„Hal­lo iris, lass mal lie­ber!“Ein Brief an mein jün­ge­res Ich

Wä­re es nicht toll, wenn man sei­nem Te­enage­rich ein paar Tipps für das Le­ben mit auf den Weg ge­ben könn­te? My­way-au­to­rin Iris Soltau be­gibt sich auf ei­ne Zei­t­rei­se in das Jahr 1984

MYWAY - - INHALT -

LIE­BE Iris,

wahr­schein­lich stehst du ge­ra­de vor dem Ba­de­zim­mer­spie­gel, kne­test dir schaum­fes­ti­ger in die haa­re und schmeißt den fön an. Wie je­den mor­gen ar­bei­test du dich an dei­nem „ne­na-look“ab. spä­tes­tens in zwei st­un­den fällt die fri­sur zu­sam­men, nur über den Oh­ren blei­ben noch zwei flü­gel ste­hen – ge­stützt von die­sem 80er-jah­re-kil­ler-haar­lack, mit dem man auch flug­zeug­tei­le fi­xie­ren kann. Ir­gend­wann wirst du so frus­triert sein, dass du dei­nen fri­seur bit­test, dir ei­ne Dau­er­wel­le zu ma­chen. Das er­geb­nis sind kei­ne Wel­len, son­dern Löck­chen, wie sie auch ru­di Völ­ler und die Pu­del der Ja­cob sis­ters tra­gen. Klei­ner Trost: Dank die­ser Blitz­al­te­rung wirst du in der Dis­co nicht mehr nach dem aus­weis ge­fragt. Du bist jetzt 14. an man­chen Ta­gen denkst du, du hast den to­ta­len Durch­blick, wie das so läuft in der Welt. an an­de­ren bist du un­si­cher. über­legst, wer dein Vor­bild sein könn­te. ma­don­na? (Die Pha­se mit den Tü­chern im haar, den Ket­ten und dem „Boy Toy“-gür­tel.) Die mä­dels aus der an­ti-atom­kraft-grup­pe? (selbst ge­ba­tik­ter schal, samt­schlap­pen aus der Tee­stu­be.) Oder die coo­len Pop­per aus der Ober­stu­fe? (Okay, da bist du ganz schnell raus, weil sich dei­ne mut­ter wei­gert, 50 mark für ein „marc O’po­lo“sweat­shirt zu zah­len.) macht nichts, du bist ja ex­pe­ri­men­tier­freu­dig. fin­dest auf dem Dach­bo­den ei­ne al­te Tru­he, in der Klei­der dei­ner Uro­ma ein­ge­mot­tet sind, und schnei­derst dir aus den Bro­kat­stof­fen ha­rems­ho­sen. auf dem Weg zur Bus­hal­te­stel­le ge­hen hin­ter dir die fens­ter auf – die nach­barn wol­len gu­cken, wie du wohl heu­te wie­der rum­läufst. mit 15 schminkst du dich ei­ne Zeit­lang wie die new-wa­ve-iko­ne sioux­sie sioux: di­cke schwar­ze Ka­jal­bal­ken um die au­gen, schwar­zer Lip­pen­stift. Dem Bus­fah­rer, der in ge­läch­ter aus­bricht, wenn er dich sieht, wirfst du ei­nen ver­nich­ten­den Blick zu.

Du bist viel mu­ti­ger als ich. Wenn ich heu­te ein aus­ge­fal­le­nes Out­fit an­zie­he, schaf­fe ich es bis zur Woh­nungs­tür, dann schlüp­fe ich wie­der in die Kom­fort-uni­form Je­ans und T-shirt. Das wür­dest du nie ma­chen – auch wenn du spä­ter mal ei­ne gan­ze Par­ty lang an der Wand lehnst, weil das selbst ge­näh­te Schlauch­kleid aus Rippst­rick im­mer über den Po rutscht.

SCHLIESSE FRIE­DEN MIT DEI­NEN PI­CKELN!

