be­wei­sen soll, dass sie be­sto­chen wur­de. „Frau Blu­men­thal, Sie ha­ben noch ei­ne gro­ße Zu­kunft vor sich, aber viel­leicht nicht als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te“, raunt ihr der mäch­ti­ge Chef ei­ner Lob­by­agen­tur zu. Da weiß sie noch nicht, dass sie ge­ra­de Op­fer ei­ner In­tri­ge wird, ihr Bun­des­tags­man­dat zu­rück­ge­ben muss und tat­säch­lich die Sei­ten wech­selt.

Die Idea­lis­tin wan­delt sich zur Op­por­tu­nis­tin, die ih­re Sa­che ver­dammt gut macht. Das gilt auch für Ro­sa­lie Tho­mass (30, „Bes­te Chan­ce“, „Ei­ne un­er­hör­te Frau“), die in

die Ti­tel­rol­le der Eva Blu­men­thal spielt. Die neue Se­rie, die sechs Tei­le zu je 30 Mi­nu­ten um­fasst, star­tet heu­te um 21.45 Uhr auf ZDF Neo. Al­le Fol­gen ste­hen ab so­fort auch in der ZDFMe­dia­thek zum Ab­ruf be­reit. In der ers­ten Fol­ge muss Blu­men­thal noch ler­nen, wie Lob­by­ar­beit geht. Ihr Kol­le­ge Hol­ger Tho­mas (Da­ni­el Aichin­ger) weiht sie beim Som­mer­emp­fang des Braue­rei­ver­ban­des ins Hand­werk ein. Und schon bald zeigt sie ihm, dass sie es längst ver­stan­den hat und schafft es, ein Ge­setz zur Ver­schär­fung der Pro­mil­le­gren­ze zu ver­hin­dern – ganz zum Ge­fal­len ih­res neu­en Ar­beit­ge­bers und der­je­ni­gen, die da­für be­zah­len.

Ihr Chef Wolf­gang Zie­lert, von Bern­hard Schir („Das Sa­cher“) so aal­glatt, prin­zi­pi­en­los und un­sym­pa­thisch ge­spielt, wie Lob­by­is­mus­kri­ti­ker es sich nur wün­schen kön­nen, ver­langt von ihr al­ler­dings gleich an­schlie­ßend, sie sol­le ih­ren frü­he­ren Chef, Wirt­schafts­mi­nis­ter Ber­tram Kai­ser (Max Ur­la­cher), mit In­for­ma­tio­nen zu an­geb­li­chen Fäl­schun­gen in sei­ner Dok­tor­ar­beit un­ter Druck set­zen. Denn der will beim Er­neu­er­ba­re-Ener­gi­en-Ge- setz nicht so, wie der mäch­ti­ge Ener­gie­kon­zern EWO es möch­te. Als er dar­auf­hin tot in der Spree ge­fun­den wird, stellt sich die Fra­ge, ob das nur ein Un­fall war.

Die Se­rie will „De­bat­ten an­sto­ßen, po­la­ri­sie­ren, man­che Fra­gen auch of­fen in den Raum stel­len, da­mit sich der Zu­schau­er sei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den kann“, wie ZDFRe­dak­teur Mar­tin R. Ne­u­mann es for­mu­liert. Das ist viel­leicht et­was dick auf­ge­tra­gen. Die Dis­kus­sio­nen um die „Lob­by­is­tin“ha­ben al­ler­dings tat­säch­lich längst be­gon­nen. Har­te Kri­tik gab es schon vier Wo­chen vor dem Start beim Bran­chen­dienst „Mee­dia“. Der be­schei­nig­te der Se­rie „un­fass­bar ab­sur­de Dreh­buch­ein­fäl­le“und hielt ihr vor, „völ­lig miss­ra­ten“zu sein.

