War­um Selbst­dis­zi­plin glück­li­cher, ge­sün­der & rei­cher macht Ein Ver­hal­tens­for­scher klärt auf

Spa­ren statt shop­pen, Sport statt So­fa, Sa­lat statt Scho­ko­la­de... Wil­lens­star­ke Men­schen ste­hen im Ruf, we­nig Spaß im Le­ben zu ha­ben. Wie falsch die­ses Vor­ur­teil ist, er­klärt uns Ver­hal­tens­for­scher Prof. Dr. Mat­thi­as Sut­ter

MYWAY - - INHALT -

War­um hat die Dis­zi­plin ei­gent­lich ei­nen so schlech­ten Ruf? Nun, in un­se­rer heu­ti­gen Ge­sell­schaft ist War­ten nicht mehr ge­fragt. Die Zahl der Ver­su­chun­gen ist grö­ßer als je zu­vor – Pla­ka­te mit köst­li­chem Es­sen ma­chen Ap­pe­tit, die Wer­bung im In­ter­net ver­lei­tet zum Kau­fen und das vi­brie­ren­de Han­dy ver­spricht ei­ne neue Nach­richt. Wir wol­len das al­les so­fort – das schnel­le Er­geb­nis zählt. Das zeigt auch ei­ne Be­fra­gung von mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen zum The­ma Cha­rak­ter­stär­ken deut­lich: Ei­gen­schaf­ten wie Ehr­lich­keit, Hu­mor oder Mut wur­den be­son­ders po­si­tiv be­wer­tet – die Selbst­dis­zi­plin al­ler­dings lan­de­te auf dem letz­ten Platz. Da­bei zei­gen al­le Stu­di­en, dass es sehr vor­teil­haft ist, wenn man dis­zi­pli­niert ist. Was sind das für Stu­di­en? Am be­rühm­tes­ten sind si­cher die Mar­sh­mal­low­ex­pe­ri­men­te von Wal­ter Mi­schel. Da­bei konn­ten Kin­der ent­we­der so­fort ein Mar­sh­mal­low be­kom­men und es­sen oder sie konn­ten zehn bis fünf­zehn Mi­nu­ten war­ten, um dann noch ein zwei­tes da­zu­zu­be­kom­men. Aus den Er­geb­nis­sen von Mi­schels ei­ge­nen und vie­len Nach­fol­ge­stu­di­en ließ sich ei­ne er­staun­lich prä­zi­se Vor­her­sa­ge für Jahr­zehn­te zie­hen: Die Kin­der, die auf das zwei­te Mar­sh­mal­low war­ten konn­ten, wa­ren im Er­wach­se­nen­al­ter rei­cher, ge­sün­der und glück­li­cher. Wie­so das? Wer in der La­ge ist, ei­ner Ver­su­chung zu wi­der­ste­hen und auf ei­ne grö­ße­re Be­loh­nung zu war­ten,

