Ab­schied der An­ge­schla­ge­nen

Dort­mund war Mo­na­co nicht ge­wach­sen. An­ge­sichts der dra­ma­ti­schen Vor­ge­schich­te wun­dert das nicht. Be­kom­men die Spie­ler den Hor­ror aus dem Kopf?

Neu-Ulmer Zeitung - - Sport - VON FLO­RI­AN EI­SE­LE UND ANIKA ZIDAR

Thomas Tu­chel mach­te aus sei­ner Ent­täu­schung kei­nen Hehl, stell­te sich aber de­mons­tra­tiv hin­ter sei­ne Mann­schaft. „Wir ha­ben uns bis vor acht Ta­gen kom­plett be­reit ge­fühlt, die­ses Vier­tel­fi­na­le zu ge­win­nen. Die Vor­zei­chen ha­ben sich aber auf dra­ma­ti­sche Wei­se ge­än­dert“, kom­men­tier­te der Dort­mun­der Trai­ner das Cham­pi­ons-Le­ague-Aus der Bo­rus­sia beim 1:3 (0:2) in Mo­na­co. Mit Ver­weis auf den Spreng­stoff­an­schlag ei­ne Wo­che zu­vor auf den Te­am­bus ver­wei­ger­te er ein rein sport­li­ches Re­sü­mee: „Man muss auf­pas­sen, dass man die­se bei­den Spie­le ge­gen Mo­na­co nicht zu hoch be­wer­tet und die Leis­tung als al­lei­ni­gen Maß­stab nimmt.“

Mehr noch als beim 2:3 im ers­ten Du­ell blieb die Bo­rus­sia beim Rück­spiel un­ter ih­ren Mög­lich­kei­ten. Selbst die emo­tio­na­le An­spra­che des über­ra­schend erst kurz vor dem An­pfiff an­ge­reis­ten und am Arm ver­letz­ten An­schlag-Op­fers Marc Bar­tra in der Ka­bi­ne blieb oh­ne die ge­wünsch­te Wir­kung. Wie der FC Bay­ern ei­nen Tag zu­vor bei Re­al Ma­drid ver­pass­te auch der Re­vier­klub den Halb­fi­nal-Ein­zug. Da­mit ist die Welt­meis­ter­li­ga erst­mals seit 2009 nicht in der Run­de der letz­ten vier Teams ver­tre­ten. Doch an­ders als die Münch­ner in der spa­ni­schen Haupt­stadt blie­ben die Dort­mun­der im Fürs­ten­tum chan­cen­los. „Wir wa­ren nicht hun­dert­pro­zen­tig be­reit“, be­kann­te Tor­hü­ter Ro­man Bür­ki.

Schon auf dem kur­zen Weg vom Ho­tel in das Sta­di­on kehr­ten schmerz­li­che Er­in­ne­run­gen zu­rück. Fast 20 Mi­nu­ten muss­ten die Dort­mun­der aus un­er­klär­li­chen Grün­den im Bus ver­har­ren, ehe die ört­li­che Po­li­zei das Start­zei­chen gab. „Nach­dem was uns pas­siert ist, gibt es kaum ei­ne schlech­te­re Si­tua­ti­on, als dass du wie­der ge­mein­sam im Bus sitzt und es geht nicht los. Es war ein et­was be­klem­men­des Ge­fühl“, klag­te Tu­chel, „al­le hat­ten den glei­chen Ge­dan­ken – und der ging nicht um Fuß­ball.“Nach Ein­schät­zung von Ver­tei­di­ger Mar­cel Schmel­zer hat­te die­se Pan­ne je­doch kei­nen gro­ßen Ein­fluss auf die Par­tie: „Ich den­ke nicht, dass das ei­ne Rol­le ge­spielt hat.“

Ähn­lich sub­op­ti­mal wie die An­fahrt ver­lief der Spiel­be­ginn. Be­reits nach 17 Mi­nu­ten lag der BVB durch die Tref­fer von Ky­li­an Mbap­pé und Ra­damel Fal­cao vor­ent­schei­dend mit 0:2 zu­rück. „Für den Kopf ist es schwie­rig, so zu star­ten“, kom­men-

Das Aus­schei­den ge­gen Re­al Ma­drid hat den FC Bay­ern tief ge­trof­fen. Wie hit­zig es di­rekt nach dem En­de der Par­tie in den Ka­ta­kom­ben des Ma­dri­der Bern­abeuS­ta­di­ons zu­ge­gan­gen sein muss – dar­über gibt es ver­schie­de­ne Ver­sio­nen.

