STRESSTEST

In Deutsch­land lei­den et­wa ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen an ei­ner Schmerz­mit­tel­ab­hän­gig­keit, dar­un­ter deut­lich mehr Frau­en. Die Ur­sa­che: der enor­me Druck, im­mer funk­tio­nie­ren zu müs­sen. Ei­ne Le­se­rin er­zählt...

MYWAY - - VORDERSEITE - TEXT: Kers­tin Kro­pac ● Fo­tos: Ne­le Mar­ten­sen

Wie zu viel Druck in die Ta­blet­ten­sucht trei­ben kann – was dann hilft.

Der schmerz­me­di­zi­ner Dr. Flo­ri­an Li­enau schaut ernst: „Frau Hol­lask, wie häu­fig neh­men sie schmerz­mit­tel?“„Na, je nach Be­darf. Aber be­stimmt an vier oder fünf Ta­gen in der Wo­che.“Der Arzt lässt nicht lo­cker: „Ich fra­ge mal an­ders: Wie oft neh­men sie denn kei­ne?“In die­sem Mo­ment wird Uta Hol­lask zum ers­ten Mal klar, dass sie ein Pro­blem hat – und zwar ein gro­ßes. Ihr Arzt be­stä­tigt ihr durch sei­ne Dia­gno­se: Die be­rufs­tä­ti­ge Mut­ter ist ta­blet­ten­ab­hän­gig.

FA­MI­LIE, HAUS­HALT UND BE­RUF – DA BLEIBT KEI­NE ZEIT Für KOPF­SCHMER­ZEN

Uta Hol­lask ist Kran­ken­schwes­ter. Und sie ist es gern. Für ei­nen pri­va­ten Pfle­ge­dienst ver­sorgt sie Pa­ti­en­ten, die rund um die Uhr be­at­met wer­den müs­sen. „Da durf­te ich nicht aus­fal­len. Ich konn­te die mir An­ver­trau­ten schließ­lich nicht un­ver­sorgt las­sen.“Des­halb rafft sie sich auf – selbst wenn ih­re Mi­grä­ne sie mal wie­der quält. „Ich ha­be dann schnell ein schmerz­mit­tel ge­schluckt – und wei­ter ging’s.“An be­son­ders stres­si­gen Ta­gen nimmt sie gleich mor­gens ei­ne Ta­blet­te zum Früh­stück – vor­sichts­hal­ber. „Da­mit der schmerz erst gar nicht kommt.“Nach Fei­er­abend rast sie nach Hau­se. Ihr sohn war­tet dar­auf, dass Uta Hol­lask ihn zum Fuß­ball­trai­ning fährt. Dann Wä­sche ma­chen, das Abend­es­sen vor­be­rei­ten – schließ­lich will die Fa­mi­lie ein­mal am Tag warm es­sen. Und vor dem schla­fen­ge­hen al­les wie­der schön auf­räu­men. „Ich war Per­fek­tio­nis­tin. Al­les muss­te or­dent­lich sein, al­les muss­te ge­ra­de hän­gen. An­statt mich mal hin­zu­le­gen, wenn es mir nicht gut ging, ha­be ich eher noch ei­ne zwei­te Ta­blet­te ge­schluckt, um al­les zu schaf­fen.“Manch­mal fragt ihr Mann be­sorgt: „Nimmst du jetzt schon wie­der ei­ne?“Dann ant­wor­tet Uta Hol­lask: „Klar, ich ha­be schließ­lich Kopf­schmer­zen...“Nie­mals hät­te sie da­mit ge­rech­net, ab­hän­gig zu wer­den. Al­ko­hol­sucht – das kennt man. Auch Dro­gen­sucht. Aber schmerz­ta­blet­ten? „Die gibt’s re­zept­frei in der Apo­the­ke, je­der nimmt sie.“Pro Jahr ge­hen in deut­schen Apo­the­ken im­mer­hin et­wa 200 Mil­lio­nen Pa­ckun­gen über den La­den­tisch: Nicht um­sonst wer­den Ibu­pro­fen und Ass als Ko­ka­in des klei­nen Man­nes (und Frau) be­zeich­net.

Doch IR­GEND­WANN Lässt DIE WIR­KUNG DER TA­BLET­TE NACH ...

Bei ei­ner re­gel­mä­ßi­gen schmerz­mit­tel­ein­nah­me re­agiert der Kör­per, so­bald der Wirk­stoff nach­lässt – und zwar aus­ge­rech­net mit Kopf­schmer­zen. ärz­te nen­nen das schmerz­mit­tel­in­du­zier­te Kopf­schmer­zen. oder an­ders: Ent­zugs­er­schei­nun­gen. Um die zu be­täu­ben, grei­fen die Be­trof­fe­nen er­neut zur Ta­blet­te: Der Teu­fels­kreis be­ginnt... Fünf bis acht Pro­zent al­ler Kopf­schmerz­pa­ti­en­ten ent­wi­ckeln ei­ne schmerz­mit­tel­ab­hän­gig­keit, neun von zehn sind Frau­en. „Wer in drei hin­ter­ein­an­der­fol­gen­den Mo­na­ten an min­des­tens zehn Ta­gen Ta­blet­ten nimmt, ist schon ge­fähr­det“, er­klärt Dr. Flo­ri­an Li­enau von der As­kle­pios Kli­nik Nord­heid­berg. Be­son­ders häu­fig be­trof­fen: Frau­en zwi­schen 40 und 50. Frau­en wie Uta Hol­lask. Die