an­statt ei­ne klei­ne so­fort zu be­kom­men, hat es im spä­te­ren Le­ben leich­ter: Er ist in der Re­gel bes­ser aus­ge­bil­det, hat da­durch ein hö­he­res Ein­kom­men. Er ist auch sel­te­ner krank, lebt eher in ei­ner sta­bi­len Part­ner­schaft und wird auch nicht so häu­fig kri­mi­nell oder spiel­süch­tig. Der Grund da­für: Selbst­dis­zi­pli­nier­te Men­schen kön­nen bes­ser zwi­schen „we­ni­ger heu­te“, aber da­für „mor­gen mehr“ab­wä­gen. Wer heu­te we­ni­ger raucht, ist mor­gen ge­sün­der. Wer heu­te we­ni­ger auf Par­tys geht, aber da­für mehr lernt, hat ei­ne bes­se­re Aus­bil­dung... War­um kön­nen man­che Men­schen denn auf das Mar­sh­mal­low war­ten – an­de­re aber nicht? Wil­lens­kraft ist an­stren­gend. Stel­len Sie es sich so vor: Das im­pul­si­ve Sys­tem un­se­res Ge­hirns macht stän­dig Vor­schlä­ge, was wir jetzt, genau in die­sem Mo­ment tun könn­ten. Ei­ne Ta­fel Scho­ko­la­de es­sen bei­spiels­wei­se. Das Paar Schu­he kau­fen. Oder im Mee­ting den Kopf auf den Tisch le­gen und ein­schla­fen. Der Ge­gen­spie­ler, das re­fle­xi­ve Sys­tem, über­prüft die­se Hand­lungs­op­tio­nen, wägt sie ab – und hin­dert uns ge­ge­be­nen­falls dar­an, ih­nen nach­zu­ge­hen. Vier bis fünf St­un­den ver­brin­gen wir schät­zungs­wei­se täg­lich un­be­wusst da­mit, Be­dürf­nis­se zu un­ter­drü­cken. Wie gut uns das ge­lingt, hängt auch von un­se­rem Ar­beits­ge­dächt­nis ab. Un­se­rem Ar­beits­ge­dächt­nis? Ja, das ist der Teil un­se­res Ge­hirns, der un­ser ak­tu­el­les Ver­hal­ten über­wacht. Im Ar­beits­ge­dächt­nis wer­den In­for­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet und Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen. Das Pro­blem ist nur: Sei­ne Ka­pa­zi­tät ist be­grenzt. Der ame­ri­ka­ni­sche So­zi­al­psy­cho­lo­ge Roy Bau­meis­ter konn­te nach­wei­sen, dass die Wil­lens­kraft er­lahmt, wenn das Ar­beits­ge­dächt­nis stark be­las­tet wird. An­ders aus­ge­drückt: Selbst­kon­trol­le bei ei­ner Auf­ga­be macht es müh­sa­mer, auch bei ei­ner an­de­ren nach­fol­gen­den Auf­ga­be selbst­kon­trol­liert zu han­deln. Bau­meis­ter ver­gleicht die Selbst­dis­zi­plin des­halb mit ei­nem Mus­kel, der er­schlafft, wenn man ihn in­ten­siv be­nutzt. Das be­deu­tet aber auch, dass man die­sen Mus­kel, sprich das Ar­beits­ge­dächt­nis stär­ken und trai­nie­ren kann. Wer sich selbst kon­trol­liert, dem wird es auch in Zu­kunft leich­ter­fal­len, er­neut dis­zi­pli­niert zu han­deln. Wie genau funk­tio­niert das? Da­zu gibt es ei­ne sehr span­nen­de neue Stu­die aus der Ver­hal­tens­öko­no­mie. Sie zeigt, dass Kin­der lang­fris­tig vor­teil­haf­te­re Ent­schei­dun­gen tref­fen, wenn sie ei­ni­ge Wo­chen dar­in ge­schult wer­den, sich die lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen ih­rer Ent­schei­dun­gen de­tail­liert vor­zu­stel­len. Das ist sehr in­ter­es­sant, weil durch die­ses be­wuss­te VorAu­gen­füh­ren of­fen­bar das Ab­wä­gen zwi­schen der Ge­gen­wart und der Zu­kunft ver­bes­sert wird. Und genau dar­um geht es beim The­ma Selbst­dis­zi­plin schließ­lich! Gibt es auch ein Zu­viel an Selbst­dis­zi­plin? Ja, das gibt es. „Selbst­er­schöp­fung“nennt es sich, wenn wir uns chro­nisch selbst hemmen. Je mehr wir uns zu­sam­men­rei­ßen, des­to mehr lässt die Qua­li­tät un­se­rer Ent­schei­dun­gen nach. Und am En­de wäh­len wir dann den leich­tes­ten Weg. Aber ich wüss­te nie­man­den, der be­stim­men kann, wo genau die Gren­ze liegt. Um es mit den Wor­ten von Roy Bau­meis­ter zu sa­gen: „Zum Le­ben ge­hört nicht nur Selbst­kon­trol­le, son­dern auch das Wis­sen, wann es Zeit ist, der Ver­su­chung nach­zu­ge­ben. Ein Zu­viel an Selbst­kon­trol­le be­deu­tet, ewig auf den zwei­ten Mar­sh­mal­low zu war­ten. Ein Zu­viel an Selbst­kon­trol­le ist ein un­ge­leb­tes Le­ben.“

Heut­zu­ta­ge wol­len wir al­les so­fort – das schnel­le Ergb­nis zählt“

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