Ei­ne da­von ist die der spa­ni­schen Zei­tung Mar­ca. Das Blatt hat­te be­rich­tet, dass die Bay­ern-Spie­ler Ar­turo Vi­dal, Ro­bert Le­wan­dow­ski und Thia­go nach Ab­pfiff Schieds­rich­ter Vik­tor Kas­sai be­lei­digt und sei­ne Ka­bi­ne ge­stürmt hät­ten. Die­ser Darstel­lung wi­der­sprach der FC Bay­ern – doch mitt­ler­wei­le be­las­tet auch die spa­ni­sche Po­li­zei den deut­schen Re­kord­meis­ter.

Wie ei­ne Spre­che­rin der Po­li­zei Ma­drid un­se­rer Zei­tung auf Nach­fra­ge tier­te Na­tio­nal­stür­mer Mar­co Reus, des­sen zwi­schen­zeit­li­cher An­schluss­tref­fer zum 1:2 in der 48. Mi­nu­te nur kurz für neue Hoff­nung sorg­te. Mög­li­cher­wei­se war die­ser ka­pi­ta­le Fehl­start auch dem Ent­schluss des Trai­ners ge­schul­det, den zu­vor wo­chen­lang ver­letz­ten Erik Durm oh­ne viel Spiel­pra­xis in die Start­elf zu be­or­dern. So lei­te­te Mo­na­co sei­ne ers­ten bei­den Tref­fer über die vom 24-Jäh­ri­gen be­setz­te Sei­te ein.

Be­reits nach ei­ner knap­pen hal­ben St­un­de kor­ri­gier­te Tu­chel sei­ne Auf­stel­lung und brach­te den of­fen­si­ve­ren Ous­ma­ne Dem­bé­lé für Durm in die Par­tie. Der Fuß­ball­Leh­rer gab sich selbst­kri­tisch: „Dass Erik der Leid­tra­gen­de war, neh­me ich auf mich. Ich ha­be ihm sag­te, ha­be das Münch­ner Spie­ler­trio sehr wohl ver­sucht, in die Ka­bi­ne des Schieds­rich­ters zu ge­lan­gen: „Drei Spie­ler ha­ben ver­sucht, die Schieds­rich­ter­ka­bi­ne zu be­tre­ten. Sie stan­den schon an der Tür­schwel­le, dann muss­te die Po­li­zei ein­schrei­ten und die Spie­ler Vi­dal, Le­wan­dow­ski und Thia­go weg­brin­gen.“

Laut Aus­kunft des FC Bay­ern sei es zu kei­ner­lei Be­lei­di­gun­gen oder Dro­hun­gen ge­kom­men. Am Schieds­rich­ter­ge­spann hat­ten aber auch die Ver­ant­wort­li­chen des FC Bay­ern kein gu­tes Haar ge­las­sen. Vor­stands­chef Karl­heinz Rum­me­nig­ge hat­te gesagt: „Wir wur­den be­schis­sen.“Er fühl­te sich von Kas­sai und sei­nen As­sis­ten­ten be­nach­tei­ligt, das zu­ge­traut, im Trai­ning hat er ei­nen gu­ten Ein­druck ge­macht.“Viel Zeit, das bit­te­re Aus zu ver­ar­bei­ten, bleibt nicht.

Be­reits in Kür­ze ste­hen zwei wei­te­re kniff­li­ge Aus­wärts­auf­ga­ben an. Nur ein Sieg am Sams­tag (18.30 Uhr) bei Bo­rus­sia Mönchengladbach dürf­te die Chan­ce er­hö­hen, im Bun­des­li­ga-End­spurt doch noch den drit­ten Rang und da­mit die als Sai­son­ziel aus­ge­ge­be­ne di­rek­te Qua­li­fi­ka­ti­on für die Cham­pi­ons Le­ague zu schaf­fen. „Al­le ha­ben bei uns den weil zwei To­re Ma­drids beim 4:2-Sieg aus Ab­seits­po­si­ti­on er­zielt wor­den wa­ren. Ei­ni­ge Bay­ern-Fans wer­den die Par­tie in Ma­drid aus an­de­ren Grün­den noch in un­gu­ter Er­in­ne­rung ha­ben. In der Halb­zeit­pau­se stürm­te ein Ein­satz­kom­man­do der Po­li­zei den Gäs­te­block und prü­gel­te mit Schlag­stö­cken auf Fans ein, meh­re­re er­lit­ten Platz­wun­den. Wie die Ma­dri­der Po­li­zei nun sag­te, war ein et­wa ein Qua­drat­me­ter gro­ßes Fan-Ban­ner der be­freun­de­ten fran­zö­si­schen Fans „Ul­tra­ma­ri­nes Bor­deaux“der Aus­lö­ser für den Ein­satz. Die Spre­che­rin der Po­li­zei Ma­drid füg­te An­spruch, auch nächs­tes Jahr wie­der in die­sem Wett­be­werb zu spie­len“, sag­te Schmel­zer. Nur vier Ta­ge spä­ter reist die Bo­rus­sia zum Po­kal-Halb­fi­na­le nach München. Dort kommt es zum Du­ell der mo­men­tan im Frust ver­ein­ten in­ter­na­tio­na­len Aus­hän­ge­schil­der des deut­schen Fuß­balls.