45-Jäh­ri­ge wird so­fort nach ih­rem Ge­spräch sta­tio­när auf­ge­nom­men. Für zwei Wo­chen. Dr. Flo­ri­an Li­enau streicht ihr zu­erst die Schmerz­ta­blet­ten. „Und wenn ich Kopf­schmer­zen be­kom­me?“„Dann sa­gen Sie Be­scheid.“„Und dann?“„Be­kom­men Sie ein Mit­tel ge­gen Übel­keit.“

ob ei­ne The­ra­pie GE­LINGT, hängt auch vom arzt ab

ist der ent­zug ge­schafft, be­gin­nen die pa­ti­en­tin­nen ein pro­gramm aus ent­span­nungs-, psy­cho- und phy­sio­the­ra­pie. Trotz­dem wird un­ge­fähr ein Drit­tel der Frau­en rück­fäl­lig. Des­halb macht Dr. aria­ne Burt­scher, Spe­zia­lis­tin für Schmerz­mit­tel­ent­zug an der Schön Kli­nik in Bad ai­b­ling, ih­ren ehe­ma­li­gen ein be­son­de­res an­ge­bot: „Mir ist wich­tig, dass sie nach der ent­las­sung nicht wie­der auf sich und ih­ren haus­arzt ge­stellt sind. Die Frau­en kön­nen sich je­der­zeit an mich wen­den.“Dank die­ses an­ge­bots fällt kaum ei­ne frisch Ge­ne­se­ne in al­te Mus­ter zu­rück – selbst wenn die ge­fürch­te­te Mi­grä­ne doch ein­mal wie­der­kommt. Dar­über hin­aus lei­tet die Me­di­zi­ne­rin ih­re Schütz­lin­ge da­zu an, ein Schmerz­mit­tel­be­wusst­sein auf­zu­bau­en: „Die­se Ta­blet­ten ha­ben nicht nur ei­ne Wir­kung, son­dern auch ei­ne ne­ben­wir­kung.“vie­le Frau­en bit­ten ih­re Män­ner, vor der ent­las­sung erst mal ih­re Me­di­ka­men­ten­ver­ste­cke zu räu­men. Um gar nicht erst in ver­su­chung ge­führt zu wer­den...

auch Wer nur Sel­ten Schmerz­ta­blet­ten NIMMT, hat ein Ge­sund­heits­ri­si­ko

ak­tu­el­le Stu­di­en zei­gen, dass zahl­rei­che Schmerz­mit­tel selbst bei ein­nah­me ge­mäß emp­feh­lung viel stär­ke­re ne­ben­wir­kun­gen ha­ben als bis­lang an­ge­nom­men. Die größ­te Un­ter­su­chung da­zu stammt von der Uni­ver­si­tät Mon­tre­al. Sie zeigt: So­gar wer die arz­nei­en nor­mal do­siert und nur we­ni­ge Ta­ge nach­ein­an­der ein­nimmt, er­höht sein in­farkt­ri­si­ko. au­ßer­dem sind vie­le Schmerz­mit­tel ge­fähr­lich für un­se­ren Ma­gen. Die Wirk­stof­fe blo­ckie­ren ein wich­ti­ges en­zym, das die Ma­gen­schleim­haut schützt – durch ei­ne län­ge­re ein­nah­me steigt die Wahr­schein­lich­keit für Ma­gen­blu­tun­gen. zur ver­an­schau­li­chung: Be­reits nach ei­ner Wo­che ass-ein­nah­me laut Bei­pack­zet­tel sind bei 80 pro­zent der pa­ti­en­ten Schä­den an der Ma­gen­schleim­haut nach­weis­bar. Dr. Ger­hard Mül­ler-schwe­fe, prä­si­dent der Deut­schen Ge­sell­schaft für Schmerz­me­di­zin: „Das pro­blem ist, dass vie­le der frei ver­käuf­li­chen Ta­blet­ten seit ewig­kei­ten auf dem Markt sind. Das be­deu­tet: ih­re ver­träg­lich­keit wur­de nicht in dem Maß über­prüft, wie es heu­te Ge­setz ist.“

end­lich: ich Bin Wie­der ich

Uta hol­lask hat nach der Kli­ni­k­ent­las­sung ihr Le­ben ra­di­kal um­ge­krem­pelt: Sie hat sich schei­den las­sen und den Job ge­wech­selt. aber am al­ler­wich­tigs­ten: Sie hat ih­re ein­stel­lung ge­än­dert. hat­te sie frü­her je­de Wo­che star­ke Kopf­schmer­zen, be­kommt sie die jetzt höchs­tens noch ein­mal im Mo­nat. „Wenn ich das ers­te an­zei­chen spü­re, neh­me ich mir ei­ne aus­zeit. Ge­he mit dem hund raus, le­ge mich aufs So­fa. Und wenn die Kü­che ge­ra­de wie ex­plo­diert aus­sieht, dann ist das eben so.“Seit­dem fühlt sie sich leich­ter, stär­ker, fröh­li­cher – als wä­re sie nach Jah­ren aus ei­nem dunk­len Loch ge­krab­belt. „end­lich le­be ich wie­der. Ge­ra­de ha­be ich mich so­gar für ei­ne Stel­le auf der in­ten­siv­sta­ti­on ei­nes Kran­ken­hau­ses be­wor­ben. Das traue ich mir jetzt wie­der zu.“Üb­ri­gens steckt ei­ne ein­zi­ge ibu­pro­fen noch im­mer in Uta hol­lasks porte­mon­naie. „Schon seit Mo­na­ten! Die brau­che ich für das si­che­re Ge­fühl...“

„Im­mer wie­der be­wusst, auf den ei­ge­nen Kör­per hö­ren“

Uta Hol­lask hat ge­lernt, wie wich­tig es ist, die klei­nen Pau­sen zu ge­nie­ßen... ...oder macht ei­nen aus­gie­bi­gen Spa­zier­gang

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