ko­lum­ne War­um die Mei­nung von an­de­ren ei­gent­lich so wich­tig ist

... im­mer häu­fi­ger, was die an­de­ren von die­sem Ho­tel, Arzt, Spa oder Out­fit hal­ten. Aber war­um ei­gent­lich?

MYWAY - - VORDERSEITE -

Mei­ne Frau denkt neu­er­dings viel über Ale­xa nach. Nein, es ist nicht so, wie es klingt. Es han­delt sich bei Ale­xa um ei­ne so­ge­nann­te di­gi­ta­le As­sis­ten­tin, ei­ne vir­tu­el­le Per­son al­so – für Ama­zon das, was et­wa Si­ri für App­le ist. Mei­ne Frau nun glaubt, Ale­xa kön­ne ihr in mo­di­schen Fra­gen in Zu­kunft hel­fen. Wie das lau­fen soll? Ea­sy, wie der di­gi­ta­le No­ma­de sa­gen wür­de: mit „Echo Look“. Die­ses „Echo Look“be­steht aus ei­ner Ka­me­ra und ei­nem Mi­kro­fon. Per Sprach­be­fehl kann man da­mit Fo­tos und Vi­de­os ma­chen, die via App an­ge­se­hen wer­den kön­nen. Auf Ba­sis der Bil­der macht Ale­xa dann ei­nen Style­check und be­wer­tet die je­wei­li­gen Out­fits. An­zie­hen will mei­ne Gat­tin dann, was von ih­ren Vor­schlä­gen bei Ale­xa am bes­ten ab­schnei­det. Klingt ja ganz nett, aber mal im Ernst: Wer ist denn die­se Ale­xa über­haupt, und auf wel­cher Ba­sis be­wer­tet sie den Klei­der­schrank mei­ner Liebs­ten? Über­haupt die­ser Be­wer­tungs­wahn­sinn: Je­der Be­reich in un­se­rem Le­ben wird durch den Ka­kao ge­zo­gen. Wer ei­nen Part­ner sucht, muss sich in On­lin­e­por­ta­len von der Schwarm­dumm­heit quä­len las­sen, die an­hand ei­nes Fo­tos auf ei­ner Ska­la von 1 bis 10 die ver­meint­li­che At­trak­ti­vi­tät ein­schätzt. Da­bei ist doch At­trak­ti­vi­tät nicht be­re­chen­bar wie die Wur­zel von 69. Über Ge­schmack muss man wei­ter­hin strei­ten kön­nen, es geht doch wohl nicht an, dass man auf der Ba­sis ei­nes mies be­lich­te­ten Fo­tos ein für al­le Mal ei­ne 5,4 ist! Auch je­de harm­lo­se Piz­zabu­de wird auf Por­ta­len wie Yelp, Open Ta­ble oder

nächs­ten Mo­nat fragt sich Ha­rald Braun ... war­um er sich ei­gent­lich nicht mehr in der Son­ne bräu­nen darf, wenn’s ihm doch so gut­tut?

via Goog­le-re­zen­si­on durch den Wolf von so­ge­nann­ten Tes­tern, sprich Kun­den ge­dreht, über de­ren Be­wer­tungs­maß­stä­be man in der Re­gel we­ni­ger er­fährt als über ih­re sub­jek­ti­ven Vor­lie­ben und ihr ge­stör­tes Ver­hält­nis zur Recht­schrei­bung. Was kann denn Lu­i­gis Ta­ver­ne da­für, dass ir­gend­ein Heinz Ka­pern nicht kennt und über­haupt bei al­lem, was über ei­ne Fung­hi mit Zwie­beln hin­aus­geht, die Waf­fen streckt? Nein, mal ehr­lich: Kann man von die­sen gan­zen Be­wer­tungs­por­ta­len halb­wegs brauch­ba­re Er­geb­nis­se er­war­ten? Was müs­sen sich zum Bei­spiel Ärz­te oder Leh­rer in ein­schlä­gi­gen Fo­ren al­les an­hö­ren? Dass Schü­ler Ke­vin­mi­key nicht be­geis­tert ist von Ma­the­leh­rer Mül­ler, dürf­te nach­voll­zieh­bar sein, wenn der ihm im Zeug­nis ei­ne glat­te Sechs at­tes­tiert hat. Da­für, dass Ke­vin-mi­key auch mit 15 Jah­ren Prim­zah­len noch für et­was hält, das man in der Pfei­fe raucht, soll nun Mül­ler ab­ge­straft wer­den. Er darf im Leh­r­er­fo­rum nach­le­sen, was für ein er­bärm­li­cher Päd­ago­ge er sei, wo­mög­lich auch noch ei­ner mit er­bärm­lich klei­ner Lan­ze (Sor­ry, aber das ist so das Ni­veau...). Trotz­dem liest sich mei­ne Gat­tin – und recht vie­le Leu­te, die ich ken­ne – durch di­ver­se Fo­ren und lässt sich dort von Men­schen und de­ren Ein­schät­zun­gen be­ein­flus­sen, die sie we­der kennt noch schätzt. Ich sa­ge da­zu nichts mehr, seit­dem sie mich neu­lich we­gen ei­ner an­geb­lich merk­wür­di­gen Hemd­ho­se-schu­he-kom­bi­na­ti­on kri­ti­siert hat. Die Frau hat ein­fach kei­ne Ah­nung, wie mo­di­sche Män­ner ge­klei­det sein müs­sen. Zum Glück hat Ale­xa mir das Top-out­fit vor­ge­schla­gen.

ha­rald Braun, 56, lebt mit sei­ner Frau Sa­bi­ne, 50, in horst (hol­stein). als lang­jäh­ri­ger Ehe­mann und Mit­ar­bei­ter bei Frau­en­zeit­schrif­ten kennt er sich na­tür­lich bes­tens mit den weib­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten aus. und wun­dert sich ab und an trotz­dem über sie.

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