„Ich glau­be, dass der Druck für die Bay­ern we­sent­lich grö­ßer ist als für uns“, be­fand Schmel­zer. Sport­di­rek­tor Michael Zorc hofft, dass die Mann­schaft mög­lichst schnell wie­der zu sich selbst fin­det: „Die Ex­plo­si­on vor dem Hin­spiel ist nicht in ei­ner Wo­che oder in zwei Wo­chen ver­ar­bei­tet. Aber das hilft ja nichts, wir spie­len auch wei­ter­hin im Drei­Ta­ge-Rhyth­mus und müs­sen uns den Auf­ga­ben stel­len.“ an: „Ord­ner hat­ten die Fans zu­vor schon auf­ge­for­dert, das Ban­ner her­aus­zu­ge­ben. Als das nicht pas­sier­te, muss­te die Po­li­zei fünf Gäs­te­fans aus dem Block raus­wer­fen.“War­um die Fah­ne der Fran­zo­sen, die ei­nen Pi­ra­ten mit Mes­ser zeig­te, ein Auf­re­ger war, woll­te die Po­li­zei aber nicht sa­gen.

Der FC Bay­ern leg­te bei der Ue­fa be­reits Be­schwer­de ein. Die Ver­ei­ni­gung der ak­ti­ven Bay­ern-Fans, der „Club Nr. 12“, geht da­von aus, dass ei­ni­ge Fans An­zei­ge ge­gen die Po­li­zis­ten stel­len wer­den: Das Auf­hän­gen des Ban­ners, „das we­der ras­sis­ti­sche noch sons­ti­ge po­li­ti­sche oder ver­un­glimp­fen­de Aus­sa­gen trug“kön­ne kei­nen der­ar­ti­gen Ein­satz recht­fer­ti­gen. Laut Aus­kunft des spa­ni­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums sol­len die Vor­fäl­le in ei­ner La­ge­be­spre­chung nächs­te Wo­che auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Un­par­tei­ischen Vik­tor Kas­sai hef­tig, und wohl auch mehr­spra­chig, be­schimpft. An­ge­sichts des Münch­ner Er­re­gungs­gra­des regt sich die Vor­stel­lung von ei­ner ro­ten Kampf­trup­pe, die mit Blend­gra­na­ten und Vor­schlag­häm­mern die Ka­bi­ne en­tert.

Die Po­li­zei, die den Schieds­rich­ter­raum si­cher­te, de­men­tiert des­sen Er­stür­mung. Die drei hät­ten es ver­sucht, sei­en aber, ähn­lich wie im Spiel im­mer wie­der, an der spa­ni­schen Ab­wehr­ket­te ge­schei­tert.

Fo­to: Bernd This­sen, dpa

Hat­ten bei­de Trost nö­tig: Dort­munds Trai­ner Thomas Tu­chel und Spie­ler Pier­re Eme­rick Auba­meyang nach der 1:3 Nie­der­la­ge im Vier­tel­fi­nal Rück­spiel in Mo­na­co.

Ein ent­setz­ter Gui­do Burg­stal­ler nach dem Aus­schei­den. Fo­to: Eib­ner

Fo­to: dpa

Im Fo­kus: Schieds­rich­ter Vik­tor Kas­sai.

Fo­to: imago

Der Zufluchts­ort der Un­par­tei­ischen. An der Wand ein Sinn­spruch: „Der Schieds rich­ter hat im­mer recht, auch wenn er nicht recht hat.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.