Du pro­bierst stän­dig neue Din­ge aus. Ge­ra­de hast du Selbst­bräu­ner ent­deckt. Den trägst du dir auf die Bei­ne auf, weil du sie zu blass fin­dest. Ein­mal. Zwei­mal. Drei­mal. Ir­gend­wann sieht der un­te­re Teil dei­nes Kör­pers aus, als hät­te er Ur­laub in Ita­li­en ge­macht – und der obe­re Teil muss­te in Nord­deutsch­land blei­ben. Du fährst trotz­dem in Shorts in die Schu­le. Über­haupt, Son­nen­bräu­ne. Im ers­ten Grie­chen­land-ur­laub mit den Girls schmierst du dich mit Ba­by­öl ein, soll die Far­be in­ten­si­vie­ren. Lichtschutzfaktor: Mir doch schnup­pe. Das Ein­zi­ge, was in­ten­siv wird, ist der Son­nen­brand. Die­ser Irr­sinn wird nur ge­toppt von dei­ner So­la­ri­ums­pha­se in den Neun­zi­gern. Die Quit­tung: Ab 40 trägst du kei­ne tief aus­ge­schnit­te­nen Tops mehr, weil dein De­kol­le­té so knitt­rig ist. Da­für wirst du ei­ni­ge Ma­le pa­nisch beim haut­arzt auf­lau­fen und ihm dei­ne Mut­ter­ma­le un­ter die Na­se hal­ten. Du gehst nicht mehr un­ge­schminkt aus dem haus. Ja, du hast Ak­ne, hör auf, dich dar­über zu är­gern. Schlie­ße Frie­den mit dei­nen Pi­ckeln, denn sie wer­den nie ganz ver­schwin­den. Rich­tig ge­hört, ir­gend­wann kommt der Tag, an dem du ent­deckst, dass du Pi­ckel UND Fal­ten hast. Die gu­te Nach­richt: Es gibt Tre­at­ments, die dir ei­nen tol­len Teint zau­bern. Sie sind nur nicht ganz bil­lig. Viel­leicht könn­test du jetzt schon mal ein biss­chen Ta­schen­geld zu­rück­le­gen? Oder, noch bes­ser, kau­fe App­le-ak­ti­en. Noch ei­ne Sa­che, um die ich dich be­nei­de, ist dein Stoff­wech­sel. Ich re­de nicht da­von, schnell mal von ei­ner Ka­rot­ten­ho­se in die an­de­re zu sprin­gen. Son­dern da­von, dass du dich mit An­fang 20 nur von Tor­tel­li­ni in Sah­ne­s­o­ße er­nährst und trotz­dem ger­ten­schlank bist. Und heu­te? hat sich der Bauch­speck ge- müt­lich ein­ge­rich­tet, lässt sich we­der von Sport noch von ge­sun­der Er­näh­rung ver­trei­ben. Wo­bei wir beim The­ma Diä­ten wä­ren... Ich ma­che es kurz. Fang gar nicht erst da­mit an. Du und ich, wir kön­nen von­ein­an­der ler­nen. Ich wünsch­te, ich könn­te mich wie­der ins Le­ben stür­zen wie du, kopf­über und oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Was ich dir ra­te? Um­gib dich mit Men­schen, die dir gut­tun. Nimm den Jun­gen, der dich zum La­chen bringt, nicht den Bad Boy. Ver­glei­che dich nicht mit an­de­ren. Lass die Fin­ger von Stu­fen­schnit­ten. Wenn du spä­ter mal an ei­ne me­xi­ka­ni­sche Fri­seu­rin ge­rätst, die noch schlech­ter Eng­lisch spricht als du, ver­such erst gar nicht, das Wort „Stu­fe“zu über­set­zen. Weil sie dir ei­ne gro­ße Stu­fe ober­halb des Ohrs schnei­det und du drei Ta­ge heu­len wirst. Und lass dir nicht im­mer wie­der aus Lan­ge­wei­le ei­nen Po­ny schnei­den. Steht dir ein­fach nicht. Den­ke nicht stän­dig dar­über nach, was du ver­bes­sern kannst. Du bist per­fekt so, wie du bist. Dei­ne Iris

PS: Ges­tern be­kam ich ei­ne Post­kar­te von un­se­rem 60-jäh­ri­gen Ich. Dar­auf stand: „Ge­nieß das Le­ben!“

2017: Ro­te Lip­pen & hel­les Blond – su­per Team!

1986: Broo­ke-shiel­d­sAu­gen­brau­en & Schul­ter­pols­ter

Ich mit Nena­w­an­na­be-fri­sur 1984:

1985: Dra­ma­ti­sches Au­gen­ma­ke-up

In mei­ner 1997: Par­ty-pha­se 1998: Der Kurz­haar­schnitt: ein Fri­seu­r­un­fall!

Na­tür­lich, 2005: Stu­fen aber ul­ki­ge 2007: Mit m Tocht Ka­lif – Zei Kämm Feh­la

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