Es stimmt, die Se­rie ist nicht frei von Kli­schees. Chef­lob­by­ist Zie­lert ist skru­pel­los und eis­kalt, ein Ma­chia­vel­list, dem je­des Mit­tel recht ist. Po­li­tik er­scheint als bru­ta­les Spiel, in dem Nar­ziss­mus und Macht­gier mehr zäh­len als Über­zeu­gun­gen – auch das ist viel­leicht et­was schlicht ge­strickt. Das Re­gie­rungs­vier­tel wirkt wie ei­ne ab­ge­kap­sel­te Welt mit bi­zar­rem Ei­gen­le­ben, die hip­pe Woh­nung von Eva Blu­men­thal wie aus dem Ka­ta­log ei­nes Mö­bel­hau­ses. Aber wie stellt man den Ber­li­ner Po­li­tik­be­trieb dar, oh­ne zu sehr zu über­trei­ben und trotz­dem span­nen­de Ge­schich­ten zu er­zäh­len? Nur we­ni­ges, was das deut­sche Fern­se­hen in die­sem Mi­lieu hat spie­len las­sen, blieb in Er­in­ne­rung

„Lob­by­is­tin“-Re­gis­seur Sven Na­gel, der zu­sam­men mit Mi­ka Kall­wass auch die Dreh­bü­cher ge­schrie­ben hat, ist in die­ser Hin­sicht eher der Mann fürs Gro­be. Aber die Se­rie ist in je­dem Fall span­nend und un­ter­hal­tend – und das The­ma erns­ter zu neh­men als vie­le an­de­re, aus de­nen im deut­schen Fern­se­hen Se­ri­en ge­strickt wer­den. Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass Ro­sa­lie Tho­mass in der Rol­le der erst skru­pu­lö­sen, aber dann eben doch aus­ge­spro­chen ef­fi­zi­en­ten Lob­by­is­tin rich­tig glän­zen kann – viel­leicht ja so­gar noch in ei­ner zwei­ten Staf­fel. Das Team der ARD-Talk­show „An­ne Will“hat sich für ei­nen Kameraschwenk über die Bei­ne von Ve­ro­na Pooth (Fo­to) ent­schul­digt. Die Re­gie hat­te in der Sen­dung am Sonn­tag­abend zum The­ma Se­xis­mus ei­ne Ka­me­ra­fahrt von Pooths ro­sa Stö­ckel­schu­hen auf­wärts ge­zeigt, wäh­rend „Vice“-Chef­re­dak­teu­rin Laura Him­mel­reich sprach. „Der Kameraschwenk ging gar nicht! Das wi­der­spricht un­se­ren re­dak­tio­nel­len und bild­li­chen Grund­sät­zen. Der Re­gis­seur be­dau­ert den Feh­ler“, hieß es da­zu jetzt. Pooth selbst blieb ge­las­sen: „Der ar­me Ka­me­ra­mann – war­um soll er denn nicht die­sen Schwenk ma­chen?“, sag­te sie der „Bild“-Zei­tung. „Das ist si­cher nicht se­xis­tisch.“ Die SPD im Baye­ri­schen Land­tag hat die Ent­schei­dung des Baye­ri­schen Rund­funks (BR) kri­ti­siert, das Ju­gend­ma­ga­zin „Puls TV“aus Kos­ten­grün­den und we­gen schlech­ter Zu­schau­er­zah­len zum Jah­res­en­de aus dem Pro­gramm zu neh­men. „Die Quo­te ist kein Ar­gu­ment“, so die Ab­ge­ord­ne­te Isa­bell Zacha­ri­as ges­tern ge­gen­über un­se­rer Zei­tung. Wenn es da­nach gin­ge, dürf­ten die Öf­fent­lich­Recht­li­chen nur noch Fuß­ball zei­gen: „Der BR hat ei­nen Bil­dungs­auf­trag, der auch für das jun­ge Pu­bli­kum gilt.“Nach ih­ren In­for­ma­tio­nen be­tra­ge die Ein­spa­rung ge­ra­de ein­mal 44 000 Eu­ro im Jahr: „Für mich erst recht ein Grund, an ,Puls TV‘ fest­zu­hal­ten.“Der BR hat­te mit­ge­teilt, das don­ners­täg­li­che For­mat mit Aria­ne Al­ter und Se­bas­ti­an Mein­berg aus­lau­fen zu las­sen. Die In­hal­te wer­de es je­doch wei­ter­hin ge­ben, un­ter an­de­rem in der Me­dia­thek, bei Youtube und bei Funk, dem jun­gen An­ge­bot von ARD und ZDF.

FO­TO: ZDF

„Sor­gen Sie da­für, dass das Ge­setz so nicht be­schlos­sen wird“: Eva Blu­men­thal (Ro­sa­lie Tho­mass) lernt schnell, wie Lob­by­is­mus geht, sehr zur Freu­de ih­res Chefs Wolf­gang Zie­lert (Bern­hard Schir).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.